Impfen ist derzeit ein heiß diskutiertes Thema. Dr. Arne Krüger und viele seiner Kollegen können sich vor allem ein besseres Vorgehen bei den Impfungen vorstellen. © Günther Goldstein
Impfzentrum

Lüner Arzt kritisiert: Jagen Senioren zum Impfen durchs Infektionsgebiet

Dr. Arne Krüger hat derzeit eine Sieben-Tage-Woche. Samstags impft er in den Altenheimen die Menschen zum Schutz vor dem Corona-Virus. Bald müssen alle dazu nach Unna - und das ärgert ihn.

Wenn es einen Weg gibt, die Corona-Lage schnell in den Griff zu bekommen, dann führt der für Dr. Arne Krüger, Leitender Notarzt, niedergelassener Hausarzt und Vorsitzender des Lüner Ärztevereins, über die Impfe. „Ich bin ein absoluter Impf-Freund“, sagt Krüger, aber an der angeordneten Logistik für die Massenimpfaktion zweifelt Krüger. Mehr noch, er ärgert sich maßlos. „Das macht mich persönlich einfach unglaublich wütend“, erklärt der Mediziner, warum er im Sozialen Netzwerk Facebook einen Brandbrief veröffentlichte.

„Betonköpfe“ im Ministerium

Darin nimmt Dr. Arne Krüger kein Blatt vor dem Mund. Äußert sogar den Vorwurf, dass im Ministerium „Betonköpfe“ säßen. Im Gespräch mit unserer Redaktion zeigt er sich zwar gemäßigter, aber genauso unerbittlich. „Wir steuern auf die nächsten verschärften Schutzmaßnahmen zu. Die Patienten fragen uns als ihre Hausärzte, zu denen sie Vertrauen haben, ob wir sie impfen können – aber wir dürfen es nicht.“ Das ist aber nur ein Punkt, der Krüger ärgert.

„Der zweite Punkt ist der, dass man sich doch die Frage stellen muss, wie die ganzen über 80-Jährigen, die in der ersten Phase geimpft werden müssen, ins Impfzentrum nach Unna kommen sollen.“ Eine 85-jährige Patientin klärte ihn bereits darüber auf, dass sie 90 Minuten mit öffentlichen Verkehrsmitteln hin und dann später genauso lange wieder zurück brauche. „Das ist doch Irrsinn“, sagt Krüger, wo man es doch auch im Nahbereich in den Hausarztpraxen machen könnte.

Lüner Hausärzte hätten anderes Konzept

Untereinander hätten die Lüner Hausärzte auch schon besprochen, wie das funktionieren könnte. An einem ausgewählten Tag würde eine Hausarztpraxis das klassische Tagesgeschäft einstellen und alle in Frage kommenden Patienten aus der eigenen Kartei der Reihe nach mit gebotenem Sicherheitsabstand durchimpfen. „Die Kollegen haben sich alle solidarisch erklärt und sind bereit, sich an diesem Tag um die akut erkrankten Patienten des Kollegen zu kümmern, damit der sich ausschließlich um die Impfung kümmern kann“, erklärt Krüger das Konzept, das er für gut befindet.

„Wir kennen unsere Patienten. Wir wissen um eventuelle Unverträglichkeiten. Die Patienten haben Vertrauen zu uns und auch die Nachsorge wäre geklärt.“ Denn während es im Impfzentrum nur eine kurzzeitige Kontrolle gäbe, dass keine akuten Nebenwirkungen auftreten, wäre der Hausarzt auch am nächsten Tag zur Stelle. „Dann könnten mögliche Nebenwirkungen auch strukturell erfasst werden“, ist Krüger überzeugt, auch wenn er solche Nebenwirkungen nur in ganz seltenen Fällen befürchtet. Doch dann als Arzt ansprechbar sein zu können, das ist für ihn wichtig.

Dr. Arne Krüger ist ein Impffreund und auch selbst bei Impfungen in den Altenheimen aktiv. Liebend gern würde er auch seine eigene Patienten selbst impfen können. © Quiring-Lategahn © Quiring-Lategahn

Risikogruppen nicht unnötigem Risiko aussetzen

Gewünscht sei solch ein Prozedere jedoch nicht, sagt Krüger. „Es heißt, wenn wir Ärzte solche individuellen lokalen Konzepte erarbeiten würden, gäbe es richtig Ärger“, schildert Krüger. Dabei sieht er viele Vorteile in dem Konzept, das die zentralen Impfzentren ergänzen würde: „Wir reden von einem 15-Kilometer-Radius bei hoher Inzidenz – und unsere zu schützenden Risikogruppen jagen wir dann quer durchs Infektionsgebiet. Von Lünen bis Unna sind es mehr als 15 Kilometer.“ Im Nahverkehr und auch im Taxi gäbe es unmittelbare Kontaktpersonen, auch Krankentransportfahrzeuge würden mit solchen Maßnahmen blockiert. „Warum kann man das nicht ortsnah machen? Warum nicht auch in der Alten-Wohngemeinschaft mit 78 zu impfenden Menschen ein mobiles Impfteam einsetzen?“, spricht Krüger auch den Betreibern solcher Einrichtungen aus der Seele.

Ministerium sieht Rolle für Hausärzte erst später vor

Das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (MAGS) hält das für keine geeignete Lösung: „Der derzeit zur Verfügung stehende Impfstoff ist zwar wirkungsvoll, aber in der Handhabung nicht einfach. Wir müssen in diesen Fällen leider abwarten, bis Impfstoffe zugelassen sind, die auch durch das Hausarztsystem genutzt werden können. Das MAGS ist allerdings zuversichtlich, dass solche Impfstoffe schon bald bereitstehen werden. Ab dann wird auch das Hausarztsystem eine wichtige Rolle in der Impfstrategie des Landes spielen“, teilte ein Sprecher des Ministeriums auf Anfrage mit.

Die Logistik ist kein Problem, das zeigen mobile Teams

Das hält Krüger für nicht plausibel. „Sie verstehen das Problem nicht – oder wollen es nicht verstehen“, ärgert sich der Mediziner. Denn der Impfstoff habe sich doch längt bewährt. „Wir bekommen es doch hin, den Impfstoff in ein Seniorenzentrum zu bringen. Warum dann nicht auch in eine Arztpraxis, für die Impfungen Alltag ist. Da fragt man sich doch tatsächlich, ob im Ministerium noch irgendwo Menschenverstand unterwegs ist oder nur der bürokratische Irrsinn kreist“, so Krüger. Denn es sei lediglich ein logistisches Problem, die Impfe zu den Menschen statt die Menschen zur Impfe zu bringen. Und bei den mobilen Teams funktioniere das. „Am Samstag kam zudem noch die Nachricht von Pfizer, dass der Impfstoff sogar bis zu sechs Stunden transportabel und haltbar ist“, erklärt Krüger, dass damit auch der bisher genannte kritische Zeitfaktor hinfällig sei.

Die Impfzentren, die in NRW zentral eingerichtet wurden, sind ein gutes und sicheres Angebot. Doch Dr. Arne Krüger glaubt, dass es für die zunächst angesprochene Zielgruppe der Älteren deutlich bessere Lösungen gibt. © Petra Berkenbusch © Petra Berkenbusch

Krüger glaubt, dass der Weg der Massenimpfung über die Hausarztpraxen, die zu einem Großteil der Risikogruppe Kontakte pflegen, schneller und kürzer wäre als über Impfzentren. „Und wir wollen und müssen mit dem Impfstoff doch schnell in die Fläche, damit wir aus diesen hohen Fallzahlen herauskommen.“

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