„Fretful Father“ Daniel Claeßen freut sich auf ein Stück Normalität - oder versucht es zumindest. © Kristina Schröder Photography
The Fretful Father

Einfach mal öfter nach Sternschnuppen schauen

Nicht nur unser Fretful Father hat im Urlaub deutlich entschleunigt. Die ganze Familie ist entspannter geworden. Nun steht er vor dem Problem: Wie rette ich dieses Gefühl in den Alltag?

Im ersten Moment ist man perplex. „Keine Kartenzahlung möglich“, heißt es in einem Restaurant am Ufer eines Sees, der hierzulande bei Temperaturen ab 20 Grad vermutlich hoffnungslos überlaufen wäre. Die Wasserfläche ist dreimal so groß wie die des Ternscher Sees in Selm, trotzdem werden sich in den kommenden Tagen neben uns vielleicht noch drei, vier andere Familien ans Ufer verirren. Einige andere Gäste sitzen auf der Terrasse des Restaurants. Und zahlen zum Abschied in bar.

Ich habe ungefähr drei Tage gebraucht, um mich daran zu gewöhnen, dass im Spreewald einiges anders ist. Bis zur nächsten Stadt, oder sagen wir mal, bis zur nächsten Siedlung, sind es immer ein paar Kilometer. Und wenn man um 17 Uhr feststellt, dass für Abendbrot noch Sachen fehlen, dann muss man bis zum nächsten Tag warten – die Läden haben zu. Und wer sonntags einen Tisch im Restaurant bestellen will, muss sich darauf einstellen, dass es am anderen Ende heißt: „Wir haben die ganze Woche gearbeitet, wir wollen auch mal Pause haben.“

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Kurzum: Es ist herrlich. Landschaftlich ist diese Region ohnehin ein Traum, und wenn man sich erstmal auf die Entschleunigung des Lebens eingelassen hat, wird man so richtig entspannt. Das hatte ich nicht unbedingt erwartet, geschweige denn zu hoffen gewagt. Zwei Wochen mal nicht an die Arbeit denken, vielleicht ein, zwei Stunden am Tag, an denen sich die Kinder selbst beschäftigen können, und abends ein Bier. Das hätte ich sofort unterschrieben.

Wie das so ist: Wenn man keinen Stress hat, macht man sich welchen. Als die Kurze sich mit „Ich fahr‘ mal eine Runde“ abmeldete und mit ihrem Rollen zwischen den Wohnwagen verschwand, dauerte es einige Sekunden, bis ich merkte, dass „Ok“ vielleicht nicht die passende Antwort war. Beim ersten Mal bin ich noch panisch hinterher, mit dem Ergebnis, dass sie deutlich früher wieder an den heimischen Platz zurückkehrte. Beim zweiten Ausflug dieser Art blieb ich sitzen, dachte aber an nichts anderes. Beim dritten Mal schließlich hatte auch ich kapiert, dass man sich auf die Kurze, wie auch auf die anderen beiden, verlassen kann. Und wo, wenn nicht hier, gab es für sie die Chance auf mehr Freiheiten? War ja schließlich auch ihr Urlaub.

Die Kinder hatten es leicht

Die endgültige Entspannung brachte dann der Wunsch der Mittleren mit sich: „Ich würde so gerne mal eine Sternschnuppe sehen.“ Falls Sie mal einen wirklich familiären Moment erleben möchten: Setzen sie sich mit Ihren Kindern in Liegestühle und beobachten sie den Nachthimmel. Völlig unerheblich, ob Sie auch tatsächlich etwas entdecken: Ruhiger wird es nicht. Meine Frau und ich überlegen, unsere Kinder ab sofort immer auf diese Art ins Bett zu bringen. Kein Quengeln, kein Gezeter, selbst das Zähneputzen vorab muss nicht diskutiert werden. Und das Beste: Alle schlafen schnell ein. Man selbst übrigens auch.

Das mit der Ins-Bett-bringen-Idee ist übrigens ernst gemeint. Denn wie nach jedem Urlaub stellte sich auch dieses Mal die Frage, wie man dieses Entspannungsgefühl in den Alltag retten kann. Die Kinder hatten es verhältnismäßig leicht, schließlich waren noch Ferien. Ich selbst mag meine Arbeit, muss aber feststellen, dass sie sich mitunter nachteilig auf meinen Entspanntheitsgrad auswirken kann.

Da der Wunsch der Mittleren noch immer nicht erfüllt war (sie war ja bei jedem Beobachtungsversuch früh eingeschlafen), versprach ich ihr, zuhause weiter mit ihr auf Sternschnuppenjagd zu gehen. Und weil sie seitdem stets früh einschläft, versprach ich: „Ich werde dich rechtzeitig wecken.“ Das habe ich jetzt dreimal versucht. Ich kriege sie nicht wach. Dafür ist sie am nächsten Tag ausgeschlafen und gut gelaunt.

Wenn ich demnächst eine Sternschnuppe sehe, weiß ich, was ich mir wünsche.

ZWISCHEN BESORGT UND VERÄRGERT

In seiner Kolumne „The Fretful Father“ schreibt Reporter Daniel Claeßen über Dinge, die ihn als Familienvater bewegen. Und auch wenn er die Probleme seiner Kinder stets ernst nimmt, ist hier nicht immer alles ernst gemeint. Der Titel der Kolumne ist angelehnt an das „Fretful Mother Magazine“ aus der Serie „Die Simpsons“. Womit auch klar ist, dass hier immer mal wieder das Kind im Manne durchkommt. Außerdem kann „fretful“ nicht nur „besorgt“, sondern auch „quengelig“, „weinerlich“ und „verärgert“ bedeuten – womit die Gefühlsspanne unseres Autors ziemlich gut abgebildet wird.

Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen

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