Fußball ist unser Leben - das trifft auch auf den „Fretful Father" und seinen Sohn zu. Allerdings sind die Perspektiven unterschiedlich. © Claeßen
Familienkolumne

The Fretful Father: Mein Sohn, der Fußball und ich – „Bloody Hell!“

Wie ist das, wenn das eigene Kind sich für eine Sache begeistert, an der man selbst immer größere Zweifel hat? Unseren „Fretful Father“ stürzt ausgerechnet der Fußball in eine Sinnkrise.

Mein Sohn ist Fußballfan. Wobei, „Fan“ trifft es nicht so ganz. „Fanatiker“ passt schon eher, sofern man das bei einem Achtjährigen so sagen kann. Ich meine das auch nicht negativ, es ist eher so wie damals, als Jürgen Klopp zu Borussia Dortmund kam und von einer „positiven Verrücktheit“ sprach, die er von seinen Spielern erwartet. Der Rest ist bekannt.

Jedenfalls versäumt mein Sohn keine Gelegenheit, zu bolzen, zu pöhlen und das Ganze zu kommentieren. Selbst wenn er sich eine Auszeit auf dem Trampolin nimmt, muss ein Ball dabei sein. Und morgens kann ich ihn nur mit Mühe davon abhalten, sein Lieblingstrikot in der Schule anzuziehen (wenn er denn gehen darf). Das hat nichts damit zu tun, dass es sich um ein Trikot von Bayer Leverkusen handelt, sondern eher mit der Tatsache, dass kurzärmelige Sachen zu dieser Jahreszeit noch von Nachteil sind.

Fußball hat keine Werte, die man vermitteln möchte

Eigentlich finde ich es auch sehr schön, dass sich der König, wie ich meinen Sohn in meinen Kolumnen auch gerne aufgrund seines Herrschaftsanspruchs in unserem Leben nenne, für eine Sache so begeistern kann. Allerdings frage ich mich in letzter Zeit öfter, warum es denn ausgerechnet Fußball sein muss.

Ich bin natürlich selbst schuld. Schließlich war ich auch mal Fußball-Fan, wenn nicht sogar Fanatiker. Jürgen Klopp hat daran einen großen Anteil, obwohl ich eigentlich von Haus aus Fan des 1. FC Kaiserslautern bin (oder besser: war). Klopps Engagement beim BVB fiel zufällig in die gleiche Zeit, als meine Frau und ich eine Wohnung in der Nähe des Dortmunder Stadions bezogen. Per Zufall fiel mir 2010 auch noch eine Dauerkarte für die Südtribüne in die Hände, und seitdem hat mich der Fußball irgendwie stets positiv begleitet.

Nun wohne ich längst nicht mehr in der Nähe des Stadions, und Borussia Dortmund, die DFL, der DFB und vor allem der 1. FC Kaiserslautern haben sehr viel dafür getan, dass mich der Fußball stattdessen immer häufiger regelrecht anko… in Rage bringt. Diese Einstellung, über den Dingen zu schweben und für sich selbstverständlich stets eine Sonderrolle zu beanspruchen, egal wie dreckig es der Welt da draußen oder in Katar gerade geht, steht irgendwie nicht für die Werte, die ich meinen Kindern gerne vermitteln möchte.

Meine Frau muss mich zurückhalten

Und da beginnt das Problem. Mein Sohn schert sich nicht um TV-Gelder, Traditionsvereine oder korrupte Funktionäre. Er sitzt auch in der Corona-Pandemie jedes Wochenende gebannt vor dem Radio und hört sich die Konferenz an und teilt mir jede Ergebnisveränderung über drei Stockwerke mit und hat sogar Mitleid mit Schalke 04. Er ist auf dem Platz immer noch Kai Havertz, auch wenn der schon längst nicht mehr bei Leverkusen spielt, und wenn er im Supermarkt eine Palette Red-Bull-Dosen sieht, sagt er: „Guck mal, RB Leipzig.“ Und versteht dann nicht, warum meine Frau mich zurückhalten muss, während ich die Palette am liebsten durch die Ladenscheibe schleudern will.

Also, was tun? Soll ich ihm die unverblümte Wahrheit erzählen, dass der Fußball nichts weiter mehr ist als ein dreckiges Geschäft, das sich nicht um Sport, um Fairness und schon gar nicht um Fans dreht? Oder soll ich ihn in seiner Welt lassen und hoffen, dass er irgendwann schon selbst drauf kommt? Und wie repariere ich den Schaden, den diese Erkenntnis – egal, auf welchem Wege sie ihn trifft – anrichtet?

Einen Vorgeschmack darauf habe ich bekommen, als ich nach dem 0:1 gegen Magdeburg alle Trikots und Schals des 1. FC Kaiserslautern aus meinem Schrank geräumt und in eine Kiste gepackt habe. Auf die Frage des Königs, was ich damit vorhätte, sagte ich in meiner Wut und Enttäuschung: „Verbrennen.“ Das war ein Fehler, und ich habe verhältnismäßig lange gebraucht, um ihn zu korrigieren. Ironischerweise hat mit ausgerechnet mein Nachwuchs klargemacht, dass man seinen Verein auch nach zig Jahren der Enttäuschung, Frustration und der immer wieder zerstörten Hoffnung auf Besserung nicht im Stich lassen soll.

Die Mannschaft kann der Kompass sein

Ich muss wohl einsehen, dass der Fußball meines Sohnes immer ein anderer sein wird als der, mit dem ich aufgewachsen bin und der mich so begeistert hat. Vermutlich war damals schon alles genauso korrupt wie heute. Doch darum geht es einem Kind nicht. Ein Kind braucht diese Träume, braucht diese Begeisterung, und nicht zu vergessen: Fußball ist weitaus mehr als die Oper, die uns jeden Samstag von den Sponsoren präsentiert wird. Natürlich kickt der König auch selbst in einer Mannschaft, und was er dort von Trainern und Mannschaftskameraden lernt, kann ihm niemand sonst beibringen. War bei mir ja genauso. Ich habe mein letztes aktives Spiel vor knapp 20 Jahren bestritten. Die Freundschaft zu den 16 Jungs, die damals das gleiche Trikot trugen, besteht immer noch und ist neben meiner Familie der wichtigste Kompass in meinem Leben. Das kann eben nur Fußball. Und deshalb habe ich mich gefreut, als unsere fünfjährige Tochter mich fragte, ob ich nicht auch mal mit ihr Fußball spielen könnte.

Die Kiste mit den Kaiserslautern-Sachen steht natürlich immer noch in meinem Kleiderschrank. Man soll die Hoffnung ja nie aufgeben. Fragen Sie mal Teddy Sheringham und Ole Gunnar Solskjaer. Oder, um es mit Sir Alex Ferguson zu sagen: „Football, bloody hell.“

ZWISCHEN BESORGT UND VERÄRGERT

„Fretful Father“ Daniel Claeßen freut sich auf ein Stück Normalität - oder versucht es zumindest.
„Fretful Father“ Daniel Claeßen freut sich auf ein Stück Normalität – oder versucht es zumindest. © Kristina Schröder Photography © Kristina Schröder Photography

In seiner Kolumne „The Fretful Father“ schreibt Reporter Daniel Claeßen über Dinge, die ihn als Familienvater bewegen. Und auch wenn er die Probleme seiner Kinder stets ernst nimmt, ist hier nicht immer alles ernst gemeint. Der Titel der Kolumne ist angelehnt an das „Fretful Mother Magazine“ aus der Serie „Die Simpsons“. Womit auch klar ist, dass hier immer mal wieder das Kind im Manne durchkommt. Außerdem kann „fretful“ nicht nur „besorgt“, sondern auch „quengelig“, „weinerlich“ und „verärgert“ bedeuten – womit die Gefühlsspanne unseres Autors ziemlich gut abgebildet wird.

Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen

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