„Wer viel lernt, der bekommt auch was dafür“: Die Geschichte von Youssef Sannaa

dzHellweg-Berufskolleg Unna

Die Liste der Vorurteile gegenüber Flüchtlingen ist lang, Sätze wie „Die wollen doch gar nicht arbeiten“ halten sich hartnäckig in manchen Köpfen. Wie falsch sie sind, zeigt diese Geschichte.

Kreis Unna

, 01.07.2019, 16:16 Uhr / Lesedauer: 2 min

Youssef Sannaa gehört zu der großen Zahl von Menschen, die sein Lehrer Matthias Rodax als „erste Flüchtlingsgeneration“ bezeichnet. Gemeint sind diejenigen Flüchtlinge, die im Herbst 2015 nach Deutschland gekommen sind – als das begann, was später als „Flüchtlingskrise“ die Medien dominierte und mit dafür sorgte, dass die AfD seither in jedes Landesparlament und in den Bundestag einzog. Die Hetze gegenüber Migranten im Allgemeinen und Flüchtlingen im Besonderen schaffte es damit ebenfalls in die Parlamente, wo beispielsweise die AfD-Fraktionschefin im Bundestag, Alice Weidel, von „Kopftuchmädchen, Messermännern und sonstigen Taugenichtsen“ sprach.

Bildung schafft Chancen

Ungezählte Schulen, so auch die vier Berufskollegs in Unna, verrichten derweil weitgehend geräuschlos wertvolle Integrationsarbeit und produzieren so regelmäßig das genaue Gegenteil dessen, was Alice Weidel in ihrer diskriminierenden Rede anprangerte: junge Frauen und Männer, die durch Bildung und Ausbildung echte Zukunftsperspektiven entwickeln – für sich selbst, für die Gesellschaft und nicht zuletzt für den Arbeitsmarkt.

Aus Idlib nach Holzwickede

Youssef Sannaa kam im September 2015 als 17-Jähriger aus dem syrischen Idlib nach Deutschland – jener Stadt, wo die verbliebenen Gegner des syrischen Regimes noch immer gegen Machthaber Assad kämpfen. Über zahlreiche Stationen in Aufnahmeeinrichtungen landauf, landab kam Youssef mit seiner Familie nach Holzwickede, wo er bis heute lebt. Mit seinen Eltern und zwei Schwestern teilt er sich mittlerweile eine Wohnung in der Gemeinde.

„Wer viel lernt, der bekommt auch was dafür“: Die Geschichte von Youssef Sannaa

Diese Schülerinnen und Schüler haben in diesem Schuljahr am Hellweg-Berufskolleg in Unna ihre Hauptschulabschlüsse nach Klasse 9 oder 10 sowie die Fachoberschulreife mit Qualifikation für die gymnasiale Oberstufe geschafft. © Udo Hennes

Drei Jahre, drei Schulabschlüsse

Seit 2016 schon besucht er das Hellweg-Berufskolleg in Unna. Dort belegte er zunächst für sechs Monate einen Sprachkurs, um dann Jahr für Jahr einen Abschluss nach dem anderen zu machen. 2017 schaffte er den Hauptschulabschluss nach Klasse 9, 2018 den Hauptschulabschluss nach Klasse 10 und jetzt, 2019, die Fachoberschulreife mit Qualifikation für die gymnasiale Oberstufe. Aller Ehren wert für jemanden, der bis vor knapp vier Jahren kein Wort Deutsch sprach, und es soll nicht das Ende sein. Youssef bleibt am Hellweg-Berufskolleg, will in drei Jahren das Abitur schaffen. Sein Ziel: ein Informatik-Studium und danach ein Job in der IT-Branche.

Lieber in Deutschland bleiben als zurück nach Syrien

Eine Rückkehr nach Syrien strebt der 20-Jährige nicht an. In Holzwickede gefällt es ihm gut, hier möchte er bleiben. Auf die Frage, wie es langfristig um die Bleibeperspektive seiner Familie bestellt ist, antwortet Youssef Sannaa mit einem Achselzucken. Wer weiß schon, wann Krieg und Abschiebestopp vorbei sind und Menschen, die nicht in Ausbildung oder Arbeit sind, Deutschland wieder gen Syrien verlassen müssen. Youssef ist anzumerken, dass er darüber nicht so gerne spricht; er sagt nur, dass seine Eltern, die einst in Syrien beide als Lehrer gearbeitet hätten, sich mit dem Erlernen der deutschen Sprache deutlich schwerer täten.

„Wer hier gut arbeitet und viel lernt, der bekommt auch was dafür.“
Youssef Sannaa über Deutschland

Gar nicht schwer fällt Youssef hingegen die Antwort auf die Frage, was ihm an Deutschland so gut gefällt. „Wer hier gut arbeitet und viel lernt, der bekommt auch was dafür“, sagt der Syrer. Fleißig sein und dafür belohnt werden – genau darauf hofft er auch in Zukunft.

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