Uwe Hasche leitet den Krisenstab im Kreishaus in Unna. Die Mission des 50-Jährigen und eines großen Teams: 395.000 Einwohner im Kreis Unna so gut wie möglich vor dem Coronavirus schützen.

Kreis Unna

, 27.03.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn viele Menschen auf einmal durch Großbrände, Unglücksfälle oder Unwetter in Not geraten, weiß Uwe Hasche, was zu tun ist. Der 50-Jährige ist ehrenamtlicher Feuerwehrmann, leitete das Unnaer Ordnungsamt und arbeitete einige Jahre als Ausbilder für Krisenmanagement an der Landesfeuerwehrschule. Jetzt ist er Ordnungs- und Gesundheitsdezernent und Leiter des Krisenstabs im Kreishaus in Unna.

Der 50 Jahre alte Bönener ist ein Typ, der auch in angespannten Situationen einen kühlen Kopf bewahrt. Nun sieht er sich jeden Tag mit einem unsichtbaren Feind konfrontiert, der schwieriger einzudämmen ist als jedes Großfeuer. Das Coronavirus bedroht die Gesundheit von 395.000 Einwohnern im Kreises Unna, und Hasche ist einer der Führungsleute, die das Ziel verfolgen, die Ausbreitung der gefährlichen Viruserkrankung Covid-19 durch das die Isolation von Infizierten und Kontaktpersonen möglichst zu verlangsamen, wenn nicht zu stoppen.

Täglich kommen in den Lageberichten neue Infektionszahlen hinzu, die bedrohliche Entwicklung ist erst am Anfang. „Wir haben eine Krisensituation, wie sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht dagewesen ist“, sagt Hasche. „Das ist für uns alle komplettes Neuland, das kannst du nicht vergleichen mit Sars, Schweinegrippe und Vogelgrippe.“

Uwe Hasche

Uwe Hasche © Kreis Unna

„Das ist für uns alle komplettes Neuland, das kannst du nicht vergleichen mit Sars, Schweingegrippe und Vogelgrippe.“
Uwe Hasche

Täglich um 13 Uhr kommen die Mitglieder des Krisenstabs in einem Sitzungsraum zusammen, wo die Stühle zwei Meter auseinander stehen. Damit sich das Gremium nicht selbst außer Gefecht setzt, falls im Nachhinein bekannt wird, dass ein Teilnehmer infiziert ist, schicken die einzelnen Ämter jeweils nur einen statt mehrere Vertreter in die Sitzungen. Im benachbarten Kreis Soest musste sich der Krisenstab, einschließlich Landrätin Eva Irrgang, in häusliche Isolation begeben, nachdem ein Mitglied positiv auf Sars CoV-2 getestet worden war.

Der Krisenstab setzt sich zusammen aus Delegierten der Bereiche oder Sachgebiete Gesundheit und Verbraucherschutz, Sicherheit und Ordnung, Arbeit und Soziales, Bevölkerungsschutz, Zentrale Dienste, der Pressestelle, Verbindungsleuten der Kreispolizeibehörde Unna sowie der Einsatzleitung von Feuerwehr und Rettungsdienst. Stets dabei sind drei Personen aus der Koordinierungsgruppe des Krisenstabs – fürs Protokoll und für die Lagedarstellung auf einem sogenannten Multiboard.

Mit Argusaugen auf die Fallzahlen schauen

Journalisten sind bei den Sitzungen nicht zugelassen, sodass die Schilderung der Abläufe und Inhalte auf der Darstellung des Krisenstab-Leiters beruhen muss. Nach einem eingespielten Ritual geben die einzelnen Vertreter ihren Lagebericht ab. So präsentiert der Leiter des Kreisgesundheitsamts Josef Merfels oder sein jeweiliger Stellvertreter die aktuellen Fallzahlen. Über die Inhalte der Sitzungen ist Stillschweigen vereinbart. Hasche nennt Beispiele für besprochene Fragen: mögliche Maßnahmen, falls coronabedingte Ausfälle bei den Freiwilligen Feuerwehren zu verzeichnen sind oder Covid-19-Fälle in einem Pflegeheim auftreten. „Was wir heute planen, kann morgen schon anders bewertet werden. Wir gucken mit Argusaugen auf die Entwicklung der Fallzahlen, ob die Strategie aufgeht.“

Bei einer Krisensitzung im Kreishaus am 14. März saßen die Teilnehmer noch eng zusammen. Inzwischen gilt zwei Meter Sitzabend, wenn der Krisenstab (hier eine ähnliche Konstallation) tagt (v.l.): Ärztlicher Leiter Rettungsdienst Nils Schauerte, Sozialdezernent Torsten Göpfert (vorn), Sachgebietsleiter Bevölkerungsschutz Jürgen Wirth, Leiterin Öffentliche Sicherheit und Ordnung Sandra Waßen, Ordnungs- und Gesundheitsdezernent Uwe Hasche, Leiter Zentrale Dienste Holger Gutzeit (vorn), Kreisdirektor Mike-Sebastian Janke, Mitarbeiterin des Landrats und Leiter Kreisgesundheitsamt Josef Merfels.

Bei einer Krisensitzung im Kreishaus am 14. März saßen die Teilnehmer noch eng zusammen. Inzwischen gilt zwei Meter Sitzabend, wenn der Krisenstab (hier eine ähnliche Konstallation) tagt (v.l.): Ärztlicher Leiter Rettungsdienst Nils Schauerte, Sozialdezernent Torsten Göpfert (vorn), Sachgebietsleiter Bevölkerungsschutz Jürgen Wirth, Leiterin Öffentliche Sicherheit und Ordnung Sandra Waßen, Ordnungs- und Gesundheitsdezernent Uwe Hasche, Leiter Zentrale Dienste Holger Gutzeit (vorn), Kreisdirektor Mike-Sebastian Janke, Mitarbeiterin des Landrats und Leiter Kreisgesundheitsamt Josef Merfels. © Max Rolke/Kreis Unna

Zwei Mitarbeiterinnen führen an Planwänden eine sogenannte Problem- und Auftragsliste. Sie notieren Stichpunkte auf einem Meter breiten und 30 Zentimeter hohen Papierstreifen, gut lesbar für jeden Teilnehmer. Ein Stichwort ist schon seit Tagen zu lesen: Schutzkleidung. „Das ist das Problem, für das wir noch keine Lösung parat haben“, sagte Hasche am Dienstag, einen Tag bevor eine Lieferung der Bezirksregierung den Kreis Unna erreichte. „In vielen Bereichen geht Schutzkleidung, zum Beispiel FFP2-Schutzmasken, zur Neige und wir machen deshalb eine eigene Marktsondierung.“

„Einschränkungen der Sozialkontakte ist das A und O“

Der Krisenstab orientiert sich an Leitlinien des Robert-Koch-Instituts. Der öffentliche Gesundheitsdienst soll das Ziel verfolgen, einzelne Infektionen so früh wie möglich zu erkennen und die weitere Ausbreitung des Virus dadurch so weit wie möglich zu verhindern. Hasche verteidigt die Strategie, wegen begrenzt verfügbarer Testkapazitäten nur diejenigen auf Sars-CoV-2 zu testen, die Krankheitszeichen haben und Kontakt zu einem Infizierten hatten. „Das Einschränken der Sozialkontakte ist das A und O, um die Ausbreitung zu verlangsamen und unser Gesundheitssystem nicht kollabieren zu lassen“, sagt er.

„Schackern“ bis zur Belastungsgrenze

Wenn Hasche seinen Arbeitstag beendet, ist der Dienst für die Kolleginnen und Kollegen vom Gesundheitsamt noch nicht vorbei. „Sie schackern von früh morgens bis spät abends, und es ist sehr beeindruckend, was sie leisten. Sie arbeiten bis zur Belastungsgrenze und darüber hinaus. Sie tun alles, um bei einem bestätigten Fall die Kontaktpersonen so schnell wie möglich zu finden, zu unterrichten und aufzuklären, damit sie Bescheid wissen.“

Der Druck der Erwartungen, der jetzt auf dem Krisenmanager und den Gesundheitsaufsehern lastet, ist enorm. „Ich schlafe nicht besonders gut, weil das Ganze eine Gleichung mit so vielen Unbekannten ist“, räumt Hasche ein. „Das ist ein Szenario, das man in diesem Ausmaß nie gewagt hat üben.“

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