Wenn Waldi auf die Couch muss: Tierpsychologen sind gefragt

dzHaustiere

Wenn der Hund immer wegrennt, beißt oder Besucher anbellt, kann das unterschiedliche Ursachen haben. Ein Hundepsychologe kann da helfen. Er gewöhnt Vierbeinern unerwünschtes Verhalten ab.

Kreis Unna

, 07.10.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Hund muss immer an die Leine, weil er sonst wegläuft. Wenn es an der Tür klingelt, bellt er die ganze Nachbarschaft zusammen. Es gibt viele Probleme, die Hundebesitzer verzweifeln lassen können. Doch nicht immer haben sie eine medizinische Ursache. Bei Verhaltensstörungen können Hundepsychologen helfen.

So wie Melanie Korbmacher. Seit 2010 leitet sie eine Hundeschule in Unna und hat sich in dem Zusammenhang auch privat zur Hundepsychologin fortbilden lassen. Sie bringt den Vierbeinern also nicht nur Kommandos bei, sie gibt auch Tipps bei seelischen Problemen.

Hausbesuch im ersten Schritt

Im ersten Schritt fährt Korbacher zu den Haltern nach Hause, lässt sich den Tagesablauf erklären, guckt sich den Hund in seiner gewohnten Umgebung an. Dabei sei es wichtig, dass sich beide – Hund sowie Herrchen – ganz normal verhalten. „Sonst ist es schwierig, eine Diagnose zu stellen“, so die 44-Jährige. Ist das Problem erkannt, entwickelt die Hundepsychologin einen Therapieplan mit Maßnahmen und Übungen, die die Halter regelmäßig mit ihren Vierbeinern wiederholen müssen. „Da gebe ich richtige Hausaufgaben auf“, sagt Korbmacher. Denn meist sei ein bestimmtes Verhalten nicht von heute auf morgen abzutrainieren. „Das kann auch mal ein paar Monate dauern.“

So wie zum Beispiel bei dem Hund, der einen Mann so heftig ansprang, dass dieser unglücklich hinfiel und sich verletzte. Das Tier hatte kaum Kontakt zu fremden Personen und war von den wedelnden Armbewegungen des Mannes irritiert worden. „Die Halterin wollte ihren Hund schon einschläfern lassen“, erinnert sich Korbmacher. Mit dem richtigen Training habe man das Problem aber in den Griff bekommen.

Mit Waldi zum Psychologen gehen, mit Miezi zum Therapeuten: Was einst in den USA und Großbritannien zum Trend wurde, ist auch unter Haustierbesitzern in Deutschland längst selbstverständlich. Und nicht nur Hundebesitzer gehen mit ihren Lieblingen zum Therapeuten. Auch für Katzen, Pferde und Vögel gibt es das Angebot, auch wenn es bei Weitem nicht so nachgefragt ist.

Unterschiedliche Qualität

So tummeln sich in Deutschland hunderte Tierpsychologen und Verhaltenstherapeuten für Tiere – und das mit durchaus unterschiedlicher Qualität. Denn weder „Tierpsychologe“ noch „Tierverhaltenstherapeut“ ist eine geschützte Berufsbezeichnung. Jeder kann verzweifelten Hunde-, Katzen- und Pferdebesitzern seine Hilfe anbieten und dafür Geld verlangen.

Davor warnt unter anderem auch die Gesellschaft für Tierverhaltensmedizin und -therapie (GTVMT). Sie ist ein Zusammenschluss von Tierärzten, die sich diesem Spezialgebiet der Veterinärmedizin gewidmet haben. Auf ihrer Liste von Tierverhaltenstherapeuten finden sich daher auch nur Namen von Therapeuten, die eine Zusatzbezeichnung „Verhaltenstherapie“ nach der Weiterbildungsordnung ihrer jeweiligen Landestierärztekammer führen dürfen oder einen adäquaten Nachweis ihrer Qualifikation beim Vorstand der GTVMT erbracht haben.

Auch der Berufsverband der Tierverhaltensberater und -trainer (VDTT) legt Wert auf eine gute Fachausbildung ihrer Mitglieder. Denn die Beurteilung von Verhalten brauche ein fundiertes Wissen über die Tierart. „Da sollten sich Tierbesitzer unbedingt absichern, sich nicht scheuen, nach Ausbildungsnachweisen zu fragen und sich auch die Ausbildungsinstitute, die dort genannt werden, anschauen“, betont Patricia Lösche, Vorsitzende des VDTT.

Tiere als Individuen

Die wachsende Nachfrage nach Tierpsychologen erklärt sich der Verband zum einen damit, dass Halter ihre Tiere zunehmend als Individuen mit eigenen Bedürfnissen wahrnehmen. Ihrem Wohlergehen werde auch viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als das früher der Fall war. „Dazu gehört auch die Bereitschaft Tieren zu helfen, wenn es ihnen nicht gut geht, physisch wie psychisch“, so Lösche.

Ein anderer Grund sei das mangelnde Wissen über Tiere. „Viele Menschen lieben Tiere, schaffen sich welche an, ohne recht zu wissen, auf was sie sich einlassen, weil unser Leben heute für die meisten Menschen sehr wenig mit Natur zu tun hat und mit dem natürlichen Umfeld von Tieren“, weiß Lösche aus Erfahrung. Gleichzeitig müssten Haustiere heute in einer Welt leben, die meist wenig mit ihrem natürlichen Lebensbereich zu tun habe. Das führe unvermeidlich zu Adaptationsschwierigkeiten und Missverständnissen zwischen Mensch und Tier.

Dieses Problem kennt auch Korbmacher. Die Hundepsychologin hat darüber hinaus die Erfahrung gemacht, dass die Vierbeiner die Gefühle ihrer Halter übernehmen, sich mit ihnen freuen, bei Problemen aber auch mit ihnen leiden. Daher spiele bei der Therapie auch das Vertrauensverhältnis zwischen Halter und Berater eine wichtige Rolle. „Die Chemie muss stimmen“, betont Korbmacher. Denn um das Verhalten der Tiere zu ändern, muss man auch den Halter erreichen. Da gilt es auch manchmal, psychologische Arbeit bei den Menschen zu leisten.

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