Ab Freitag werden Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrpersonal von Grund- und Förderschulen in Unna geimpft. © dpa
Impf-Ärger

Über 90-jährige Eheleute aus Lünen: Zum Impfen nach Unna statt zum Arzt

Die Taxifahrt zum Impfzentrum können sich die 93 und 94 Jahre alten Lüner Eheleute nicht leisten. Da passt es doch prima, dass Hausärzte jetzt auch impfen dürfen - oder vielleicht doch nicht?

Der 93-jährige Lüner und seine Frau (94) * sind völlig verzweifelt. Das Ehepaar aus Lünen-Süd hat zwar Impftermine gegen das Coronavirus in Unna, scheut den weiten Weg zum Impfzentrum mit dem Taxi aber aus Kostengründen – und der Hausarzt will sie nicht impfen:

„Wir haben insgesamt drei Termine bekommen. Einen, für uns beide im April, und zwei im Mai an verschiedenen Tagen. Wenn wir da jedes Mal mit dem Taxi hin- und zurückfahren, kostet uns das insgesamt etwa 270 Euro. Das können wir uns finanziell gar nicht leisten.“ Das erklärte die Frau am Mittwoch (7. April) gegenüber der Redaktion am Telefon.

Alternativen zum Taxi gebe es nicht, sagte die Seniorin weiter, die „schon mehrfach umgekippt ist – im Supermarkt, auf der Straße, im Bus“. Zu der Tochter hätten sie und ihr Ehemann schon seit Jahren keinen Kontakt mehr, und von den Mitbewohnern der Betreutes-Wohnen-Anlage, in der das Ehepaar seit 32 Jahren lebt, sei auch niemand in der Lage, sie dreimal nach Unna hin- und her zu kutschieren.

„Deshalb habe ich auf Empfehlung des Kreises Unna unseren langjährigen Hausarzt gebeten, mich und meinen Mann gegen das Coronavirus zu impfen“, sagt die Rentnerin. Ja, und?

„Der hat das glatt abgelehnt. Es gibt Leute, hat er gesagt, die sind schlimmer dran als Sie und ihr Ehemann. Wir sollten den Termin in Unna wahrnehmen.“

Für die Lünerin, deren Ehemann „kleiner Angestellter“ war und deshalb „nur eine kleine Rente, von der wir leben“ bezieht, ist das nicht nachvollziehbar: „Wissen Sie, mein Mann wurde schon mehrfach wegen Hautkrebs operiert. Er hat mehrere Hautverpflanzungen am Kopf bekommen. Da sind überall dicke braune Beulen.“

Beide Eheleute mit Vorerkrankungen

Und um ihre Gesundheit sei es auch nicht gerade zum Besten gestellt, sagte die 94-Jährige, die im August, „wenn Gott will“, ihren 95. Geburtstag feiert:

„Eigentlich bräuchte ich zwei neue Herzklappen, die Operation, ich lag schon auf dem OP-Tisch, wurde jedoch abgebrochen. Das Risiko war den Ärzten einfach zu groß – da war zu viel Kalk im Gewebe. Nach einem Sturz mussten meine beiden Arme operiert werden, außerdem habe ich zwei Bandscheiben-Operationen hinter mir. Es sollte doch möglich sein, dass uns der Hausarzt impft.“

Vorerst geht das zumindest nicht. Denn der Arzt macht 14 Tage lang Urlaub – und ist deshalb auch für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Beim Kreis Unna hieß es derweil, dass ein Hausarzt grundsätzlich die Impfung mit dem Hinweis auf einen vorhandenen Termin im Impfzentrum nicht verweigern darf: „Viele Termine für die Impfzentren wurden ja vergeben, da gab es ja noch gar nicht die Möglichkeit, sich beim Hausarzt impfen zu lassen. Das geht ja erst seit Dienstag dieser Woche“, sagte ein Kreissprecher am Mittwoch (7. April).

Fahrdienst in Anspruch nehmen

Für den Fall, dass es Personen nicht möglich sei, selbstständig zu den Impfzentren zu gelangen, sagte der Sprecher, könne der Hausarzt Betroffenen eine Bescheinigung ausstellen, sodass sie einen Fahrdienst in Anspruch nehmen können: „Das lässt sich dann mit der Krankenkasse abrechnen.“

Daneben sei es dank einer Änderung der Rechtslage im oben geschilderten Fall auch möglich, die Zahl der Impftermine von drei auf zwei zu verringern, „weil ‚Begleitpersonen‘ inzwischen auch geimpft werden dürfen“.

Dies würde für das betagte Ehepaar aus Lünen-Süd nach Angaben des Kreises bedeuten: Beim ersten gemeinsamen Impftermin in Unna verabreden die Eheleute vor Ort einen zweiten gemeinsamen Termin, bei dem ein Ehepartner den anderen begleitet und damit beide den Impfstoff erhalten.

*Name ist der Redaktion bekannt

Über den Autor
Redaktion Lünen
Jahrgang 1968, in Dortmund geboren, Diplom-Ökonom. Seit 1997 für Lensing Media unterwegs. Er mag es, den Dingen auf den Grund zu gehen.
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Torsten Storks
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