„Fretful Father“ Daniel Claeßen freut sich auf ein Stück Normalität - oder versucht es zumindest. © Kristina Schröder Photography
The Fretful Father

Mein Sohn wird den FC Bayern irgendwann fertig machen – ganz sicher

Eltern sollen ihren Kindern die Träume lassen. Noch besser wäre es, wenn sie gemeinsam mit ihnen daran glauben würden, findet unser Fretful Father. Allerdings ist das nicht ganz ungefährlich.

Mein Sohn liest Zeitung. „Du, Papa, meinst du, Erling Haaland wechselt mal zu Bayern?“ Ich seufze. Über die komplizierte Dreiecksbeziehung zwischen meinem Sohn, dem Fußball und mir hatte ich ja schon einmal geschrieben. Was soll ich ihm auf eine solche Frage antworten? Ich entscheide mich für eine Aussage auf Basis der im Fußball heute üblichen Abläufe: „Es ist zumindest sehr wahrscheinlich, dass das in den kommenden Jahren passiert.“ Mein Sohn, der übrigens eigentlich Fan von Bayer Leverkusen ist und sich nur am Rande für die Stürmer von Borussia Dortmund interessiert, zuckt mit den Schultern. „Also, ich werde nie zu Bayern wechseln. Lieber mache ich die jedes Jahr fertig.“ Ich nicke und lächle ihm zu. „Ich freue mich drauf.“

Sie glauben nicht, dass mein Sohn es in die Bundesliga schafft und den großen FC Bayern endlich in eine wohlverdiente Krise stößt? Kann ich verstehen. Es ist ja auch nicht Ihr Kind. Was meine Kinder angeht, so bin ich jedoch fest davon überzeugt, dass sie all das erreichen werden, was sie sich wünschen. Und ja, das ist mein voller Ernst. Was wäre ich denn sonst für ein Vater?

Mit Realismus hat das Ganze nichts zu tun

Natürlich könnte man das Ganze im Falle meines Sohnes realistisch betrachten: Weder meine Frau noch ich können gut Fußball spielen, im Verein gibt es bereits in der E-Jugend eine ganze Reihe an Jungs, die es mindestens genauso drauf haben wie mein Sohn. Und dann das ganze Gerenne und die Fahrerei, wenn er irgendwann beim BVB oder bei Schalke 04 oder Borussia Mönchengladbach unter Vertrag steht…im Leben würden wir das nicht auf die Kette kriegen, zumal da noch zwei Schwestern sind, die vielleicht ganz ähnliche Ambitionen haben.

Nur: Mit Realismus hat das Ganze hier nichts zu tun. Wenn die Jungs zum Beispiel am Wochenende in einem Vorort von Münster auf einem Nebenplatz hinter der Haupttribüne im Wald kicken, dann ist dieses Spielfeld für 50 Minuten plus Nachspielzeit das Zentrum des Universums. Vorher und nachher bestimmt die Realität, wo es langgeht: Hausaufgaben, Zimmer aufräumen, Müll rausbringen. Aber in diesen 50 Minuten ist alles möglich – auch der Start in eine Karriere, die meinen Sohn irgendwann zum Bayern-Schreck werden lässt. Nach dem Abpfiff ist immer noch genug Zeit, um den Kleiderschrank einzuräumen und das Fahrrad zu putzen.

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Dagegen kann ich übrigens nichts machen: Der Kopf schaltet in solchen Momenten von der „Nüchtern betrachten“- auf die „Emotional mitfiebern“-Tonspur um. Ein Vater möchte, dass sein Kind erfolgreich ist (eine Mutter vermutlich auch, zumindest soweit ich das bisher beobachten konnte). Es besteht eine emotionale Bindung, die Eltern mit ihren Kindern mitfiebern lässt. Übrigens nicht nur auf dem Sportplatz, sondern auch in der Schule, wenn zum Beispiel wichtige Arbeiten anstehen. Eltern dürfen, nein: Eltern müssen stolz auf ihre Kinder sein. Das ist essentiell wichtig, damit der Nachwuchs das Selbstbewusstsein bekommt, das er für die Welt in einigen Jahren brauchen wird.

Das kann anstrengend sein, vor allem wenn man sich fest vorgenommen hat, das Spiel seines Sohnes niemals zu kommentieren. Denn erstens soll er auf die Trainer hören, nicht auf mich. Und zweitens habe ich selbst in der E-Jugend, wie die U10 damals hieß, schlechte Erfahrungen mit übermotivierten Vätern am Spielfeldrand gemacht (wohl gemerkt, nicht mit meinem Vater).

Eltern wandeln auf schmalem Grat

Heute weiß ich, welches Problem diese Väter damals hatten. Es ist völlig in Ordnung, stolz auf seine Kinder zu sein. Auch ist es richtig, ihnen ihre Träume zu lassen. Besser wäre es noch, man glaubt gemeinsam mit ihnen daran. Denn dann haben diese Träume eine realistische Chance, in Erfüllung zu gehen – seien sie noch so absurd. Was aber nicht passieren darf: Dass man seinen Kindern die eigenen Träume aufzwingt.

Das passiert meistens dann, wenn man die Sehnsucht nach eigenem Erfolg auf die Kinder projiziert. Ein Fehler, den ich auch schon gemacht habe, und den die Väter damals an der Bande jedes Wochenende wiederholt haben. In solchen Momenten gehen einem nämlich die Emotionen, die ein Kind positiv bestärken sollen, durch – und verkehren sich ins krasse Gegenteil: Statt Euphorie, Spaß und Hoffnung gibt es Druck, Wut und Angst.

Es ist mitunter ein sehr schmaler Grat, auf dem Eltern da wandeln müssen. Man kann das natürlich verhindern, in dem man permanent die „Nüchtern betrachten“-Tonspur laufen lässt. Ich bewundere Menschen, die das können. Mir gelingt das nicht. Ich glaube aber auch nicht, dass es ein Vorteil für meine Kinder wäre. Emotionalität gehört bei mir dazu, und ich kann meinen Kindern dann am besten helfen, wenn ich normal, natürlich und damit emotional bin. Auch wenn das mitunter Probleme bedeutet. Für beide Seiten.

Wichtig ist, dass Väter (und Mütter) sich im entscheidenden Moment im Griff haben. Und so werde ich wohl demnächst wieder an irgendeinem Spielfeldrand stehen, meinem Sohn zuschauen und ihm nicht zurufen, dass er in den freien Raum vorstoßen, den Gegenspieler abgrätschen oder die Augen immer zum Ball gerichtet haben soll. Und dann wird es mir spätestens in der zweiten Halbzeit trotzdem rausrutschen. Ich hoffe, die Trainer sind mir nicht böse und stellen ihn die Woche drauf wieder auf. Denn schließlich muss er ja irgendwann die Bayern fertig machen.

ZWISCHEN BESORGT UND VERÄRGERT

In seiner Kolumne „The Fretful Father“ schreibt Reporter Daniel Claeßen über Dinge, die ihn als Familienvater bewegen. Und auch wenn er die Probleme seiner Kinder stets ernst nimmt, ist hier nicht immer alles ernst gemeint. Der Titel der Kolumne ist angelehnt an das „Fretful Mother Magazine“ aus der Serie „Die Simpsons“. Womit auch klar ist, dass hier immer mal wieder das Kind im Manne durchkommt. Außerdem kann „fretful“ nicht nur „besorgt“, sondern auch „quengelig“, „weinerlich“ und „verärgert“ bedeuten – womit die Gefühlsspanne unseres Autors ziemlich gut abgebildet wird.

Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen

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