Annette Klose weiß, wie es sich anfühlt, dort zu arbeiten, wo derzeit niemand sein möchte. Die Gedanken der Pflegerin des Schmallenbach-Hauses kreisen unentwegt um ein Thema: Senioren vor dem Coronavirus zu schützen.

Fröndenberg, Unna

, 23.04.2020, 08:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seit 25 Jahren ist Annette Klose im Pflegeberuf. Vor 19 Jahren hat sie im Fröndenberger Schmallenbach-Haus ihre Stelle als Pflegefachkraft angetreten. Betagten Menschen, die es allein nicht mehr können, beim Zubettgehen, beim Waschen und Essen zu helfen, dem Essentiellen des Lebens, das ist keine Arbeit, das ist die Berufung der 42-Jährigen.

„Es ist eine körperliche und eine enorme psychische Belastung.“
Annette Klose

Annette Klose liebt ihren Beruf. Trotz allem, was er an Leid, Kummer oder Ärger über fehlende Anerkennung in der Gesellschaft auch immer schon mit sich gebracht haben mag.

Corona-Pandemie bringt Tod und Trauer, Zuspruch und Zorn

Doch in zweieinhalb Jahrzehnten hat die zierliche Frau nicht annähernd erlebt, was sich seit vielen Wochen wegen der Corona-Pandemie in ihrem Seniorenheim und außerhalb davon abspielt: Todesfälle in kurzen Abständen, Trauer und Verzweiflung, Zuspruch und Solidarität, aber auch Wut und ungebremster Zorn.

Annette Klose arbeitet zurzeit im Haus Hubertia, einer Dependance des größeren Schmallenbach-Hauses, wo der Virus ausbrach, wo vom Gesundheitsamt die Quarantäne angeordnet wurde. Dennoch ist sie mittendrin.

Jetzt lesen
Annette Klose ist Pflegefachkraft und übt ihren Beruf seit 25 Jahren aus. Früher wohnte sie in Fröndenberg und ist dann „der Liebe wegen“ nach Unna gezogen. Vor dem Lichtkunstzentrum erzählte sie unserer Redaktion über die vergangenen Wochen im Schmallenbach-Haus und in der Dependance Haus Hubertia, wo sie derzeit arbeitet.

Annette Klose ist Pflegefachkraft und übt ihren Beruf seit 25 Jahren aus. Früher wohnte sie in Fröndenberg und ist dann „der Liebe wegen“ nach Unna gezogen. Vor dem Lichtkunstzentrum erzählte sie unserer Redaktion über die vergangenen Wochen im Schmallenbach-Haus und in der Dependance Haus Hubertia, wo sie derzeit arbeitet. © Udo Hennes

Bis zum 16. April musste sie selbst zwei Wochen lang in häusliche Quarantäne. Jede Pflegekraft kann mit einem infizierten Bewohner oder einer infizierten Kollegin Kontakt gehabt haben. Annette Klose hat den Virus nicht.

„Ich habe meinen Papa seit dem 3. März nicht mehr gesehen. Er ist herzkrank.“
Annette Klose

Sie hat aber seit Ende März wie alle anderen hilflos hinnehmen müssen, wie sich der Coronavirus offenbar rasend schnell in dem Seniorenheim ausgebreitet hatte. Und wie danach die Maschinerie des öffentlichen Gesundheitsdienstes anlief.

Irgendwann war die Kraft am Ende

Sie hat mit ansehen müssen, wie neben all der professionellen Hilfe von Ärzten und Kliniken und später der großen Unterstützung aus der Stadtgesellschaft gleichzeitig die Stigmatisierung ins Schmallenbach-Haus von außen einsickerte.

Annette Klose war irgendwann am Ende mit ihrer Kraft. „Als ich von dem fünften verstorbenen Bewohner im Radio hörte, schrieb ich gerade Osterkarten am Küchentisch und habe nur noch geheult“, erzählt die Unnaerin.

Selbst hat Annette Klose zwei Wochen häusliche Quarantäne hinter sich, mit dem Coronavirus hat sie sich aber nicht angesteckt.

Selbst hat Annette Klose zwei Wochen häusliche Quarantäne hinter sich, mit dem Coronavirus hat sie sich aber nicht angesteckt. © Udo Hennes

Sie kannte die Toten persönlich. Sie hat akzeptieren müssen, dass alte Menschen zwei Wochen lang auf ihren Zimmern bleiben mussten. Sie hatte Angst um die Demenzkranken, die das Trinken vergessen.

„Da waren gestandene Männer, die den Post gelesen haben, und heulend nach Hause gefahren sind.“
Annette Klose

„Es ist eine körperliche und eine enorme psychische Belastung“, sagt Annette Klose. Was sie und ihre vielen Kolleginnen und Kollegen in all den zurückliegenden Wochen getragen hat, war ein ungeheurer Zusammenhalt im Team.

Die Küche schickte Ingwer als Vitaminspritze auf die Abteilungen, die Verwaltung half, Essenswagen auf die Station zu schieben, die Hausleitung organisierte umgehend alle nötigen Schutzvorkehrungen.

Lachen mit den Senioren, Trost für die Kinder

Und die Pflegerinnen und Pfleger kümmerten und kümmern sich weiter nach Kräften, in Früh-, Spät- und Nachtdienst. Sprechen verwirrten Bewohnern, die nicht begreifen, was um sie herum geschieht, gut zu. Lachen mit den fitten Senioren, die die Gelassenheit des Alters ausstrahlen und verkünden: „Das überlebe ich auch noch!“ Trösten Angehörige im Video-Chat.

Jetzt lesen
Der Zusammenhalt im Team des Schmallenbach-Hauses und die große Solidarität der Fröndenberger Stadtgesellschaft tragen die Pflegekräfte durch die schwere Zeit.

Der Zusammenhalt im Team des Schmallenbach-Hauses und die große Solidarität der Fröndenberger Stadtgesellschaft tragen die Pflegekräfte durch die schwere Zeit. © Udo Hennes

Annette Klose nimmt ihren Beruf ernst, nimmt die Corona-Krise noch viel ernster. Sie ist sich felsenfest sicher, dass alle Kollegen auch privat alles dafür tun, um einer Ansteckung zu entgehen. „Ich habe meinen Papa seit dem 3. März nicht mehr gesehen. Er ist herzkrank“, sagt Annette Klose.

Als dann kürzlich Kolleginnen beschimpft wurden, draußen an der Tankstelle und auch im Internet, man sie als Virusüberträger brandmarkte, als von der „Seuchenhochburg“ Schmallenbach-Haus in der Stadt die Rede war, da stieg einmal Wut in Annette Klose auf: Ihren Hintern rissen sich die Pflegekräfte doch auf und begäben sich dabei selbst in Gefahr, lässt sie all die wissen, die so daherredeten.

„Wir, die Schmalli-Familie, halten zusammen.“
Annette Klose

Diese gemeinen Sprüche, auch wenn sie nur von Einzelnen kommen, haben eine Wirkung gehabt, die sie fassungslos machte. „Da waren gestandene Männer, die den Post gelesen haben, und heulend nach Hause gefahren sind“, erzählt sie von Kollegen, die stundenlang unter Maskenvollschutz auf der Station in Haus 1 Dienst tun und nach Feierabend unter den Beschimpfungen fast zusammenbrachen.

Rückhalt in der Stadtgesellschaft trägt die Mitarbeiter

Wenn da nicht der bald grenzenlose Rückhalt von den Menschen in Fröndenberg gewesen wäre, bis heute – wer weiß, wie es dann jetzt im „Schmalli“ und bei seinen Pflegenden aussähe. Selbstgenähte Kittel und Masken, Abendmusik vor dem Haus oder liebe Grüße: „Ihr seid die Besten – frohe Ostern“. Das rührt Annette Klose und die vielen Mitarbeiter zutiefst.

Vielleicht weiß man Ende April mehr im Schmallenbach-Haus, die Quarantäne läuft dann langsam für alle aus. Es wird und muss weitergehen, so oder so. „Wir werden weiterhin vorsichtig sein“, sagt Annette Klose, „denn bis alles wieder beim Alten ist, wird es noch lange dauern.“

Jetzt lesen

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Kaufprämie für Autos
Angst vor der Abwrackprämie: „Todesurteil für viele Autohändler“
Meistgelesen