Wie eine App Lebensmittel vor dem Müll rettet

dz„Too Good To Go“

Jedes Jahr landen in Deutschland 18 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll – ein Großteil davon in der Gastronomie. Eine App soll helfen, das zu ändern. Auch im Kreis Unna gibt’s Mitstreiter.

Kreis Unna

, 01.12.2018, 17:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist der Fluch der Gastronomie: Was morgens frisch zubereitet wird, landet bei ausbleibender Kundschaft abends im Müll. Rund 30 Prozent aller produzierten Lebensmittel weltweit wandern in die Tonne. Denn immer die genaue Menge für den Tag zu kalkulieren, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Eine für User kostenlose App soll das ändern: Sie heißt „Too Good To Go“, was so viel wie „zu schade zum Wegwerfen“ bedeutet – und hat auch erste Anhänger im Kreis Unna gefunden.

Das Konzept des Start-ups aus Dänemark ist relativ simpel: Über die App können Restaurants, Bäckereien, Cafés, Hotels und Supermärkte ihr überschüssiges Essen zu einem vergünstigten Preis an Selbstabholer anbieten. Die Kunden bestellen und bezahlen direkt über die App und brauchen ihre Portion dann nur im angegebenen Zeitfenster im Laden abzuholen. Das hat nicht nur Vorteile für die Umwelt, weil Lebensmittel gerettet und Ressourcen geschont werden, betonen die Macher der App. Auch die Kunden profitieren, weil sie eine günstige Mahlzeit bekommen. Und die gastronomischen Betriebe verdienen etwas dazu.

„Too Good To Go“: Wachsendes Start-up

  • „Too Good To Go“ ist ein Start-up, das mithilfe einer App der Lebensmittelverschwendung begegnen will.
  • Es wurde 2015 in Dänemark gegründet.
  • Mittlerweile ist es in neun Ländern vertreten: in Dänemark, Deutschland, Frankreich, Belgien, Norwegen, Großbritannien, Spanien, in der Schweiz und den Niederlanden.
  • Insgesamt haben sich schon sechs Millionen Nutzer registriert, davon allein eine Million in Deutschland.
  • 2400 Partnerbetriebe zählt das Start-up bundesweit.
  • Bekanntheit in Deutschland erlangte das Start-up auch über die TV-Sendung „Höhle der Löwen“.
  • Finanziert wird „Too Good To Go“ über einen Pauschalbetrag von einem Euro, den jeder Partnerbetrieb pro verkaufte Portion abgeben muss. Davon werden die Verpackungsmaterialien, Technologie- und Personalkosten bezahlt.
  • Dieses Jahr wurde das Start-up mit dem „Zeit Wissen“-Preis Mut zur Nachhaltigkeit in der Kategorie „Durchstarten“ ausgezeichnet.

Seit April ist auch die Salatbar Schnibbelgrün in Unna bei „Too Good To Go“ registriert. Täglich bietet Inhaberin Hülya Nergiz auf der Plattform mindestens einen Salat und eine Ofenkartoffel an, wenn mal weniger los ist auch mehr. Die Kunden, die im Laufe des Tages bestellt haben, können sich dann abends eine Speise aus den Zutaten zusammenstellen lassen, die noch übrig geblieben sind – und das für die Hälfte des normalen Preises.

Ein Euro wird abgegeben

Nergiz ist überzeugt von dem Konzept, auch wenn sie mit den Angeboten auf „Too Good To Go“ höchstens ihre Kosten deckt. Denn die Plattform behält für jede verkaufte Speise einen Euro ein. „Mir geht es auch nicht ums Geld“, betont die Gastronomin. „Einige Lebensmittel halten sich einfach nicht lange. Da ist es mir lieber, der Kunde isst sie, als sie wegzuwerfen“, so Nergiz weiter. Und es bleibe leider immer etwas übrig.

Nur einige Straßen weiter bereiten die Mitarbeiter des Backhauses gerade drei gemischte Tüten mit einigen übrig gebliebenen Produkten des Tages vor. Was sich darin befindet, erfahren die Kunden erst bei der Abholung. „Ein Brot, Brötchen, Kuchen und Teilchen sind aber immer dabei“, sagt Backhaus-Geschäftsführer Julian Graßhoff.

Wie eine App Lebensmittel vor dem Müll rettet

Bäcker bemühen sich seit Jahren, so wenig Backwaren wie möglich wegzuwerfen. © picture alliance / dpa

App allein reicht nicht

Seit einem Jahr arbeitet der Bäcker mit „Too Good To Go“ zusammen, in sieben seiner neun Filialen ist das Angebot vorhanden – auch in der einen im Kreis Unna. „Es ist eine gute Sache, die wir gern unterstützen“, sagt der 29-Jährige. Fast täglich kommen bei ihm Kunden vorbei, um Brot und Backwaren vor der Tonne zu retten. Doch mit der App allein könne man nicht verhindern, dass Ware weggeworfen werde, so Graßhoff. Das wichtigste Mittel ist es seiner Meinung nach immer noch, so passgenau wie möglich zu arbeiten. Bleibt dann doch etwas übrig, wird es weiterverarbeitet oder an einen Bauern abgegeben, der die Reste als Tierfutter nutzt. „Die App ist quasi ein weiterer Baustein, Verschwendung zu vermeiden“, betont Graßhoff.

Das Netzwerk wächst

Meinolf Erdmann, Obermeister der Bäcker-Innung Hellweg-Lippe, ist nicht ganz so überzeugt von dem Konzept, Reste kurz vor Ladenschluss günstiger anzubieten. „Wir erziehen die Kunden damit, später und günstiger einkaufen zu wollen“, kritisiert der Bäcker aus Hamm. Er befürchtet zudem, dass die Ware extra vorgehalten werde, um die Nachfrage der Kunden erfüllen zu können. Ob sich die App durchsetze, werde die Zeit zeigen, so Erdmann.

Die Nutzer von „Too Good To Go“ jedenfalls sind begeistert. Sie freuen sich, dass sie helfen können, etwas gegen die Lebensmittelverschwendung zu tun – und das auch noch für kleines Geld. Der Erfolg spiegelt sich auch in den Zahlen des Start-ups wider, das mittlerweile in neun Ländern Europas vertreten ist: Demnach haben sich bereits sechs Millionen Nutzer registriert, die bei etwa 10.000 Partnerbetrieben neun Millionen Mahlzeiten gerettet haben sollen. Und das Netzwerk wächst weiter, „damit Lebensmittelverschwendung Stück für Stück gegessen ist“, wie es auf der Homepage heißt.

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