Auf dem Großfeld war Theo Nelle (links) bei dem HC Heeren und VfL Kamen überaus erfolgreich als Mittelstürmer aktiv. © Stefan Milk
Handball

Theo Nelle: Eine Legende schon zu Lebzeiten

Die Liebe für den Handballsport kann wohl nicht größer sein: 60 Jahre lang hat Theo Nelle „seinen“ Sport als aktiver Schiedsrichter begleitet.

Dabei hält Nelle einen einsamen Rekord: 60 Jahre lang war er noch bis Januar dieses Jahres als Schiedsrichter tätig. Schon am 1. Juni 1946 trat er dem da gerade erst gegründeten HC Heeren bei und hat den als Vorsitzender von 1963 bis 1993 – also stolze 30 Jahre lang – als Vorsitzender entscheidend geprägt. Eigentlich Gründe, zu Weihnachten auf ein erfülltes Leben zurückzublicken. Doch ganz so ist es leider nicht und das liegt nicht nur an dem Coronavirus. Seine Ehefrau Waltraud, mit der er seit 60 Jahren verheiratet ist, und die beim Handball stets an seiner Seite zu finden war, musste vor zweieinhalb Jahren in ein Pflegeheim. „Sie kann nicht mehr gehen“, erklärt Theo Nelle. Noch schlimmer: Sein einziges Kind Karl, den alle nur „Charly“ nannten, starb am 19. Mai 2018 nach kurzer schwerer Krankheit.

Doch Theo Nelle lässt sich nicht unterkriegen, auch wenn er oft allein ist. Jeden Nachmittag besucht er seine „Walli“ in dem Heim. Für zwei Stunden, mehr ist nicht drin. Und dennoch freut er sich jeden Tag darauf, sie zu sehen und mit ihr zu reden – auch über alte Zeiten, die vor allem durch den Handballsport geprägt wurden. Doch auf dieses „Highlight des Tages“ muss er seit dem zweiten Lockdown zunächst verzichten. „Ich darf sie nicht mehr besuchen, auch Weihnachten und Silvester nicht“, sagt Theo Nelle. „Jetzt bin ich noch einsamer als zuvor.“

Auch der Hallenhandball ist ihm nicht fremd. Die Teilnahme des VfL Kamen an der Westfalenmeisterschaft mit unter anderem SC Münster 08 und Gevelsberg in der Dortmunder Westfalenhalle ist Nelle besonders positiv in Erinnerung geblieben.

1963 sollte sein Stammverein HC Heeren aufgelöst werden. „Da hat irgendjemand gesagt: Theo mach du doch den Vorsitzenden, dann läuft das hier auch wieder. Ich war so blöd, und habe ja gesagt“, erinnert sich Theo Nelle. Diesen Posten hatte er dann satte 30 Jahre inne. Beruf, Spieler, Vereinsfunktionär und Schiedsrichter, wurde das alles nicht ein bisschen viel? „Nein, für den Handball hatte ich immer Zeit“, sagt Theo Nelle.

Theo Nelle und seine Ehefrau „Walli“ bildeten über Jahrzehnte ein Gespann, dass in fast allen Sporthallöen zuhause war. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

1972 endete seine aktive Karriere im Alter von 40 Jahren. Seiner Leidenschaft Schiedsrichterei blieb er natürlich weiterhin treu. Bis hoch zur Verbandsliga wurde er mit der Spielleitung beauftragt. Den meisten ist Theo Nelle im Gespann mit seinem Sohn „Charly“ in bester Erinnerung geblieben. Wohl auch deshalb, weil sie die Lage auf dem Spielfeld stets im Griff hatten, auch wenn es noch so heiß herging. Der Beweis: Proteste zu einem Spiel, das unter der Leitung des Nelle-Gespanns stand, gab es nie. „Mein Sohn und ich haben vor jedem Spiel laut gesagt: Aufrecht reingehen, aufrecht rauskommen. Das hat immer geklappt“, sagt Theo Nelle. Oft genug sprangen die beiden auch kurzfristig ein, wenn ein Unparteiischer unerwartet nicht eingesetzt werden konnte. Zwei Spiele an einem Wochenende waren so keine Seltenheit – und auch kein Problem.

In der wenigen freien Zeit engagierte sich Theo mit seiner „Walli“ auch noch hinter der Kuchen- oder Bratwursttheke. Natürlich bei den Heimspielen seines HC Heeren, aber zum Beispiel auch bei der HSG Unna/Lünern, die damals auf dem Sportplatz am Ostfeldweg inzwischen legendäre Kleinfeldturniere für Jugendmannschaften ausrichtete. Die Liebe zum Sport sowie der Kontakt zu jungen Sportlern war stets Antrieb genug, um sich ehrenamtlich einzusetzen. Klar, dass so viel Einsatz auch von offizieller Seite gewürdigt wurde. Neben den Ehrennadeln des damaligen Handballkreises Unna gab´s 1996 für besondere Verdienste auch die Goldene Ehrennadel des Westfälischen Handballverbandes.

Mit dem Team des VfL Kamen (Bild) spielte Theo Nelle in der Industrieoberliga – der damals zweithöchsten Liga. 1959 und 1960 wurde der heute 87-Jährige sogar Torschützenkönig der Liga wurde. 300 Spiele bestritt er für den VfL. © Stefan Milk © Stefan Milk

Nun ist es mit dem Schiedsrichterjob nach 60 Jahren vorbei. „Länger hat im Handballkreis kein anderer gepfiffen“, weiß Theo Nelle. Die heimische Handballszene verfolgt er dennoch weiterhin. So ist er bei den Heimspielen seines HCH stets auf der Tribüne zu finden, verfolgt auch stets den „Klassiker“ zwischen dem HC TuRa Bergkamen und dem SuS Oberaden. Mit der Entwicklung „seines“ Sports ist der 87-Jährige indes nicht zufrieden. „Die schnelle Mitte hat viel kaputt gemacht, auch für die Zuschauer. Die Mannschaften brauchen doch gar keine Torhüter mehr, es fallen einfach zu viele Tore.“

In den vielen Jahren, in denen er den Handballsport als Fan begleitet, ist ihm ein Akteur in besonders guter Erinnerung geblieben. „Der Herbert Lübking war ein ganz exzellenter Spieler“, lobt er den Ex-Nationalspieler, der völlig überraschend aus der bundesdeutschen Eliteliga beim damals tiefklassigen TuS Nettelstedt einen Neuanfang versuchte. Beim Durchmarsch an die Spitze gaben die Ostwestfalen auch einige Male ein Gastspiel in heimischen Sporthallen. Einer der Zuschauer war Theo Nelle.

„Seinem“ HC Heeren wünscht Theo Nelle größeren sportlichen Erfolg, als dies aktuell der Fall ist. Der Dominik Hoeft ist super, der könnte locker ein paar Klassen höher spielen. Vielleicht gelingt mit ihm ja doch noch der Aufstieg in die Landesliga“, sagt Nelle. Könnte ja in dieser Saison klappen. Doch daran glaubt Nelle nicht. „Handball wird aus meiner Sicht erst wieder im Herbst gespielt. Vorher lässt das Corona nicht zu.“

Über den Autor
Redaktion Lokalsport
Geburtsjahr 1956, früherer Handballer, erst Freier Mitarbeiter und nun seit „Urzeiten“ Sportredakteur im Verlagshaus Rubens. Sechsfacher Opa, zeitlich gut ausgelastet. Familienmensch, der gern mit Freunden unterwegs ist.
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Michael Friehs
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