„Teilweise steinzeitlich“: Welche Lehren der Kreis Unna aus der Corona-Pandemie zieht

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Die Corona-Krise hat auch Schwächen im deutschen Gesundheitssystem aufgedeckt. Jetzt gelte es, die richtigen Lehren daraus zu ziehen, fordert Landrat Michael Makiolla.

Kreis Unna

, 10.07.2020, 15:40 Uhr / Lesedauer: 2 min

Das Coronavirus hat Deutschland nicht völlig unvorbereitet getroffen; im Lichte der sich rund um den Globus ausbreitenden Pandemie waren deutsche Behörden einfach besser vorbereitet als andere. Trotzdem: Die Krise hat Schwächen offenbart. Schwächen, die man im Deutschland des 21. Jahrhunderts so nicht unbedingt erwartet.

Makiolla: Mehr Geld für Personal und Ausstattung

„Hinter uns liegt eine außergewöhnliche Situation, in der nicht alles optimal gelaufen ist“, sagt dazu Landrat Michael Makiolla. „Daraus kann man lernen, um es in Zukunft besser zu machen.“ Und besser heißt aus seiner Sicht: Mehr Personal und zeitgemäße Ausstattung für den Öffentlichen Gesundheitsdienst – also mehr Geld. Und: Klare und deshalb gesetzlich verankerte Kompetenzen für den Fall einer Pandemie.

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Öffentlicher Gesundheitsdienst – das sind unter anderem die bundesweit 380 Gesundheitsämter der Kreise und kreisfreien Städte, aber auch die Bezirksregierungen und Gesundheitsministerien auf Landes- wie Bundesebene. Aufgabe des Öffentlichen Gesundheitsdienstes ist der Schutz der Bevölkerung vor Gesundheitsgefahren; neben der ambulanten und stationären Versorgung durch niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser ist der Öffentliche Gesundheitsdienst somit die dritte Säule des Gesundheitswesens. „Die teilweise erfolgreichen politischen Bemühungen der vergangenen zwei Jahrzehnte, die Bedeutung der öffentlichen Verwaltung zu reduzieren, rächen sich jetzt in Zeiten der Krise“, sagt Makiolla.

Gesundheitsamt kann nicht mal Versicherungskarten auslesen

Der Kreis Unna etwa musste im wahrsten Sinne in den Krisenmodus schalten, um der Lage zu Beginn der Krise überhaupt Herr werden zu können. Aus allen Bereichen der Kreisverwaltung wurde Personal zusammengezogen, um die sieben sogenannten Hygieneinspektoren bei der Kontaktnachverfolgung zu unterstützen; dazu kam Verstärkung vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen. Ein echtes Dilemma: die technische Ausstattung. Das Gesundheitsamt ist nicht mal in der Lage, Krankenversicherungskarten auszulesen. Selbst, als es etwa bei Massentests in Pflegeheimen auf Schnelligkeit ankam, mussten die Laborscheine vor Ort händisch ausgefüllt werden; Befunde kamen dann per Fax zurück. Auch Makiolla findet: „Das ist teilweise wirklich steinzeitlich“.

Gesundheitsämter für Ärzte häufig uninteressant

Zu allererst braucht es nach Einschätzung Makiollas Geld. Geld, um mehr Stellen im Öffentlichen Gesundheitsdienst zu schaffen; und sie dann angemessen zu bezahlen. „Bei Ärzten ist der Öffentliche Gesundheitsdienst nicht konkurrenzfähig mit der Gesundheitswirtschaft“, sagt Makiolla mit Verweis auf Erfahrungen des Kreises Unna: „Wir haben auch schon erlebt, dass sich auf unsere Stellen niemand beworben hat.“

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Und dann war da ja auch noch die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Akteure des Gesundheitswesens; allen voran die Kassenärztliche Vereinigung hatte Makiolla zuletzt häufiger kritisiert. „Man muss es einfach ganz klar sagen: Das Zusammenwirken von Kreis und KVWL war nicht optimal“, sagt er mit Verweis auf fehlende gesetzliche Vorgaben. „Die Zusammenarbeit geschieht heute auf freiwilliger Basis oder gar nicht“, so Makiolla.

„Wenn das Land eine Pandemie erklärt, muss der Öffentliche Gesundheitsdienst in der Lage sein, in einem Kreis oder einer kreisfreien Stadt das Kommando zu übernehmen.“
Landrat Michael Makiolla

Im Falle einer Pandemie müsse es gemeinsame Diagnose- und Behandlungszentren geben, so Makiolla. „Bei der Organisation und der Personalausstattung sollen die Kassenärztliche Vereinigung, der Medizinische Dienst der Krankenkassen, der Betriebsärztliche Dienst und die Krankenhäuser verpflichtend eng mit dem zuständigen Gesundheitsamt zusammenarbeiten“, fordert er eine Art medizinischen Krisenstab unter Führung des Gesundheitsamtes. „Es ist nicht nötig, dass das Gesundheitsamt jederzeit über die Ressourcen anderer Institution bestimmen kann – aber wenn das Land eine Pandemie erklärt, muss der Öffentliche Gesundheitsdienst in der Lage sein, in einem Kreis oder einer kreisfreien Stadt das Kommando zu übernehmen.“

Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst

Die Forderungen von Landrat Michael Makiolla kommen freilich nicht von ungefähr. Bund, Länder und Kommunen sollen einen Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst schließen. Ziele sind eine bessere Personalausstattung insbesondere in Gesundheitsämtern sowie mehr Investitionen in Krankenhäuser. Makiolla hat einen vierseitigen Sechs-Punkt-Plan an den Landkreistag formuliert, um seine Positionen in die Diskussionen mit einzubringen.

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