Gesundheitsamt-Chef Josef Merfels hält flächendeckende Corona-Tests in Altenheimen epidemiologisch nicht für sinnvoll. Pflegeheim-Chef Heinz Fleck vom Schmallenbach-Haus hält dagegen – und kritisiert die Behörde.

Kreis Unna

, 02.06.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Heinz Fleck leitet das Schmallenbach-Haus in Fröndenberg, wo ein Coronavirus-Ausbruch insgesamt 20 Todesopfer forderte. Neun Wochen lang hielt das Virus die Bewohner und Beschäftigten im Griff, bis vor Pfingsten durch neuerliche Corona-Tests noch verbliebene Verdachtsfälle ausgeräumt wurden. Nun äußert sich Geschäftsführer Fleck rückblickend – und kritisiert das Gesundheitsamt für zögerliche Corona-Tests.

Herr Fleck, wie ist die Situation jetzt?

Das Schmallenbach-Haus blickt auf nunmehr neun extrem belastende und emotionale Wochen zurück. Noch immer ist es für uns kaum zu glauben und noch weniger zu ertragen, dass wir in dieser Zeit 20 Covid-19-Todesfälle, darunter auch zwei Beschäftigte, beklagen mussten.

Wurden die Bewohner und Beschäftigten ausreichend geschützt?

Vorweg möchte ich sagen: Wir sind alle nicht perfekt – für alle Beteiligten ist diese Krise eine neue und gewaltige Herausforderung. Keiner war auf eine Pandemie vorbereitet. Als ich jedoch von Seiten des Gesundheitsamts im Hellweger Anzeiger vom 28. Mai las: „Entscheidend dafür, die Ausbreitung des Virus und Todesfälle zu verhindern, seien aber nicht die Tests, sondern Schutzmaßnahmen“, machte mich dies doch sehr stutzig.

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Mit diesen Worten haben wir eine Aussage von Gesundheitsamt-Chef Josef Merfels zusammengefasst. Er hält vorsorgliche und flächendeckende Tests in Altenheimen epidemiologisch nicht für sinnvoll. Warum wurden Sie stutzig?

Die Vorsichts- und Schutzmaßnahmen haben wir selbstverständlich seit Anfang März umgesetzt. Alle Hürden haben wir mit kreativen Lösungen und freiwilligen Helfern überwunden. Wir haben sogar eigenhändig Schutzausrüstung in Hamburg beschafft. Trotz allem gab es im Schmallenbach-Haus auf dem Höhepunkt des Ausbruchs über 60 Bewohner und 54 Mitarbeiter mit einer Corona-Infektion.

Hätten Sie sich mehr Unterstützung durch das Gesundheitsamt gewünscht?

„Zwei Tage nach Bekanntwerden des ersten Todesfalls wurde überhaupt erst mit den Testungen begonnen.“
Heinz Fleck, Pflegeheim-Chef

Das Gesundheitsamt war lediglich für die Testungen bei uns und stand uns für telefonische Beratung zur Verfügung. Zwei Tage nach Bekanntwerden des ersten Todesfalls wurde überhaupt erst mit den Testungen begonnen – und das auch nur bei nicht einmal der Hälfte der Bewohner. Nur vier Beschäftigte wurden getestet. Bis alle Bewohner und Mitarbeiter im Haus 1 getestet waren, hat es eine ganze Woche gedauert. Insgesamt hat es 13 Tage gedauert, bis uns der überwiegende Teil der Testergebnisse vorlag.

Warum kommt es auf die Testergebnisse an?

Diese Verzögerung war für uns sehr problematisch. Denn nur mithilfe zeitnaher und lückenloser Testergebnisse konnten wir geeignete Eindämmungsmaßnahmen, wie zum Beispiel eine Kohortenisolierung, durchführen. Bei diesem langen Testungszeitraum muss man die besten Schutzmaßnahmen in Frage stellen. Und: Wie kann es begründet sein, nur einen Teil der Bewohnerschaft zu testen? Bis heute besteht keine Klarheit darüber, wie das Virus genau übertragen wird. Selbst für gesundete Personen besteht keine hundertprozentige Sicherheit, dass sie sich nicht erneut infizieren können.

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Halten Sie es für richtig, dass Bundesgesundheitsminister Spahn präventive Reihentests in Pflegeheimen ermöglichen will?

Ja. Für mich ist klar, dass Personen in einer Pflegeeinrichtung ohne Zeitverzögerung getestet werden müssen, um ein Lagebild zu erhalten und darauf abgestimmte Eindämmungsmaßnahmen einleiten zu können. Auch in den aktuellen Empfehlungen des RKI für Alten- und Pflegeeinrichtungen wird ein umfassendes Screening auf Sars-CoV-2 empfohlen, idealerweise in regelmäßigen Zeitintervallen. Unter dem Eindruck der letzten Wochen in unserer Einrichtung fällt es mir sehr schwer, nachzuvollziehen, dass flächendeckende und regelmäßige Testungen vom Unnaer Gesundheitsamt für nicht sinnvoll erachtet werden. Hier sollten Kostenfragen – wie es in einem Artikel im Hellweger Anzeiger am 26. Mai anklang – doch wohl keine Rolle spielen.

Freiwillige Helfer halfen dem Schmallenbach-Haus in der Zeit des Corona-Ausbruchs, einen Engpass bei Schutzausrüstung zu überbrücken – hier Schmallenbach-Haus-Geschäftsführer Heinz Fleck bei der Abholung von Stoff bzw. Kitteln.

Freiwillige Helfer halfen dem Schmallenbach-Haus in der Zeit des Corona-Ausbruchs, einen Engpass bei Schutzausrüstung zu überbrücken – hier Schmallenbach-Haus-Geschäftsführer Heinz Fleck bei der Abholung von Stoff bzw. Kitteln. © Schmallenbach-Haus

In der offiziellen Corona-Statistik des Gesundheitsamtes waren wochenlang viel zu hohe Infizierten-Zahlen angegeben, obwohl das Schmallenbach-Haus längst gemeldet hatte, dass viele Bewohner wieder coronafrei sind. Was sagen Sie dazu?

Die wochenlang deutlich verzögerte und falsche Darstellung in der Infektionsstatistik für Fröndenberg, die auf dem Ansatz basiert habe, Heimbewohner nur im Gesamten als gesund einzutragen, ist ebenfalls sehr problematisch. Alle ehemals betroffenen Bewohner als infizierte Personen zu führen, solange es noch Infizierte gibt – selbst wenn es nur einer ist, ergibt für mich keinen Sinn. Eine infizierte Person ist eine infizierte Person, ob in einem Pflegeheim oder an anderer Stelle. Diese statistische Sippenhaft ist auch schädlich in der Außenwirkung. Ich denke hier auch an unsere Mitarbeiter, die teilweise an der Tankstelle oder beim Bäcker angefeindet wurden. Vielleicht wären ihnen diese Erfahrungen bei einem anderen Umgang mit den Statistiken erspart geblieben.

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Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Im Vordergrund des Handelns aller Beteiligten muss einzig das Wohlergehen der Bewohner und Mitarbeiter stehen. Für einen Austausch stehe ich immer und in jeder Form zur Verfügung.

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