Zu viele Leute an Bord? Busfahrer fordert Verstärkung beim Landrat an

dzNahverkehr und Corona

Ein Busfahrer sorgt sich um die mögliche Corona-Ansteckungsgefahr in vollen Bussen. In einem offenen Brief an den Landrat fordert er mehr Verstärkerfahrzeuge, damit er keine Passagiere aussteigen lassen muss.

Kreis Unna

, 05.04.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Mindestens 1,50 Meter Abstand halten, dieser Rat gilt wegen der Pandemie auch in Bus und Bahn. Aber was tun, wenn es zu eng wird? Deutschlands oberster Seuchenbekämpfer, RKI-Chef Lothar Wieler, empfiehlt, notfalls die Taktung im öffentlichen Nahverkehr zu erhöhen.

Die Verkehrsgesellschaft Kreis Unna (VKU) fährt derzeit nach dem reduzierten Ferienfahrplan und setzt nach eigener Darstellung mehr Gelenkbusse ein. Diese sind geräumiger als andere Busse und erlauben folglich einen größeren Abstand bei gleichem Passagieraufkommen. Tatsächlich fahren derzeit viel weniger Menschen mit dem Bus, und einige zollen den Busfahrern per Applaus ihren Respekt. Das Fahrpersonal sitzt hinter Flatterband und soll laut einer Dienstanweisung darauf achten, dass die Fahrgäste Abstand halten. Bevor es zu eng wird, sollen keine zusätzlichen Reisenden mehr aufgenommen werden. Die Fahrer sollen der Leitstelle Bescheid sagen, die für Verstärkung sorgt. So weit die Theorie.

Busfahrer schreibt an Landrat

Rainer M.* aus Lünen ist Busfahrer und warnt, dass Passagiere die Abstandsregel in der Praxis nicht immer einhalten können. Der Mitarbeiter eines privaten Omnibus-Unternehmens, das im VKU-Auftrag unterwegs ist, hat jetzt in einem offenen Brief an VKU-Aufsichtsratschef und Landrat Michael Makiolla (SPD) ein Dilemma geschildert, in dem er sich sieht. Entweder nimmt er alle Fahrgäste mit, dann wird der Abstand zu klein. Oder er fordert Passagiere auf auszusteigen. Dann riskiert er ebenso Konflikte. In dem Brief wird beispielhaft eine Szene geschildert, die sich am 27. März zugetragen haben soll.

Brief eines Busfahrers

So eng wird es im Bus

Aus dem Brief eines Busfahrers an den Landrat: „An einer Haltestelle stieg eine ältere Dame mit Rollator zu. An der nächsten Haltestelle stieg ein weiterer Fahrgast mit Fahrrad zu. Da der Abstellraum für Rollatoren und Fahrräder im Bus beschränkt ist, standen die beiden sehr nah beieinander. Ich habe dann die Dame gebeten, ihren Rollator mit der Bremse zu sichern und sich auf einen freien Sitzplatz zu setzen. Einige Haltestellen später stieg eine Frau mit Kinderwagen zu. Auch diese müsste nun den Raum nutzen, in dem aber schon der Rollator und das Fahrrad plus Fahrgast standen. Eigentlich hätte ich jetzt tätig werden müssen und die Dame mit dem Kinderwagen oder den Herren mit dem Fahrrad von der Fahrt auszuschließen. Einerseits, aus meiner Pflicht für die Transportsicherheit zu sorgen und um genügend Abstand zwischen den Personen herzustellen. Zum Glück hat der Herr mit dem Fahrrad nach einem kurzen Gespräch den Bus verlassen und seine Fahrt mit dem Fahrrad fortgesetzt.“

Landrat soll für Verstärkerfahrzeuge sorgen

Busfahrer M. bittet den Landrat, darüber nachdenken, „ob es da nicht die Möglichkeit gebe, für ein paar Verstärkerfahrzeuge auf der Straße zu sorgen“. Makiolla ließ umgehend VKU-Betriebsleiter Andreas Feld antworten. Der Manager weist in dem Antwortschreiben, das der Redaktion vorliegt, darauf hin, dass wegen geschlossener Schulen und Geschäfte, wegen Kurzarbeit und Homeoffice derzeit erheblich weniger Kunden mit dem Bus fahren. Es gelte der Ferienfahrplan und die VKU setze alle zur Verfügung stehenden Gelenkbusse ein. Feld: „Grundsätzlich ist Ihr Vorschlag gut und vernünftig, zusätzliche Busse einzusetzen, das sehen wir auch so. Pauschal können wir das aber nicht leisten, alle Linien in den Spitzenzeiten zu doppeln.“

Die VKU will stattdessen dort zusätzliche Fahrzeuge einsetzen, wo die „Notwendigkeit bekannt“ ist – durch eigene Beobachtungen oder durch Meldung von Dritten. „Wir alle konnten diese Situation nicht üben und hoffen, dass wir möglichst viel richtig machen. Leider wissen wir das erst hinterher. Auf jeden Fall tun wir alles, damit wir wenigstens den Ferienfahrplan halten und nach den Schulöffnungen wieder ganz normal fahren können.“ Feld bittet den Busfahrer M. zu melden, auf welchen Fahrten es eng wird.

Das hat M. auch schon gemacht. So konnte M. nach eigenen Worten am 1. April an der Haltestelle Gerhart-Hauptmann Schule in Unna keine Fahrgäste mehr aufnehmen.

Rettungsschirm auch für Busunternehmen

Landrat Makiolla verwies auf Anfrage der Redaktion durch seine Pressestelle auf die VKU. Diese ließ die Presseanfrage am Freitag unbeantwortet. Angefragt ist unter anderem, ob auch private Omnibusunternehmen im VKU-Auftrag verstärkt geräumigere Busse einsetzen. Es ist zu hören, dass dafür kein Anreiz bestehen soll und die Unternehmer diese aus Kostengründen auf dem Hof stehen lassen. Die privaten Busunternehmer leiden selbst unter der Krise. Diejenigen, für die der Schülerverkehr an Kreisschulen wegbricht, können laut einem von Makiolla am Freitag unterzeichneten Dringlichkeitsbeschluss, unter einen Rettungsschirm schlüpfen.

*vollständiger Name der Redaktion bekannt.
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