Im Computerraum der Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Lünen arbeitet der zugewanderte Informatiklehrer Selim Göktürk mit den Schülerinnen und Schülern an selbst zusammengebauten Robotern. © Julian Preuß
Schule

Geflüchteter arbeitet als Informatiklehrer an Lüner Schule: „Glücksgriff“

In der Türkei arbeitete Salim Göktürk (35) als Informatiklehrer - bis er fliehen musste. An der Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Lünen lernt er jetzt das deutsche Schulsystem kennen.

Die Informatikräume der Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Lünen sind spätestens seit diesem Schuljahr die neue Welt von Salim Götkürk. Links neben der Tür, die in den Computerraum hineinführt, steht ein großer Schrank, gefüllt mit alten Büchern und Rechnerplatinen, die der Veranschaulichung dienen. Göktürk hat sich vorgenommen, diesen Schrank aufzuräumen und die ungenutzten Bücher auszusortieren.

Programm für zugewanderte Lehrer

Seit Beginn des Schuljahres gehört der 35-Jährige zum Lehrerkollegium. Der studierte Informatiker hat bereits ein einjähriges Praktikum an der Lüner Gesamtschule absolviert. Er ist Absolvent von „Lehrkräfte Plus“, einem Programm der Bezirksregierung Arnsberg, um zugewanderten Lehrkräften den Einstieg in den Berufsalltag an deutschen Schulen zu ermöglichen. Während dieses Programms hat Göktürk an der Universität Bielefeld unter anderem die deutsche Sprache erlernt. Seit Januar 2018 lebt Göktürk nun in Deutschland, seit Mai 2018 wohnt er in Werne. Über die Hintergründe seiner Flucht möchte er nicht im Detail sprechen.

Aktuell wird Göktürk im Folgeprogramm „ILF – Internationale Lehrkräfte fördern“ an das selbständige Unterrichten herangeführt. 23 neue Lehrkräfte mit Fluchthintergrund sind seit August über das Pilotprojekt der Bezirksregierung angestellt worden.

„Man könnte das mit einem Referendariat vergleichen“, sagt Schulleiter Christian Gröne. Begleitet werde Göktürk von einer erfahrenen Lehrkraft, die ihm Tipps gibt. Derzeit assistiere er seinen Kolleginnen und Kollegen meist, schaue sich viel von ihnen ab.

Lehrer als Moderator

Denn das deutsche Schulsystem funktioniere anderes als in der Türkei. „Hier haben die Schülerinnen und Schüler viel mehr Verantwortung. Sie lernen selbstständig. Der Lehrer übernimmt in Deutschland oft nur die Rolle eines Moderators“, erklärt Göktürk. In der Türkei sei das anders gewesen. Dort hätten die Lehrkräfte Wissen übermittelt. Göktürk erzählt, dass er außerdem kleinere Klassen unterrichtet habe – mit etwa 15 Kindern und Jugendlichen.

Auch fachlich gebe es Unterschiede. „In der Türkei habe ich die Office-Produkte erklärt sowie vielleicht noch Web- und Grafikdesign unterrichtet“, erklärt er und ergänzt: „In Deutschland kennt Office fast jeder.“ Hier fühle er sich hingegen als richtiger Informatiklehrer. Der Grund: Im Informatikunterricht liege der Fokus viel mehr auf dem Programmieren. Die Roboter-AG „Schollibotics“ komme ihm daher sehr gelegen.

„Mit Hilfe der Lego-Technik tüfteln die Jungen und Mädchen an computergesteuerten, selbstgebauten Robotern, die unterschiedliche Aufgaben erledigen müssen“, erklärt die Schule auf ihrer Internetseite. Regelmäßig nimmt die AG zudem an Wettbewerben teil.

„Glücksgriff“ für das GSG

Schulleiter Christian Gröne beschreibt die Zusammenarbeit mit Göktürk als einen Glücksgriff. „Die Bezirksregierung hat uns angeschrieben, ob wir an dem Programm teilnehmen möchten. Da mussten wir nicht lange überlegen. Wir denken langfristig. Wir streben eine Eingliederung als Fachkraft an“, sagt Gröne. Außerdem seien Informatiklehrer Mangelware. Der Schulleiter hofft, dass sich aus dem Programm eine „Win-win-Situation“ für beide Seiten ergibt.

Damit aber eine dauerhafte Übernahme in den Schuldienst möglich ist, muss Göktürk noch an der Pädagogischen Einführung teilnehmen. Die läuft über ein ganzes Jahr und richtet sich die Personen, aus deren Studium sich nur ein Unterrichtsfach oder eine berufliche Fachrichtung ergibt.

Bis dahin gilt es für Göktürk, weitere Erfahrungen im Alltag der Geschwister-Scholl-Gesamtschule zu sammeln. Denn er soll nach und nach mehr Unterrichtsstunden übernehmen und selbst leiten. Göktürk will sein Wissen um Informatik weitergeben. Aber auch er selbst kann noch von den Schülerinnen und Schülern lernen und so seine Sprachkenntnisse weiter verbessern.

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