Zu wenig Corona-Tests? Chef des Gesundheitsamts in Unna widerspricht

dzRisikogruppen in Altenheimen

Nur in wenigen Altenheimen gab es Corona-Tests. Gesunde Bewohner wurden spät gemeldet: Der Chef des Gesundheitsamts in Unna steht trotz sinkender Infektionszahlen in der Kritik. Nun hat sich Josef Merfels dazu geäußert.

Kreis Unna

, 27.05.2020, 13:34 Uhr / Lesedauer: 2 min

Aus einem Coronavirus-Fall Anfang März wurden schnell mehr. Mittlerweile haben sich 672 Menschen im Kreis Unna mit dem neuartigen Coronavirus angesteckt, die allermeisten sind wieder gesund. Es gibt kaum noch Neuinfektionen.

Josef Merfels und seine Mitarbeiter können nun aufatmen, sie haben die Infektionsketten erfolgreich nachverfolgt. Mit zeitweise rund 35 Neuinfektionen pro Tag hatten der Leiter des Fachbereichs Gesundheit und Verbraucherschutz und sein Team zahlreiche Kontaktpersonen von Infizierten zu ermitteln – und unter Quarantäne zu stellen. Eine „unsägliche Menge“ an Datensätzen entstand, auf die das Gesundheitsamt „EDV-mäßig nicht vorbereitet war“, wie Merfels schildert. Die Behördenmitarbeiter behalfen sich mit Excel-Tabellen.

Es waren nach den Erkenntnissen des Gesundheitsamts die Urlaubsrückkehrer, die das Coronavirus in den Kreis Unna trugen. Der Krankheitserreger verbreitete sich im familiären Umfeld aus. Einige Menschen wurden so krank, dass sie in eine Klinik eingeliefert wurden. „Es gab auch etliche, die sich in Krankenhäusern angesteckt haben“, sagt Merfels. Bei den meisten bekannten Infektionen sei ein familiärer Zusammenhang gegeben. Doch zum Brennpunkt wurden zwei Altenheime in Fröndenberg, das Hans-Jürgen-Janzen- und das Schmallenbach-Haus, mit zusammen über 134 infizierten Bewohnern und Mitarbeitern und 20 Todesfällen.

Corona-Tests im Schmallenbach-Haus in Fröndenberg im April.

Im Schmallenbach-Haus in Fröndenberg wurde alle Mitarbeiter und Bewohner auf das Coronavirus getestet. Es gab aber keine flächendeckenden Tests in allen Altenheimen im Kreis Unna. © Udo Hennes

Tests in allen Altenheimen ergeben „epidemiologisch keinen Sinn“

Infolge der Massenerkrankungen sind Vorwürfe gegen das Unnaer Gesundheitsamt aufgekommen. Die Behörde hatte einen Tag nach dem zweiten Todesfall im Schmallenbach-Haus zunächst nur einen Teil der Heimbewohner in dem unmittelbar betroffenen Teil auf Corona getestet, erst später wurden alle getestet. Zudem führte die Behörde selten vorsorgliche Testungen in anderen Heimen durch – anders beispielsweise im Kreis Olpe, wo nach neuen Angaben Reihenuntersuchungen in 38 von 52 Heimen stattfanden.

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Der Unnaer Gesundheitsamtsleiter Merfels rechtfertigt die zurückhaltende Strategie im Kreis Unna. Es wurde nicht in allen Altenheimen getestet, „weil das epidemiologisch keinen Sinn macht“. Eine rechtliche Verpflichtung habe auch nicht bestanden. Durch Tests ergebe sich jeweils eine „Momentaufnahme, die nach zwei Tagen nichts mehr wert ist“. Denn in der Zwischenzeit könne sich jemand angesteckt haben. Auch Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann habe keine solche Teststrategie befürwortet. Und Kreise wie Olpe und kreisfreie Städte wie Hamm würden von Reihentestungen wieder abrücken. Das wisse er aus internen Telefonkonferenzen.

Statistik


Weniger Neuinfektionen als gemeldet

  • Die Zahl der täglichen Neuinfektionen im Kreis Unna stagniert seit einigen Tagen zwischen jeweils 0 und 5 Fällen. Nur am Samstag stachen sieben gemeldete Neuinfektionen hervor. Dieses Zahl geriet aufgrund der Meldung eines Labors auf dem Prüfstand. Es bestehe der Verdacht, dass es sich dabei um falsch-positive Ergebnisse handle. Durch Nachtests hat sich der Verdacht bestätigt.
  • Jeweils zwei Fälle aus Bergkamen und zwei Fälle aus Kamen, die am Samstag als Neuinfektionen gemeldet worden waren, fallen nun weg. Auch zwei Fälle aus Lünen müssen abgezogen werden. Dadurch ändert sich die Gesamtzahl der Neuinfektionen vom Samstag rückwirkend von sieben auf eins. Auch für den Montag gab es rückwirkend eine Korrektur: keine statt eine Neuinfektion.
  • Insgesamt haben sich seit Beginn der Pandemie 667 Menschen im Kreis Unna infiziert, die Korrekturen eingerechnet. 594 gelten wieder als gesund (Stand: 27. Mai). Es bleiben damit noch 39 aktive Infektionsfälle im Kreis Unna.

Die Vorgehensweise des Unnaer Gesundheitsamts ist laut Merfels durch Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts gedeckt. Das Gesundheitsamt habe auf Basis einer fachlichen Einschätzung unter anderem das gesamte Schmallenbach-Haus und Hans-Jürgen-Janzen-Haus getestet. Entscheidend dafür, die Ausbreitung des Virus und Todesfälle zu verhindern, seien aber nicht die Tests, sondern Schutzmaßnahmen. Wichtig sei die „Kohortenisolierung“. Merfels zeigte Verständnis dafür, dass bei Infektionen in Altenheimen ein großer Druck entstehe auch durch Angehörige, die wissen wollen, ob Bewohner nun das Virus haben oder nicht.

Fröndenberg gilt inzwischen laut Corona-Statistik als erste Stadt im Kreis Unna wieder als coronafrei. Vorige Woche wurden auf einen Schlag über 80 Gesunde gemeldet. Diese Meldung, so Merfels, sei wegen eines Übertragungsfehlers erst einige Tage später erfolgt. Der Fachbereichsleiter äußerte sich auch zur Kritik an der Statistik. So war eine Vielzahl von Altenheim-Bewohnern aus Fröndenberg noch tage- und wochenlang als infiziert in der Statistik gelistet, obwohl sie laut Altenheim nachweislich wieder gesund waren. Diese verzögerte Darstellung ist laut Merfels mit der Betrachtungsweise seiner Behörde zu erklären. Die Behörde stellt das Heim als Ganzes unter Quarantäne, nicht einzelne Bewohner. Der Gesundheitsdienst soll Heimbewohner nur gesammelt als gesund in die Statistik eintragen, sofern auch für den letzten Mitbewohner eine Infektion überstanden ist. „Erst wenn im Heim Ruhe ist“, so Merfels.

Zu dieser Erklärung passt allerdings nicht, dass das Schmallenbach-Haus noch am Dienstag von einem positiv getesteten Bewohner ausging. Man sei dabei, diesen Verdachtsfall zu klären, so Merfels.

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