Es sind offenbar mehr Coronakranke wieder gesund, als die offizielle Statistik zeigt. Das lässt sich zumindest am Beispiel von Fröndenberg verdeutlichen. Kommunikationspannen und Meldechaos scheinen ein Grund dafür zu sein.

Kreis Unna, Fröndenberg

, 20.05.2020, 15:12 Uhr / Lesedauer: 3 min

Durch Dutzende Corona-Fälle in zwei Pflegeheimen der Caritas und der Diakonie entwickelte sich Fröndenberg ab Ende März zum Hotspot der gefährlichen Lungenkrankheit. In keiner anderen Stadt im Kreis Unna steckten sich relativ zur Einwohnerzahl so viele Menschen an – und Fröndenberg wurde mit 156 Infizierten und umgerechnet über 75 Fällen pro 10.000 Einwohner zum traurigen Spitzenreiter in der Corona-Statistik des Kreises Unna.

Nur noch zwei Schmalli-Bewohner mit Coronavirus

Obwohl insgesamt 20 Menschen aus Fröndenberg mit Covid-19 starben, hat sich die Corona-Lage in der Ruhrstadt mittlerweile entspannt. Im Schmallenbach-Haus, wo über 60 Bewohner und 54 Mitarbeiter das Virus in sich trugen und 17 Todesfälle zu beklagen waren, sind fast alle wieder gesund. Laut Corona-Tests seien noch zwei Bewohner positiv, und diejenigen, die die Krankheit überstanden haben, seien symptomfrei, sagte Geschäftsführer Heinz Fleck. Die Genesung sei auch durch negativ ausgefallene Corona-Nachtests nachgewiesen. Von den Mitarbeitern könnten nur „drei, vier“ noch nicht wieder zur Arbeit kommen.

Im Hans-Jürgen-Janzen-Haus sind alle genesen

Auch im Hans-Jürgen-Janzen-Haus, wo Anfang April 21 Bewohner und zehn Mitarbeiter positiv getestet worden waren, gibt es eine erfreuliche Entwicklung. „Aktuell sind alle Bewohner bei guter Gesundheit und auch unsere Mitarbeiter sind genesen“, erklärt Jeannine Brezina von der Diakonie Mark-Ruhr. In dem Heim waren zwei Todesfälle zu beklagen. Sowohl das Hans-Jürgen-Janzen-Haus als auch das Schmallenbach-Haus standen unter Quarantäne. Die Corona-Welle löste eine große Hilfsbereitschaft aus. Zahlreiche Menschen nähten beispielsweise Schutzkittel. Mitarbeiter waren aber auch Anfeindungen und Beleidigungen ausgesetzt, weil sie in einer „Seuchenhochburg“ arbeiten würden.

Es gibt mehr Gesunde als in der Statistik ausgewiesen

Für Irritationen sorgt derweil die amtliche Corona-Statistik des Kreises Unna. Die Rechnung der Heime, dass zusammen über 60 Bewohner wieder gesund sind, passt nicht zu den Zahlen, die aus dem Kreisgesundheitsamt kommen. Nur 43 Gesunde sind in der Corona-Statistik für Fröndenberg verzeichnet (Stand: 19. Mai) – seit Anfang des Monats hat sich dieser Wert kaum verändert. Aber allein die Zahl der wieder gesundeten Fröndenberger Bewohner und Mitarbeiter des Schmallenbach-Haus ist viel höher. Eigentlich müsste Fröndenberg jetzt ein Hotspot der Gesunden sein.

Nach frühestens 14 Tagen gilt man als gesund

Zeichnet die Statistik das Bild einer Seuchenhochburg, dort wo keine mehr ist? Für das Kreisgesundheitsamt gelten Infizierte nach Kriterien des Robert-Koch-Instituts frühestens 14 Tage nach dem Beginn der Krankheitssymptome und nach mindestens 48 Stunden ohne Krankheitssymptome automatisch als gesund. Im Fall einer Entlassung aus dem Krankenhaus beginnt die 14-Tage-Frist erst dann. Von solchen Kriterien kann bei Risikogruppen, und dazu zählen ältere Menschen, abgewichen werden. Im Fall von Altenheimen, so Kreissprecher Max Rolke, sei das Gesundheitsamt auf Rückmeldungen der Einrichtungen angewiesen.

Das Schmallenbach-Haus hat dem Kreisgesundheitsamt nach eigenen Angaben die Ergebnisse von ärztlichen Corona-Nachtests übermittelt, um nachzuweisen, dass vormals infizierte Bewohner nun coronafrei sind. Kreissprecher Rolke bestätigt das Vorliegen von negativen Corona-Testergebnissen, die sich auch auf Bewohner beziehen würden, die zuvor nie positiv getestet worden seien. Solche negativen Nachtests seien kein hinreichendes Kriterium für eine Genesung, sondern nur ein Indiz dafür. Es bedürfe auch einer ärztlichen Einschätzung. „Wenn jemand genesen oder verstorben ist, müssen wir Rückmeldungen bekommen, und wenn von bestimmten Stellen keine Rückmeldung erfolgt, taucht das in unserer Statistik nicht auf“, so Rolke.

Rachenabstrich

Kann ein Corona-Test trügen?

Corona-Tests per Rachenabstrich gelten als zuverlässig. Ein negativer Corona-Test schließt aber die Möglichkeit einer Infektion mit dem Sars-CoV-2-Virus nicht aus. Falsch-negative Ergebnisse können laut Robert-Koch-Institut zum Beispiel aufgrund schlechter Probenqualität, unsachgemäßem Transport oder ungünstigem Zeitpunkt (bezogen auf den Krankheitsverlauf) der Probenentnahme nicht ausgeschlossen werden.

Arzt: Amt wollte Corona-Tests nicht

Wer mit Heimarzt Dr. Thomas Huth aus Fröndenberg spricht, bekommt nicht den Eindruck, dass es an ärztlicher Einschätzung mangelt. Huth schildert, dass das Kreisgesundheitsamt kein großartiges Interesse an Corona-Nachtests gezeigt habe. „Die wollten die von uns nicht haben“, sagt der Internist. Kreissprecher Rolke sagt, dass die Behörde Nachtests begrüße, wenn diese in Abstimmung erfolgen.

Diese teils konträren Aussagen vermitteln den Eindruck, dass es Kommunikationspannen gibt und ein Meldechaos herrscht. Möglicherweise sind die Genesenen-Zahlen aus Fröndenberg eher als Schätzwert zu betrachten. Eine gesetzliche Meldepflicht für Gesunde, die eine höhere Genauigkeit bei der Erfassung durch die Gesundheitsämter verspricht, gibt es bislang nicht und wurde erst vorige Woche vom Bundestag beschlossen. Labore müssen den Gesundheitsämtern künftig auch negative Testergebnisse melden.

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Naturgemäß müssen sich die Gesundheitsämter nicht sonderlich für die Covid-19-Genesenen interessieren. Von ihnen geht anders als von Infizierten schließlich keine Gefahr mehr aus.

Das Kreisgesundheitsamt hat offenbar auf Kritik an seiner Corona-Statistik reagiert. Im täglichen Corona-Update des Kreises Unna am Mittwoch, nach Erscheinen dieses Artikels, tauchten überraschend 86 Gesunde mehr auf als am Vortag. Noch wenige Stunden zuvor hatte Behördensprecher Max Rolke keine schlüssige Erklärung für Abweichungen zwischen bisherigen statistischen Angaben und Meldungen aus Fröndenberger Altenheimen abliefern können und von fehlenden Rückmeldungen an die Behörde gesprochen. Die Einrichtungen hatten der Behörde schon vor längerer Zeit Nachweise geliefert, dass viel mehr Menschen nach überstandenen Massen-Infektionen gesund sind als offiziell angegeben. Nun hat die Behörde reagiert: 526 Menschen im Kreis Unna gelten nach den neuen Angaben nun nach einer Sars-CoV-2-Infektion als genesen. Insgesamt 665 Menschen haben sich seit Anfang März infiziert. Jetzt werden noch 105 aktive Infektionen gezählt. Zwei neu gemeldete Infektionen aus Schwerte sind am Mittwoch hinzugekommen. Die Zahl der Todesfälle bleibt unverändert bei 34.
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