Die Coronakrise bedroht zahlreiche Jobs. Die Unnaer Stadthallen-Wirtin sieht bei sich über 70 Arbeitsplätze in Gefahr, und auch der Chef einer Bühnentechnik-Firma aus Kamen schildert eine dramatische Lage.

Kamen, Unna

, 14.03.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Manfred Biermann war auf dem Weg zur Tourismusmesse ITB in Berlin, als er nach 200 Kilometern einen Anruf bekam. „Die Messe ist abgesagt“, erzählt er. „Wir sind sofort zurückgefahren“, sagt der Geschäftsführer der Allround GmbH im Technopark in Kamen.

Mit der Absage der Messe platzte für Biermanns Veranstaltungstechnik-Firma ein Auftrag. Und das war erst der Anfang einer dramatischen Serie. Infolge der Coronakrise haben die Mitarbeiter des Unternehmens kaum noch etwas zu tun. „Es ist nichts los“, sagt Biermann mit sarkastischem Unterton.

Fast alle Aufträge storniert

Keine Live-Konzerte, wo die Techniker die Bühne, Scheinwerfer und Mischpulte aufstellen. Keine Kongresse, wo Biermann die Videoleinwand in Betrieb nimmt. Und keine Volksfeste, wo Allround für den Sound sorgt. Alles storniert.

Wie es jetzt weitergeht, weiß er noch nicht. Auch nicht, ob er Kurzarbeit beantragt oder Finanzhilfe in Anspruch nehmen muss. „Es sind wirtschaftliche Hilfen von EU-Kommissionschefin von der Leyen in den Raum gestellt worden, aber wie die Pakete aussehen, muss sich erst noch zeigen“, sagt er. Derweil hat Finanzminister Olaf Scholz (SPD) die „Bazooka“ angekündigt, gemeint sind unbegrenzte Kredite als Wirtschaftshilfe.

Biermann ist seit 1994 im Geschäft, seit 2005 ist Michael Storkebaum als Mitgesellschafter dabei. Beide tragen Verantwortung für zwei Angestellte, zwei Azubis sowie rund zehn freie Mitarbeiter. „Für die jetzige Situation gibt es keine Erfahrungswerte“, sagt Biermann. Durch die Ausfälle seien auch viele andere Branchenkollegen betroffen. „Da hängt ein ganzer Rattenschwanz dran, Sicherheitsdienste, Haustechniker, Speditionen, Caterer“, zählt er auf.

Der gastronomische Pächter der Stadthalle Unna gerät durch die Coronakrise in Schwierigkeiten, weil fast alle Umsätze weggebrochen sind – hier Inhaberin Judith Nagenborg im Jahr 2018 bei einer Vertragsunterzeichnung mit Bürgermeister Werner Kolter und Stadthallen-Geschäftsführer Horst Bresan.

Der gastronomische Pächter der Stadthalle Unna gerät durch die Coronakrise in Schwierigkeiten, weil fast alle Umsätze weggebrochen sind – hier Inhaberin Judith Nagenborg im Jahr 2018 bei einer Vertragsunterzeichnung mit Bürgermeister Werner Kolter und Stadthallen-Geschäftsführer Horst Bresan. © Marcel Drawe

1000 Mahlzeiten für Kindergärten und Schulen fallen weg

Diese Aussage kann die Chefin des Catering- und Event-Service Schimion aus Unna nur unterstreichen. 95 Prozent der Umsätze des Unternehmens fallen nach Angaben von Geschäftsführerin Judith Nagenborg auf unbestimmte Zeit aus.

Der Caterer, Schul- und Kindergartenverpfleger ist auch als Gastronomie-Pächter der Stadthalle Unna bekannt. Die Stadthalle hat alle ihre Veranstaltungen abgesagt. Die Schulen werden geschlossen, und Kindergärten betreuen nur noch Kinder, die wegen der Berufe ihrer Eltern unter Ausnahmeregelungen fallen. Das familiengeführte Unternehmen liefert sonst 800 bis 1000 Mahlzeiten täglich an Bildungseinrichtungen in Unna, Holzwickede, Ense, Möhnesee und Wickede/Ruhr. Wie viele Essen es für die Notbetreuung sein werden, lässt sich jetzt noch nicht sagen.

Verzweifelter Hilferuf in sozialen Netzwerken

Schimion versorgt sonst Firmenevents, Gartenpartys oder Abschlussbälle mit Fingerfood, Barbecue oder Buffet – und das braucht jetzt fast niemand mehr. „Unsere Mitarbeiterin hat nur noch geheult, als die ganzen Absagen kamen“, schildert die Chefin die verzweifelte Lage. „Aber wir haben gesagt, dass wir den Kopf nicht in den Sand stecken.“ Sie hat in den sozialen Netzwerken einen Hilferuf veröffentlicht, in dem sie die Situation beschreibt. „Wir werden uns der Herausforderung stellen und versuchen, diese Zeit gemeinsam durchzustehen. Wir freuen uns somit über jeden der uns mit einer Bestellung unterstützt“, heißt es.

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Durch die Krise sind zahlreiche Jobs bei dem Essensversorger in Gefahr. 72 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind laut der Chefin von der Flaute betroffen. Nagenborg hat Kurzarbeit bei der Agentur für Arbeit beantragt, damit der Betrieb aufrecht erhalten werden kann. Ob das ausreicht, ist aber nicht klar. „Dazu hoffen wir auf Unterstützung von Land um Bund, um diese Zeit zu überstehen. Diese Hilfe befinden sich aber noch in der Planung, daher ist sofortiges Handeln erforderlich“, heißt es in dem Hilferuf.

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Bei Arbeitsausfall

Wie hoch ist das Kurzarbeitergeld?

  • Anspruch auf Kurzarbeitergeld besteht, wenn ein erheblicher Arbeitsausfall entsteht und Lohn wegfällt, zum Beispiel aus wirtschaftlichen Gründen oder wegen eines unabwendbaren Ereignisses. Das Kurzarbeitergeld beträgt 60 Prozent der Differenz zwischen dem tatsächlich gezahlten Lohn und dem Lohn vor dem Arbeitsausfall (67 Prozent bei Arbeitnehmern mit mindestens einem Kind)
  • Die Hürden für den Bezug sollen voraussichtlich ab Mitte April niedriger werden: Musste bisher ein Drittel der in dem Betrieb beschäftigten Arbeitnehmerinnen von einem Entgeltausfall von jeweils mehr als zehn Prozent des monatlichen Bruttoentgelts betroffen sein, sind es künftig mindestens zehn Prozent der Beschäftigten, die von einem Arbeitsausfall betroffen sein müssen.
  • Eine weitere Veränderung: Anfallende Sozialversicherungsbeitrage für ausgefallene Arbeitsstunden soll die Bundesagentur für Arbeit voll erstatten. Bisher mussten die Arbeitgeber diese so genannten „Remanenzkosten“ in voller Höhe selbst übernehmen. Neu ist ebenfalls, dass auch Leiharbeitnehmer künftig Kurzarbeitergeld erhalten sollen.

Erst am Samstag kam ein weiteres Unternehmen hinzu, dass unter Verweis auf die Coronakrise Kurzarbeit anmeldete: die Uniq GmbH mit der bekannten Marke Urlaubsguru. Betroffen sind 100 Mitarbeiter am Standort Holzwickede. Damit zeichnet sich ab, dass Hunderte Jobs Im Kreis Unna durch die Coronakrise bedroht sind. Zur Einordnung: Ende Februar hatten insgesamt 53 Unternehmen mit rund 1500 Mitarbeitern wegen schlechter Auftragslage Kurzarbeit angemeldet, so die Agentur für Arbeit in Hamm. Neuere Zahlen lägen noch nicht vor. Die Auswirkungen der Coronakrise seien noch nicht abschätzbar. „Positiv für Arbeitnehmer wie Arbeitgeber ist, dass die Voraussetzungen für Kurzarbeitergeld vereinfacht werden sollen“, erklärt Sprecherin Cordula Cebula. „Nach unserem aktuellen Kenntnisstand sollen diese Neuregelungen voraussichtlich Mitte April in Kraft treten.“

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