Wirte und die Coronakrise: Sperrstunde zur Kaffeezeit statt Feierabendbier

dzGastronomie

Kein Feierabendbier, nur noch Mittagstisch und großer Sitzabstand: Wirte sehen sich strengen Auflagen für den Weiterbetrieb ihrer Lokale gegenüber und machen sich Sorgen. Mancher Gastronom schließt komplett.

Kreis Unna

, 17.03.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Jens Reckermann hat meist ein volles Haus. Die Gaststätte „Vivo“ ist ein angesagte Adresse in Holzwickede, und wer einen Tisch bei dem Wirt bekommen möchte, ruft besser vorher an.

Wem nicht angesichts der Coronakrise sowieso die Lust aufs Dinner vergangen ist, dem bietet nun auch das mediterrane Restaurant keine Ausgehmöglichkeit mehr. Die Gaststätte gehört zu den Lokalen, die geschlossen haben – nicht, weil die Erlasslage dies zwingend erfordert, sondern weil die Wirte keinen Sinn in einem Weiterbetrieb unter strengen Auflagen sehen und voll Sorge um das Wohlergehen der Gäste und Mitarbeiter sind.

„Das Rumgeeiere macht keinen Sinn“, sagt Jens Reckermann. „Für unsere Gäste nicht, für unsere Mitarbeiter und für uns. Wir wollen alle gut geschützt sein und uns nach der Krise wieder in die Auge schauen können.“

Nach neuester Ansage von Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) dürfen Restaurants in NRW nur noch von 6 bis 15 Uhr geöffnet sein. Die zuvor eingeführte 18-Uhr-Sperrstunde ist damit bereits überholt. Weiterhin gilt: Besucher müssen mit Kontaktdaten registriert werden (für eine mögliche Nachverfolgung von Kontaktpersonen in einem Infektionsfall). Zudem muss die Besucherzahl begrenzt werden, und zwischen Tischen ist ein Mindestabstand von zwei Metern einzuhalten.

Aus wirtschaftlicher Sicht ist die Schließung dramatisch, wie Reckermann sagt, aber „es geht darum, dass wir die Welle der Infektionen entspannen, damit jeder, der es nötig hat, eine vernünftige medizinische Versorgung hat“. Von der Schließung sind fünf Festangestellte und 15 Aushilfen betroffen. Deshalb hat er Kurzarbeit angemeldet.

Wolfgang Patzkowsky

Wolfgang Patzkowsky © Marcel Drawe

„Hier bricht gerade ganz viel zusammen, das merkt man schon jetzt.“
Wolfgang Patzkowsky

Auch in Unna treibt die Sorge vor den Folgen der Krise die Wirte schon jetzt um. Wolfgang Patzkowsky, Urgestein des Unnaer Wirtevereins, hört aus allen Ecken Befürchtungen. „Da geht es um Geld, aber auch um die sozialen Strukturen. Hier bricht gerade ganz viel zusammen, das merkt man schon jetzt.“ Stammtische fallen aus, Kneipen öffnen nur zu bestimmten Zeiten und geplante Kneipentouren werden bis weit in den April hinein abgesagt.

Das Gasthaus Agethen informierte seine Kunden noch am Montag darüber, dass man nur noch ab 17 Uhr öffnen werde. Gleichzeitig bietet Wirt Karl-Heinz Schürmann jetzt die Auslieferung von Essen an. Die Kneipe Tortuga hat zunächst bis zum 19. April alle ihre geplanten Konzerte abgesagt. Die Gaststätte Uni informierte am Montag ihre Gäste via Facebook über die Schließung bis zum 19. April. „Hoffentlich ist dann alles durch und es geht wieder Richtung Normalität. Alles andere würde für viele Wirte an die Existenz gehen“, meint Patzkowsky.

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In Kamen hat sich Michael Wilde bei den Behörden rückversichert, dass er zumindest den Restaurantbetrieb seiner zweiteiligen Gaststätte „Kümper’s Bar/Restaurant“ weiterführen darf. „Angeknüpft natürlich an etliche Auflagen. Das heißt, der Betrieb steht nur noch für 50 Prozent Gästekapazität zur Verfügung“, schreibt er bei Facebook.

Veranstaltungen bis einschließlich 19. April und das Whisky-Tasting sind abgesagt, ebenso Buchungen für private Feiern. „Leider wissen wir nicht, wie lange der Zustand anhält und wir wissen ebenfalls auch nicht, wie es danach weitergeht. Letztendlich geht es um viele Existenzen. Wir hoffen einfach nur das Beste.“

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