Zwei Pendler, ein Problem: Eckhard Kneisel (55) und Victoria Maiwald (30) können wie viele andere ein Lied von der Unpünktlichkeit der Bahn singen. Es werden noch Strophen hinzukommen.

Lünen

, 12.10.2018, 14:15 Uhr / Lesedauer: 4 min

Vor allem die Eurobahn, die als RB 50 „Der Lüner“ zwischen Münster und Dortmund verkehrt, lässt ihre Fahrgäste manchmal verzweifeln. Waren 2016 immerhin noch 85,6 Prozent der Züge pünktlich, ist die Quote 2017 auf nur noch 80,9 Prozent abgesackt. Unter den 34 Regionalbahnlinien in Westfalen-Lippe wiesen 2017 nur drei eine noch schlechtere Quote als die RB 50 auf.

So steht es im Qualitätsbericht „Nahverkehr Westfalen-Lippe“. Fast die Hälfte der Regionalbahnen schaffen demnach Pünktlichkeitsquoten von mehr als 90 Prozent. Wobei Pünktlichkeit ein relativer Begriff ist: Erst wenn ein Zug eine Verspätung von 4 Minuten und mehr gegenüber dem Fahrplan hat, geht er als unpünktlich in die Statistik ein.

Der Lüner Eckhard Kneisel ist Bahnfahrer aus Überzeugung. Seit knapp 20 Jahren pendelt er zwischen seinem Wohnort Lünen und seinem Arbeitsort Dortmund. „Die Nähe zum Lüner Hauptbahnhof war ein Grund für die Wahl meines Wohnortes“, sagt der 55-Jährige, der für die Grünen im Lüner Rat sitzt.

Warum die Eurobahn die Pendler in der Region verzweifeln lässt

Bahnpendler Eckhard Kneisel schaut regelmäßig aufs Smartphone, um sich über Verspätungen und Zugausfälle zu informieren. © Peter Fiedler

Morgens verlässt er das Haus aber nicht, ohne vorher auf die Smartphone-App entweder der Deutschen Bahn oder des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr (VRR) zu schauen. Dort werden Verspätungen oder gar Zugausfälle angezeigt. Ziemlich zuverlässig, so Kneisels Erfahrung. Im Fall des Falles wartet er lieber zu Hause als auf dem Bahnsteig. „Sehr ärgerlich“ findet er die Verspätungen vor allem der Eurobahn.

Victoria Maiwald (30), Volontärin in der Ruhr Nachrichten-Redaktion Lünen, pendelt ebenfalls mit der Eurobahn zwischen Wohnort Dortmund und Arbeitsort Lünen. Ein Auszug aus der WhatsApp-Gruppe der Redaktion belegt, was sie in einer Woche im September erlebte.

Warum die Eurobahn die Pendler in der Region verzweifeln lässt

Das schrieb Ruhr Nachrichten Volontärin Victoria Maiwald in die WhatsApp-Gruppe der Redaktion Lünen. © Repro Peter Fiedler

„Die Strecke ist schon speziell, weil der Nahverkehr auf einen funktionierenden Fernverkehr angewiesen ist“, erklärt Eckhard Kneisel. Damit spielt er darauf an, dass zwischen Münster und Lünen die Züge weitgehend auf nur einem Gleis fahren - und die Regionalbahnen oft warten müssen, wenn der Fernverkehr aus dem Takt gerät.

„Zuverlässiger Betrieb nicht möglich“

Ein zuverlässiger Betrieb sei auf der Strecke nicht mehr zu gewährleisten, teilte erst vor wenigen Tagen das private Bahnunternehmen Keolis mit, das die Eurobahn betreibt. Mehrere Langsamfahrstrecken im Bereich Lünen/Werne verschärften das Problem noch, so Keolis. 2018, so ist zu befürchten, dürfte die Pünktlichkeitsquote der Eurobahn nochmals schlechter ausfallen als im Jahr zuvor. In den Kommunen längs der Strecke regt sich Unmut. Der Rat in Ascheberg gab dem Bürgermeister den Auftrag, den Schulterschluss mit anderen Kommunen zu suchen und Druck zu machen. Die maroden Streckennetze der Deutschen Bahn könne man zwar Keolis nicht anlasten, wohl aber die unzureichende Informationen und schlechte Planung.

Warum die Eurobahn die Pendler in der Region verzweifeln lässt

Nur ein Gleis für Nah- und Fernverkehr: Hier ist eine Eurobahn unterwegs zwischen Lünen und Werne. © Foto: Goldstein

Die Züge der DB Regio, die als Westmünsterland-Bahn (RB 51) von Enschede über Coesfeld und Lünen nach Dortmund und zurück fahren, teilen sich nur den letzten und zudem mehrgleisigen Streckenabschnitt zwischen Lünen und Dortmund mit dem Fernverkehr. Was der Pünktlichkeit zugute kommt und sich in einer Quote von 92 Prozent in 2017 niederschlägt.

Doch nicht immer ist es der „böse Fernverkehr“, der den Nahverkehr durcheinander bringt. Technische Probleme und Engpässe beim Personal sind ebenfalls Ursachen für Verspätungen und Zugausfälle. So musste zum Beispiel die Eurobahn Züge zur Überprüfung in die Werkstatt rufen. Die Folge: Es fehlten Triebwagen auf der RB 50. „Die fahren auf Reserve, das macht sich deutlich bemerkbar“ so die Einschätzung von Pendler Eckhard Kneisel.

Prekäre Personalsituation

„Die Personalsituation bei den Bahnunternehmen bundesweit ist prekär, besonders bei den Lokführern“, erklärt Uli Beele, Pressesprecher Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL). Der NWL als einer der Aufgabenträger des Nahverkehrs habe eine koordinierende Rolle innerhalb der Brancheninitiative „Agenda Bahnen NRW“ übernommen. Gemeinsam mit den Bahnunternehmen und dem NRW-Verkehrsministerium wolle man Quereinsteiger für das Berufsbild Lokführer gewinnen.

Neben Pünktlichkeit sind Sicherheit und Sauberkeit weitere wichtige Kriterien aus Sicht der Fahrgäste. „Es gibt Kameraüberwachung, insofern fühle ich mich sicher. Übermäßig verdreckt sind die Züge auch nicht“, meint Pendler Kneisel. Und unter normalen Umständen finde er auch immer einen Sitzplatz. Was er sich für die Zukunft wünschen würde, sei WLAN in den Regionalbahnen.

Keine Details zu Vertragsstrafen

Der Nahverkehr Westfalen-Lippe weist ein Qualitätsranking der sieben Bahnunternehmen in seinem Gebiet aus: Nach den Kriterien Pünktlichkeit, Leistungserfüllung und Zustand der Fahrzeuge landet die Eurobahn 2017 auf Platz 5, die DB Regio auf Platz 6. Abweichungen von den vertraglich vereinbarten Leistungen, die von den Bahnen zu vertreten sind, führen laut NWL zu Vertragsstrafen. Wie hoch diese ausfallen, „dazu kann ich keine Details benennen“, so NWL-Sprecher Uli Beele.

Am Thema WLAN arbeitet NWL nach eigenen Angaben. WLAN-Empfang für die Fahrgäste sei eine „sukzessive Forderung bei Neuvergaben“, so Beele. Allerdings dauert es bis zu Neuvergaben der Verträge auf den Lüner Linien noch Jahre: Der Vertrag mit der Eurobahn wurde gerade erst bis 2030 verlängert, der mit der DB Regio läuft noch bis 2026.

Neue Züge und mehr Platz

Immerhin bringt der neue Vertrag mit der Eurobahn auch neue Fahrzeuge: Laut Bahnunternehmen Keolis gehen im Dezember 2018 fünf neue Züge vom Typ Flirt 3 an den Start. Für die Regionalbahn 50 bedeute das mehr Platz. Statt 430 könnten künftig 540 Fahrgäste im neuen Flirt 3 mitfahren. Außerdem werde es mehr Bordpersonal in den Abendstunden geben.

Warum die Eurobahn die Pendler in der Region verzweifeln lässt

Das ist ein Triebwagen vom Typ Flirt 3, wie ihn die Eurobahn mit Fahrplanwechsel im Dezember auf der Linie RB 50 einsetzen will. Über 100 Fahrgäste mehr als bisher haben Platz. © Keolis

An Fahrgästen fehlt es nicht. Etwa 5000 täglich (montags bis freitags) sind es laut NWL am Hauptbahnhof Lünen, circa 1750 am Bahnhof Preußen. „Tendenz steigend“, so NWL-Sprecher Beele. Während der Bahnhof Preußen komplett durchsaniert wurde, wartet der Hauptbahnhof noch auf den nächsten Modernisierungsschub. 5,5 Millionen Euro sollen nach Angaben von Beele investiert werden, u.a. für einen Aufzug zu den Gleisen 3/4, einen höheren Bahnsteig und die Sanierung des Daches. Wann genau, steht nicht fest. Wie eine Bahnsprecherin auf Anfrage mitteilte, befinde sich das Projekt Lünen „noch in der Planung“. Die Bahnhöfe der „Modernisierungsoffensive 3“, dazu zählt auch Lünen, sollen bis 2023 abgearbeitet werden.

Streckenausbau liegt auf Eis

Das Verspätungsproblem der Eurobahn könnte wohl nur der seit Jahren geforderte Streckenausbau zwischen Lünen und Münster nachhaltig lösen. Doch der liegt weiter auf Eis. Zuletzt war statt eines durchgehend zweigleisigen Ausbaus nur noch von der Schaffung von „ein bis zwei Begegnungsabschnitten zur Steigerung der Betriebsqualität“ die Rede.

Zudem will das zuständige Bundesverkehrsministerium das Projekt noch „gesamtwirtschaftlich bewerten“. Nur bei einem positiven Ergebnis dieser Bewertung könnte das Projekt aus dem sogenannten „potenziellen“ in den „vordringlichen“ Bedarf des Bundesverkehrswegeplans 2030 aufsteigen. Bleibt es im potenziellen Bedarf, dürfte es vorerst nichts werden mit dem Ausbau - und die Eurobahn würde wohl mit der RB 50 auf den hinteren Plätzen im Verspätungsranking verharren. Zum Ärger vieler Lüner Pendler.

Kostenvergleich

  • 95 Euro pro Monat zahlt Eckhard Kneisel für sein Bahnticket.
  • Mit dem Auto wären es 45,40 Euro monatlich, würde man nur die reinen Spritkosten für die Fahrt zwischen Lünen und Dortmund Hbf berücksichtigen (einfache Entfernung 13 km, 20 Fahrten a 26 km im Monat, bei 5,9 Liter/100 km Verbrauch und einem Benzinpreis von 1,48 Euro).
  • Die Autokosten steigen auf 216,84 Euro monatlich, wenn man einen Kilometeraufwand von 41,7 Cent zu Grunde legt. Auf diesen Kilometerwert kommt der ADAC für den günstigsten VW Golf VII, wenn neben Benzin auch Fixkosten wie Versicherung/Steuern, Wartung und Wertverlust einbezogen werden (bei sechs Jahren Haltedauer und 15.000 km Fahrleistung pro Jahr).
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