„Fretful Father“ Daniel Claeßen freut sich auf ein Stück Normalität - oder versucht es zumindest. © Kristina Schröder Photography
The Fretful Father

Meine Kinder sind nicht ich – auch wenn das schwer zu akzeptieren ist

Unser Fretful Father beschäftigt sich heute mit Veränderungen. Dabei stößt er auf seine sehr schmerzhafte Wahrheit. Und er fragt sich, wie das wohl war, als seine Eltern diese Erkenntnis hatten.

Ich hatte mich neulich mal über den Musikgeschmack meiner Kinder ausgelassen, den ich – vorsichtig formuliert – nicht so ganz nachvollziehen konnte. Ich muss meine Meinung teilweise korrigieren. Ja, die Texte sind manchmal wirklich unfassbar hohl und vorhersehbar (manchmal!). Allerdings spiegeln sie genau das Weltbild wider, das meine Kinder gerne haben wollen. Sie sind glücklich damit, sie freuen sich, sie tanzen, kurzum: sie sind zufrieden mit ihrem Leben. Und mehr kann man auch als Fretful Father wirklich nicht wollen. Ich hatte es schon einmal geschrieben: Die harte Realität kommt noch früh genug.

Und nach mehrmaligem Hören gebe ich auch gerne zu, dass einige Lieder, selbst vom „Bibi und Tina“-Soundtrack, wirklich ganz gut sind. Also hier: Sorry, tut mir leid, bin über das Ziel hinausgeschossen. Warum mich die Musik der Kinder damals so aufgeregt hat: Es war halt nicht das, was ich aus meiner Kindheit gewohnt war, und von dem ich dachte, dass es das Nonplusultra wäre – schließlich war meine Kindheit toll, ich würde sogar sagen, das aus mir was halbwegs Vernünftiges geworden ist. Und was damals gut war, kann doch heute nicht schlecht sein. Oder?

Jede Generation braucht ihre Sprache

Nein, natürlich nicht. Also nein, es kann heute nicht schlecht sein, die Musik von Rolf Zuckowski oder Frederik Vahle ist heute immer noch gut. Genauso wie die Bücher von Astrid Lindgren, Otfried Preußler oder Erich Kästner immer noch gut sind. Aber es gibt eben mittlerweile auch, zum Beispiel, Cornelia Funke oder Florian Fuchs. Die schreiben anders, aber nicht schlechter. Genauso wie die Musiker von heute anders an Werk gehen, aber trotzdem (oder gerade deshalb) die Kinder erreichen.

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Die Menschen verändern sich, mit ihnen die Gesellschaft, und damit auch die Kinder. Ein Freund, sozusagen mein bester, sagte neulich, dass sein Ältester zum Beispiel mit „Momo“ nicht klarkomme, weil der Text eben altbacken sei. Das könne man Kindern heute nur noch schwer vermitteln. Ganz so weit würde ich nicht gehen, aber im Kern hat er recht: Jede Generation braucht ihre Sprache. Das muss man als Vater oder Mutter auch erstmal kapieren. Selbst wenn man ja nur das Beste für sein Kind will, kann es passieren, dass man gar nicht weiß, was das Beste eigentlich ist. Und dann folgt gleich die nächste Lektion: Lerne, deinen Kindern zu vertrauen. Denn sie allein wissen die Antwort (und nein, es ist nicht „Nintendo“).

Zwischen verschiedenen Welten

Was wohl meine Eltern gesagt hätten, wenn sie auf unseren Partys die Texte von Bands wie Wizo, den Kassierern und natürlich den Ärzten gehört hätten? Sie hätten es vermutlich nicht verstanden, ebenso wenig wie wir damals nicht verstanden haben, warum sie uns nicht verstehen wollen (verstanden?). Beispiel: Beim Kindergarten-Abschluss im Ketteler Hof (keine Ahnung, warum ich mich ausgerechnet daran erinnere) sangen wir alle lauthals „Life is live“ von Opus, ohne natürlich nur einen Funken des Textes zu verstehen (außer „Nanananana“ natürlich). Meine Mutter hat sich damals etwas verächtlich geäußert – vermutlich war sie nur sauer, weil wir getrödelt hatten, und nutzte diesen Ärger, um gleich mal den Musikgeschmack ihrer Kinder in Frage zu stellen. Kommt Ihnen bekannt vor, oder? Jetzt wissen Sie auch, warum ich auf meine Kolumne von neulich nicht ganz so stolz bin.

Das war damals eben einfach nicht die Welt unserer Eltern, sondern unsere Welt. Aber diese Welt ist heute auch nicht die Welt unserer Kinder. Ein Spruch auf einem Bild in unserem Schlafzimmer führt mir das immer schmerzlich vor Augen: „Die Seele deiner Kinder wohnt im Haus von Morgen, das du nicht erreichen kannst.“ Klingt kitschig, ist aber die Wahrheit. Und die tut manchmal weh.

ZWISCHEN BESORGT UND VERÄRGERT

In seiner Kolumne „The Fretful Father“ schreibt Reporter Daniel Claeßen über Dinge, die ihn als Familienvater bewegen. Und auch wenn er die Probleme seiner Kinder stets ernst nimmt, ist hier nicht immer alles ernst gemeint. Der Titel der Kolumne ist angelehnt an das „Fretful Mother Magazine“ aus der Serie „Die Simpsons“. Womit auch klar ist, dass hier immer mal wieder das Kind im Manne durchkommt. Außerdem kann „fretful“ nicht nur „besorgt“, sondern auch „quengelig“, „weinerlich“ und „verärgert“ bedeuten – womit die Gefühlsspanne unseres Autors ziemlich gut abgebildet wird.

Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen

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