Zähne bröckeln auch im Kreis Unna wie Kreide

dzKreidezähne

Immer mehr Kinder leiden unter Kreidezähnen. Betroffene Zähne schmerzen und müssen im schlimmsten Fall gezogen werden. Die Ursache ist noch nicht gefunden. Deshalb gibt es auch kein Gegengift.

Kreis Unna

, 01.08.2018, 16:36 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH), umgangssprachlich Kreidezähne, stellt Zahnmediziner auch im Kreis Unna vor neue Herausforderungen. Während das Milchgebiss noch völlig in Ordnung sein kann, wachsen die ersten bleibenden Zähne plötzlich krank aus dem Kiefer heraus. Eine weiß-gelbliche bis gelb-braune Oberfläche sei auf einzelnen Zahnhöckern zu finden oder auf der gesamten Oberfläche des Zahnes, berichten Ärzte. Die Zähne brechen teilweise ab wie Kreide.

Dr. Christoph Hollinger vom Zahnärztlichen Dienst des Kreises Unna beobachtet das Phänomen schon seit Jahren. Bei Viertklässlern, welche der Zahnärztliche Dienst umfassend untersucht, gehe der Befall in Richtung zehn Prozent. In Deutschland sind es nach Angaben des Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde, Norbert Krämer, im Schnitt etwa 10 bis 15 Prozent der Kinder. Eine neue Studie habe sogar bei knapp 30 Prozent der Zwölfjährigen Kreidezähne nachgewiesen – in unterschiedlichem Schweregrad. Krämer bezeichnet sie daher auch als neue Volkskrankheit.

„Die Häufigkeit ist schon besorgniserregend“, sagt Stefan Zimmer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Präventivzahnmedizin und Leiter der Zahnklinik der Universität Witten/Herdecke. Gefühlt seien aber auch in seiner Wahrnehmung die Fälle von Kreidezähnen bei Kindern in den letzten Jahren gestiegen. „Ich persönlich habe die MIH erstmals Mitte der 90er-Jahre gesehen.“ Damals sei es erstmals in nennenswertem Umfang in Deutschland beobachtet worden.

Selten dramatisch

Von MIH betroffen sind laut Christoph Hollinger nie alle Zähne. Am häufigsten seien es die ersten großen Backenzähne im bleibenden Gebiss, doch auch die oberen Schneidezähne kann es treffen. „Die neuen Backenzähne kommen meist mit sechs Jahren. Sind sie betroffen, sind sie verfärbt und werden oftmals sehr rau oder gar bröckelig“, erklärt Hollinger. Andere Zähne treffe es in der Regel nicht und es gebe auch Kreideflecken, die unbedenklich sind, beruhigt Hollinger. Die schlimmste Folge sei Karies und nur in seltenen Fällen müsse der Zahn entfernt werden. Ausgeprägtere MIH-Formen träten nur bei gut fünf Prozent der betroffenen Kinder auf, sagt auch Stefan Zimmer. „Eltern brauchen nicht in Panik zu verfallen, in den meisten Fällen kann man den Zahn dauerhaft erhalten.“

Die betroffenen Zähne sehen nicht nur unschön aus, sie tun auch weh. Backenzähne (Molaren), aber auch Schneidezähne (Inzisiven), reagieren empfindlich auf Hitze, Kälte oder chemische Reize. Die Zähne haben dabei eine raue Oberfläche und sind zerfurcht – was die Anlagerung von bakteriellen Zahnbelägen, die Ursache von Karies, fördert, sagt Zahnmediziner Zimmer.

Die Kinder haben Schmerzen beim Trinken, Essen und Zähneputzen. Ursache seien Störungen in der Mineralisation des Zahnschmelzes, so die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde MIH 1987.

Weniger Karies

Dabei hat sich die Zahngesundheit von Kindern im Kreis Unna verbessert. „In den letzten zehn Jahren hat sich der Kariesbefall halbiert. Vor dreißig Jahren gab es vier Mal so viel Karies“, so Hollinger über die Viertklässler im Kreis Unna. Die Rede sei aber vom bleibenden Gebiss, denn was die Milchzähne betrifft, stagniere die Zahl der Karieserkrankungen auf einem zu hohen Niveau. „Fast die Hälfte aller Kinder bekommen Milchzahnkaries“, erklärt er. Grund dafür sei nicht nur, dass Milchzähne anfälliger sind, sondern es hänge auch mit dem Verhalten der Eltern zusammen. „Manche fangen zu spät mit der Mundhygiene an. Das sollte man ab dem ersten Milchzahn tun. Oder die Ernährung ist zu wenig kauintensiv und zu süß“, benennt Hollinger mögliche Ursachen. Ein für die Zähne ungesunder Trend bei Kindern seien Quetschies – das ist ein pürierter Obst-Snack aus dem Beutel. Obwohl auf den Quetschbeuteln Obst abgebildet sei, verberge sich darin viel Zucker und Fruchtsäure, warnt der Experte.

In Deutschland hat sich die Zahl der kariesfreien Gebisse in den Jahren von 1997 bis 2014 übrigens praktisch verdoppelt. Es steht damit laut der aktuellen Fünften Deutschen Mundgesundheitsstudie an der Weltspitze. Jedes zweite Kind (45 Prozent) und jeder dritte Erwachsene (31 Prozent) kennt die Empfehlungen zur Zahnpflege und gibt ein gutes Zahnputzverhalten an.

Über alle sozialen Schichten hinweg konnte die Karieslast in der Bevölkerung laut Studie gesenkt werden. Auch Kinder mit einem vergleichsweise niedrigen Sozialstatus haben heute wesentlich gesündere Zähne als noch vor 20 Jahren. Karies ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen und steht nach einem Ranking der Weltgesundheitsorganisation zu Behandlungskosten von chronischen Krankheiten weltweit an vierter Stelle.

So erfreulich die Entwicklung bei Karies im Kindesalter ist, so beunruhigend ist sie bei der MIH.

Erste Zahnschäden wurden Ärzteverbänden zufolge schon bei Ungeborenen im achten Schwangerschaftsmonat registriert. Ab diesem Zeitpunkt bis zum zweiten Lebensjahr entwickelt sich der Schmelz der ersten bleibenden Backen- und Frontzähne, die Störung verorten die Mediziner daher innerhalb dieser Zeitspanne. Das Milchgebiss ist nicht in jedem Fall betroffen, wenn dort ein MIH-Zahn auftaucht, ist das Risiko für die bleibenden Zähne erhöht.

Mögliche Ursachen

Verschiedene Ursachen werden derzeit diskutiert. In Frage kämen Probleme während der Schwangerschaft, Infektionskrankheiten, Antibiotikagaben, Windpocken, Einflüsse durch Dioxine sowie Erkrankungen der oberen Luftwege. Zahnmediziner Zimmer ist sich sicher: „MIH entsteht durch äußere Einflüsse.“ In der Rückschau sei es allerdings schwer zu rekonstruieren. „Wenn es mit sechs Jahren entdeckt wird, muss man in Gesprächen mit den Eltern klären, welchen Einflüssen das Kind zwischen Ende der Schwangerschaft und dem zweiten Lebensjahr ausgesetzt war.“ Das sei naturgemäß nicht so einfach.

In Tierversuchen mit Ratten sei ein Zusammenhang zwischen der Chemikalie Bisphenol-A und Kreidezähnen nachgewiesen worden, sagt Zimmer. Früher kam dieser Stoff unter anderem in Säuglingstrinkflaschen aus Polycarbonat vor, bis diese Verwendung 2011 EU-weit verboten wurde.

Da die Ursache noch nicht bekannt sei, könne Eltern noch keine Empfehlung zur Vermeidung von Kreidezähnen gegeben werden, sagt Hollinger vom Kreis Unna. Wenn das Problem allerdings auftritt, könne man handeln und die Zähne prophylaktisch schützen.

„Man kann die Zähne mit Kunststoff versiegeln, um sie zu schützen, oder Fluoridschutz auftragen. Das macht den Zahnschmelz härter.“ Hollinger rät einen engen Kontakt zum Zahnarzt.