„Fretful Father“ Daniel Claeßen freut sich auf ein Stück Normalität - oder versucht es zumindest. © Kristina Schröder Photography
The Fretful Father

Corona-Leugner, Nazi-Schweine und AfD-Anhänger: Finger weg von den Familien!

Unser Fretful Father stellt fest: Immer wieder versuchen zwielichtige Personen, Familien für ihre abartigen Zwecke zu missbrauchen. Diese Feststellung führt zu diesem wütenden Meinungsbeitrag:

Eine begeisterte Mutter rief mich an und erzählte, dass sie mit ihrer dreijährigen Tochter demnächst an einer Aktion teilnehmen werde, die den „Kindern eine Stimme geben will“. Denn die Kleinsten hätten im Lockdown am meisten zu leiden (das würde ich sogar unterschreiben). Deshalb würden mittlerweile mehr als 1000 Eltern deutschlandweit an dieser Aktion teilnehmen und Ballons mit den Wünschen der Kinder steigen lassen. „Das macht jeder für sich, es soll bewusst keine Gruppentreffen geben. Und die Ballons sind aus nachhaltigem Naturkautschuk.“

Klingt vernünftig. Meiner anfänglichen Skepsis, dass es sich erneut um eine verkappte „Eltern stehen auf“-Aktion handelt, also um eine Gruppe, die weniger am Wohl der Kinder, sondern eher an Rassegesetzen und Stacheldrahtzäunen interessiert ist, begegnete die engagierte Mutter mit „Nein, wir wollen eben genau nicht in eine solche Richtung gedrängt werden“.

Nicht bloß eine Selbstdarstellerin

Schlimm genug eigentlich, dass man sich für eine solche Aktionen rechtfertigen muss. Aber auch das ist das Ergebnis von Querdenkern und AfD-Anhängern, die immer wieder das vermeintlich Gute bemühen, um das absolut Böse zu erreichen. Und so blieb ein leiser Zweifel ob dieser Aktion. Also schaute ich mir – gut, das hätte ich sowieso getan – die Urheberin des Ganzen mal an, eine Mutter aus Leverkusen. Oder, wie sie sich selbst nennt: „Deutschland Female-Business Strategin #1“. Beim Blick auf ihr Instagram-Profil dachte ich erst, dass es sich um eine Selbstdarstellerin handelt, wie man sie halt im Netz häufiger trifft. Als ich das Profil ihres Ehemanns – Business-Coach, aber offenbar nicht #1 – anschaute, war mir klar, dass das Problem wohl doch tiefer liegt. Aber gut, bloß weil jemand viele Kalendersprüche aus der Grundvorlesung des Marketing-Fernstudiums auf sozialen Netzwerken teilt, kann er ja trotzdem ein liebender Vater oder eine liebende Mutter sein.

Im Fall der Mutter aus Leverkusen offenbarte wie so oft dann Facebook, um was es hier wirklich zu gehen scheint. Ich zitiere aus ihrem Post vom 1. März: „Kinder ertragen viel, stumm leiden sie vor sich her, lassen sich nichts anmerken. Und dennoch leiden sie, vor unseren Augen‼️ Vor den Augen der Regierung‼️ Vor den Augen der vermeintlichen Wissenschaft!!“ Und was will Deutschland Female- Business Strategin #1 von uns Eltern? „Ich will dass du DENKST‼️ Dass Du aufhörst den Medien oder der Regierung alles nachzuplappern‼️ Dass aufhörst die Verantwortung für deine Gesundheit und dein Leben und das deiner Kinder einfach abzugeben an Menschen und Institutionen, die sowieso nur Marionetten von irgendwelchen Geldgebern sind.“

Privatkrieg gegen die Bundesregierung

Tja. Ich fürchte, den Hinweis, dass man nicht in eine bestimmte Ecke gedrängt werden möchte, kann ich leider so nicht stehen lassen. Zumal Mama #1 drei Tage später ein „Enthüllungs-Interview mit Dr. Reiner Füllmich“ ankündigt, jenem Verschwörungstheoretiker, der auf Youtube seinen privaten Krieg gegen die Bundesregierung führt. Ich habe es mir nicht angesehen und weiß deshalb leider nicht, wer die Geldgeber der Pandemie sind, wer die Wahl in den USA manipuliert hat und ob Merkel, Söder und Spahn bald auf der Anklagebank sitzen werden. Was ich aber weiß: Dass es weder Business-Mama noch Business-Papa („Mehr Geld. Erfolg. Rendite. Cashflow. Vermögen. Lifestyle.“) auch nur ansatzweise um das Wohl ihres oder irgendeines anderen Kindes geht.

Und nein, es handelt sich hier nicht bloß um zwei merkwürdige Gestalten aus Leverkusen, sondern natürlich machen da schon mehr Leute mit. Der Nutzer aus der Lausitz etwa, der nach einem Polizeieinsatz gegen die Notstandsgesetz-Demo in Berlin „keine Uniformträger mehr in diesem Land [sieht], welche für unser Vaterland und für deren Bürger einen Eid abgelegt haben“. Oder die Frau, für die Testzentren ein Produkt des „Pharmafaschismus“ sind. Oder die Nutzerin, die Donald Trump ganz toll findet und meint, dass man über die AfD ja denken kann was man wolle, aber „sie hat mit jedem Wort recht“. Klickt man auf weitere Unterstützer, findet man in deren Profilen auffällig oft Links zu AfD, Russia Today und zu Seiten, die den Sturz der Regierung fordern und Politikern wie Politikerinnen den Tod wünschen.

Und diese Herrschaften wollen bei einer nachhaltigen Aktion zum Wohle der Kinder mitmachen? Ernsthaft? Ich glaube, den Kindern wäre eher geholfen, wenn das Jugendamt sie in Obhut nehmen würde. Ich meine, was bringen solche Leute ihren Kindern bei? Dass Hass, Egoismus und Gewalt dich ans Ziel bringen? Dass Krankheiten nur eine Einbildung sind? Dass die Corona-Toten selbst schuld sind?

Liebe der Eltern als Instrument

Okay, okay, ist ja schon gut, tut mir leid. Ich gehe immer noch davon aus, dass Eltern ihre Kinder lieben, nur das Beste für sie wollen, und natürlich wählen sie dafür den Weg, der ihnen am ehesten einleuchtet.

Was mich aber maßlos aufregt: Dass die menschenverachtenden Kreaturen, die sich in der AfD, bei den Querdenken und auf irgendwelchen Treffen geisteskranker Irrer tummeln, genau diese Liebe der Eltern als Instrument nutzen, um ihre abartige Ideologie und ihre kranke Weltanschauung durchzusetzen. Also, ihr Nazi-Schweine, AfD-Anhänger, Corona-Leugner: Lasst die Finger von den Familien. Ansonsten werde ich nämlich richtig sauer.

P.S.: Wer wirklich etwas für das Kindeswohl tun will, der sollte sich vielleicht die Petition zur Unterstützung der Familien auf www.eltern.de anschauen. Rat und Hilfe für Kinder im Lockdown finden sich auch beim Kinderschutzbund in NRW. Und generell gilt: Reden Sie mit Ihren Kindern, egal wie alt, über die Situation. Das hilft, auch wenn Sie gerade vielleicht ebenfalls ein Fretful Father oder eine Fretful Mother sind.

ZWISCHEN BESORGT UND VERÄRGERT

In seiner Kolumne „The Fretful Father“ schreibt Reporter Daniel Claeßen über Dinge, die ihn als Familienvater bewegen. Und auch wenn er die Probleme seiner Kinder stets ernst nimmt, ist hier nicht immer alles ernst gemeint. Der Titel der Kolumne ist angelehnt an das „Fretful Mother Magazine“ aus der Serie „Die Simpsons“. Womit auch klar ist, dass hier immer mal wieder das Kind im Manne durchkommt. Außerdem kann „fretful“ nicht nur „besorgt“, sondern auch „quengelig“, „weinerlich“ und „verärgert“ bedeuten – womit die Gefühlsspanne unseres Autors ziemlich gut abgebildet wird.

Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen

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