Stephanie M. blickt in das Wohnzimmer ihres angemieteten Hauses. Bald werden sie und ihre Kinder die Koffer packen müssen. © Julian Preuß
Wohnen

Kündigung: Fünffache Mutter sucht verzweifelt nach Wohnung in Lünen

Gekündigt aus Eigenbedarf: Stephanie M. (32) sucht dringend eine neue Wohnung. Kein Vermieter möchte oder kann die Mutter mit fünf Kindern aufnehmen. Und der Auszugstermin rückt näher.

Das Einfamilienhaus an der Steinstraße nahe der Lüner Innenstadt macht einen aufgeräumten Eindruck. Im Wohn- und Esszimmer stehen Fotos auf den Schränken, Deko ziert die Wände. Äußerlich deutet nichts darauf hin, dass Stephanie M. (voller Name ist der Redaktion bekannt) und ihre fünf Kinder bald ausziehen müssen. Doch die Uhr tickt unaufhaltsam. Bis zum 30. Juni muss die Familie das Haus verlassen. Der Vermieter benötigt es aus Eigenbedarf.

Eine neue Bleibe für sich und ihre vierzehn-, zwölf-, zehn-, neun- und vierjährigen Sprösslinge hat die alleinerziehende Mutter noch nicht gefunden. Die 32-Jährige ist verzweifelt. Die Lüner Wohnungsbaugesellschaften hätten keine Wohnungen oder Häuser in der benötigten Größe frei. „Die Größe ist das Entscheidende“, sagt Andreas Zaremba, Geschäftsführer des Bauverein zu Lünen.

Selten große Wohnungen im Portfolio

Er ergänzt: „Wir haben leider kaum etwas in dieser Größe im Portfolio. Wir bieten Wohnungen mit viereinhalb Zimmern an, aber auch davon gibt es nur wenige.“ Der Bauverein Lünen könne daher nur wenig für die Betroffene tun. Sobald eine entsprechend geeignete Immobilie frei werde, melde man sich bei der fünffachen Mutter.

Während der Corona-Pandemie gestaltet sich die Wohnungssuche zusätzlich schwieriger. „In den ersten Monaten des letzten Jahres gab es weitaus weniger Kündigungen und somit weniger freie Wohnungen“, so Zaremba. Das habe sich wieder relativiert. Die Zahl der Fortzüge liege dennoch weiter leicht unter dem Niveau vor der Pandemie. M. bekam dies von mehreren Wohnungsbaugesellschaften zu hören. Auch die Diakonie und Caritas konnten ihr nicht helfen. Und private Vermieter?

Großfamilie fühlt sich zu Unrecht abgewiesen

Mehrfach habe sie bei zu vermietenden Objekten angefragt. Immer bekam sie Absagen. Der Tenor bliebe oft gleich. „Niemand möchte eine Familie mit fünf Kindern bei sich aufnehmen. Viele haben das Bild von ungepflegten Großfamilien im Kopf, die sie aus dem Privatfernsehen kennen“, sagt Stephanie M.. Die junge Mutter fühlt sich abgewiesen. Verstehen könne sie das nicht: „Ich habe keine Mietschulden oder Schufa-Einträge. Und nicht jede Großfamilie ist unsauber oder laut.“

Eine Familie allein aufgrund der Anzahl der Kinder abzulehnen, sei bei einer entsprechend großen Immobilie nicht erlaubt, sagt Markus Roeser, wohnungspolitischer Sprecher des Mietvereins Dortmund und Umgebung. „Das wäre Diskriminierung“, ergänzt er. Einklagen könne man sich in eine Wohnung aber nicht.

Bernd Holthoff ist Anwalt und Rechtsberater bei der Lüner Geschäftsstelle des DMB Mieterbundes Dortmund. Er meint: „Die vermietende Partei kann natürlich entscheiden, an welche Personen eine Immobilie vergeben wird. Begründen muss sie das nicht. Es darf jedoch nicht wortwörtlich gesagt werden, dass die Anzahl der Kinder der ausschlaggebende Grund ist.“

Mittlerweile ist die gebürtige Lünerin sogar bereit, ihren Heimatort zu verlassen und notfalls ins etwa 25 Kilometer entfernte Hamm zu ziehen. Dabei wäre ein Ortswechsel besonders für ihre zwei behinderten Kinder ein Rückschritt. „Meine zehnjährige Tochter kann keine Gefahren einschätzen. Sie wird in Lünen gefördert und bekommt eine Therapie. Das müsste ich in einer anderen Stadt nochmal neu beantragen“, sagt M.. Ähnlich ergehe es ihrem 14-jährigen Sohn. „Aufgrund seiner motorischen Behinderung ist es für ihn nicht einfach, Anschluss zu finden.“ Auch ihre anderen Sprösslinge würden aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen.

Neue Unterkunft benötigt sechs bis sieben Zimmer

Sechs bis sieben Räume benötige die Familie. „Bestenfalls sogar mit einem kleinen Hof oder Garten, in dem meine Tochter ohne Gefahr spielen kann“, sagt M.. Das Haus an der Steinstraße, das seit fast vier Jahren die Heimat der Familie ist, erfüllt diese Anforderungen perfekt. Doch Mitte März erhielt M. eine Eigenbedarfskündigung ihres Vermieters.

„Der Vermieter darf für sich, nahe Familienangehörige oder eine Person seines Haushalts eine Eigenbedarfskündigung aussprechen. Sofern eine berechtigte Eigenbedarfskündigung vorliegt, der Vermieter das Haus also tatsächlich selber nutzen wird, ist es für Mieter sehr schwer sich gegen die Kündigung zu wehren“, erklärt Roeser. Trotzdem müsse der Vermieter begründen, warum die Kündigung erfolge. Es gebe immer wieder Probleme mit Täuschungen.

Betroffene könnten sich rechtlich gegen eine Eigenbedarfskündigung wehren, sofern es Unregelmäßigkeiten bei der Kündigung gebe. Einen Anwalt hat M. bereits eingeschaltet. Dieser könne aber nicht mehr viel ausrichten. „Er kann nur noch Zeit herausholen“, meint die 32-Jährige.

Räumungsklage verschafft Zeit

Auf der Straße werde Stephanie M. mit ihren Kindern nach Ablauf der Kündigungsfrist aber nicht landen. „Hat die Person noch keine neue Unterkunft gefunden, darf sie nicht auf die Straße gesetzt werden“, erläutert Roeser. Bei einem solchen Härtefall könnten die mietenden Personen eine längere Räumungsfrist erreichen.

Die Stadt Lünen stellt für solche Fälle Hilfsangebote zur Verfügung. „Sollte eine Eigenbedarfskündigung rechtens sein und nicht rechtzeitig eine neue Wohnung gefunden werden, müssten wir Menschen in dieser Situation in einer der städtischen Unterkünfte unterbringen, um die Obdachlosigkeit zu vermeiden“, sagt Lünens Stadtsprecher Benedikt Spangardt. Im Falle einer rechtskräftigen Kündigung rät er betroffenen Personen, sich an die Wohnungslosenhilfe der Diakonie zu wenden.

Stadt stellt verschiedene Angebote bereit

Ein weiterer möglicher Ansprechpartner sei die Mobile Wohnhilfe des Frauenforums. „Weiterhin raten wir Menschen in derartigen Situationen, sich bei der Abteilung Wohnen und Soziales der Stadtverwaltung als Wohnungssuchende registrieren zu lassen“, sagt Spangardt. Die Stadt könne dann den Kontakt zwischen Wohnungssuchenden und vermietenden Personen vermitteln. „Es gibt auch ein Verzeichnis der größeren Vermieter in Lünen, das bei der Wohnungssuche hilfreich sein kann“, ergänzt er.

Eines steht für die Mutter jedoch fest: „Ich werde mit meinen Kindern nicht in die Übernachtungsstelle Auf dem Ringe“ ziehen.“ Sie wünsche sich eine gepflegte Umgebung, um ihre Kinder großzuziehen.

Die Strapazen der vergangenen Wochen zehren an den Kräften der Lünerin. Über 15 Kilogramm Gewicht habe sie in der letzten Zeit verloren. „Nachts schlafe ich nur sehr schlecht“, sagt sie. Es plagt sie die Ungewissheit, wie das Leben von ihr und ihren Kindern ab Juli aussehen wird. „Ich weiß nicht mehr weiter und habe keine Idee, wo wir unterkommen können.“

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