Von Unna bis Berlin: Landwirte legen 500 Kilometer Blühstreifen für Insekten an

dzInsektenschutz

Wer durch den Kreis Unna fährt, dem fällt auf: Am Rande vieler Felder blüht es. Zahlreiche heimische Landwirte haben Blühstreifen angelegt, um ein Zeichen für Insektenschutz zu setzen.

Kreis Unna

, 28.07.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es summt und brummt an vielen Feldrändern im Kreis Unna. Denn dort wo früher karge Grünstreifen waren, erstreckt sich mittlerweile eine bunte Blütenpracht. Darüber freuen sich nicht nur Spaziergänger und Fahrradfahrer, auch bei den Insekten kommen die Blühstreifen gut an. Denn sie bieten ihnen jede Menge Nahrung – ein Beitrag der heimischen Landwirte gegen das Insektensterben.

Rund 500 Kilometer haben die Landwirte in der Region Ruhr-Lippe (Kreis Unna, kreisfreie Städte Bochum, Dortmund, Hamm und Herne) entlang ihrer Felder mit blühenden Pflanzen bestellt. Die Länge der Blühstreifen sei so groß, dass man damit mehr als den Weg von Unna nach Berlin säumen könnte, hat der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV) ausgerechnet. „Wir verzichten hier auf einen Teil des Ertrages, weil wir Insekten und anderen Wildtieren Lebensraum und Nahrung geben möchten“, betont der Vorsitzende des WLV, Hans-Heinrich Wortmann.

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Auf unterschiedliche Blühzeitpunkte geachtet

Wer die Natur aufmerksam beobachtet, der hat gesehen, dass sich die Blühflächen in den vergangenen Wochen erheblich gewandelt haben. „Erst blühte es weiß, dann violett und jetzt strecken die gelben Sonnenblumen ihre Köpfe heraus“, so Wortmann. Bei der Auswahl der Mischung hätten die Landwirte besonders darauf geachtet, dass viele Pflanzen mit unterschiedlichen Blühzeitpunkten enthalten seien und somit ein langer Blühzeitraum von Frühjahr bis Herbst entstehe. Nur so könne den Tieren ein kontinuierliches Nahrungsangebot geboten werden, erklärt der Bauernvorsitzende.

Blumen pflücken in der Natur

  • Bei einem Spaziergang über Wald und Wiesen sollte man immer nur maximal eine Handvoll Blumen pflücken – der Natur zuliebe. Das schreibt die sogenannte Handstraußregel im Bundesnaturschutzgesetz vor.
  • Tabu ist das Pflücken in entsprechend ausgewiesenen Schutzgebieten und von gefährdeten und daher über die Bundesartenschutzverordnung oder Gesetze der Länder geschützten Pflanzen.
  • Wildblumen sind für Insekten wichtige Nahrungsquellen. Gerade zum Winterende, wenn etwa die Hummelköniginnen nach der Winterruhe Hunger leiden, sind sie besonders wichtig. Daher rät der BUND, dann keine Blumen zu pflücken.
  • Im Frühling und Sommer sieht das anders aus. Es sei vertretbar, bei einem Spaziergang einen Strauß Wildblumen zu pflücken, sagen Experten. Aber nur dort, wo es vertretbar sei und auch viele Blumen wachsen.

Die bunte Farbenpracht biete Nektar für Schmetterlinge, Bienen und viele weitere Insekten. Zudem fänden hier Bodenbrüter Brutflächen und Wildtiere Rückzugsgebiete und die Samen seien Nahrung vieler Vögel. Von Reptilien und kleinen Säugetieren werde der Blühstreifen als Wohn- und Nistplatz genutzt, die dort auch Deckung vor Greifvögeln fänden.

Wissenschaftler sind weniger euphorisch

Doch nicht alle sind so euphorisch, wenn es um Blühstreifen an Feldrändern geht. Einige Wissenschaftler halten sie für einen Tropfen auf den heißen Stein. Sie seien fast unnütz, wenn auf allen umgebenden Feldern weiter Pflanzenschutzmittel ausgebracht würden. Stattdessen fordern sie blütenreiche Wiesen und mehrjährige Brachflächen, die über mehrere Jahre nicht gemäht werden, sowie einen geringeren Einsatz von Dünger.

Die Politik hat das Problem erkannt. So hat Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) vor einigen Wochen mehr Maßnahmen zum Schutz der Artenvielfalt angemahnt. In Deutschland sei das Insektensterben ein besonders großes Problem. „Ich hoffe, dass der weltweite Konsens der Wissenschaftler uns dabei hilft, eine andere Landwirtschaftspolitik zu erreichen“, sagte Schulze.

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