Im Kreis waren die ersten Vorboten von „Sabine“ bereits zu spüren, weit bevor die Böen so richtig stürmisch wurden. Je später der Abend, desto heftiger wütete der Wind; am Ende aber ging „Sabine“ die Puste aus.

Kreis Unna

, 10.02.2020, 02:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als „Sabine“ am Sonntagnachmittag gerade mal den Norden Deutschlands erreicht hatte, hatte sie im Grunde auch den Kreis Unna bereits fest im Griff. Unter dem Eindruck der Unwetterwarnungen sagten zahlreiche Vereine und Veranstalter die für Sonntag geplanten Termine bereits am Vormittag ab.

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Viele Partien im Fußball und Handball abgesagt

So wurden im Amateurfußball mitunter ganze Spieltage abgesagt, während die Handballverbände ihren Vereinen den Umgang mit den Unwetterwarnungen allerdings weitestgehend selbst überließen. Für eine Generalabsage waren etwa dem Handballverband Westfalen die Vorhersagen offenbar zu unkonkret, wie aus einer Veröffentlichung vom Sonntagmorgen hervorging. Eine generelle Spielabsage erscheine „zurzeit nicht notwendig“, hieß es um 9.30 Uhr auf der Internetseite des Verbandes. Die Vereine regelten es im Laufe des Tages selbst, sagten einige Ligaspiele ab.

Abba-Tributshow und Ehrlich-Brothers abgesagt

Auch zahlreiche Großveranstaltungen in der Region fielen „Sabine“ zum Opfer. Die Dortmunder Westfalenhallen beispielsweise cancelten eine Abba-Tributshow und das abendliche Gastspiel der Zauberer-Brüder Ehrlich.

Ab dem Mittag wehten dann zunächst einzelne, mitunter aber sehr heftige Böen über die Region. Sie hatten genügend Kraft, erste Schäden anzurichten – überall im Kreis Unna hatten die Feuerwehren es bereits am Nachmittag mit ersten, kleineren Einsatzlagen zu tun; hauptsächlich Bäume, die umzufallen drohten oder bereits umgefallen waren.

Sturmtief lässt Kreis Unna zittern – dann geht „Sabine“ die Puste aus

Umgeknickte Schilder wie hier an der Priorsheide in Fröndenberg und gefallene Straßenlaternen: Der Montag wird das Ausmaß der Schäden zeigen. © Marcel Drawe

Derlei war ab dem frühen Nachmittag dann auch ursächlich für die ersten Beeinträchtigungen im Bahnverkehr, ehe dieser gegen 17 Uhr im Kreis Unna wie in der gesamten Bundesrepublik zum Erliegen kam.

Diese Information schaffte es allerdings nicht in alle Bahnhöfe, so kam es in Kamen am Abend zu einem Kuriosum. Über die Anzeigetafeln wurde auch um 19.30 Uhr noch auf die nächsten Abfahrten hingewiesen, was gestrandeten Bahnreisenden Hoffnung machte. Die flammte besonders auf, als tatsächlich ein Zug anrollte – es war allerdings ein Güterzug, der ohne Halt und Passagierplätze durch den Kamener Bahnhof rauschte.

Sturmtief lässt Kreis Unna zittern – dann geht „Sabine“ die Puste aus

Während auf verschiedenen Kanälen bereits verbreitet wurde, dass der Zugverkehr wegen des Orkans „Sabine“ eingestellt wurde, zeigte die Anzeige im Kamener Bahnhof, dass noch einige Züge ankommen sollen. © Stefan Milk

„Wir erwarten, dass es ab 16, 17 Uhr richtig los geht“, sagte etwa Volker Rost, Sprecher der Feuerwehr Kamen, nachdem seine Kameraden am Mittag einen Baum vom Beschleunigungsstreifen der A2-Auffahrt Kamen/Bergkamen geholt hatten. Klar: Meteorologen zufolge sollte „Sabine“ am Abend und in der Nacht am heftigsten über den Kreis Unna fegen. An mehreren Gerätehäusern im Kreisgebiet richteten die Freiwilligen Feuerwehren zum Abend hin denn auch Einsatzbereitschaften ein, um für das erwartete Einsatzaufkommen gerüstet zu sein.

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Stadtkirche bereitete zwischenzeitlich Sorgen

Apropos: Die (ein-)gerüstete Stadtkirche in Unna bereitete zwischenzeitlich Sorge: Vor etwas mehr als zwei Jahren hatte der Sturm „Friederike“ das Gotteshaus stark beschädigt, noch immer laufen Arbeiten an dem Wahrzeichen der Stadt. Vor dem Hintergrund der zu erwartenden Kraft des neuerlichen Sturmtiefs rückte die Feuerwehr vorsorglich aus, um sich ein Bild davon zu machen, wie standfest das Baugerüst ist – und gab Entwarnung. Die Lautstärke, mit der der Wind um den Kirchturm wehte, war gleichwohl bemerkenswert.

„Da waren noch keine spektakulären oder dramatischen Dinge dabei.“
Jens Bongers, Feuerwehr Kreis Unna

Gegen 19.30 Uhr vermeldete die Leitstelle der Feuerwehr die erste Sturmbilanz: 70 Einsätze seit dem Morgen, die meisten in Unna (20) und Schwerte (12) – bis dahin jedoch ausschließlich „normale, sturmbedingte Einsätze“, wie Jens Bongers von der Leitstelle im Gespräch mit dieser Redaktion erläuterte. „Da waren noch keine spektakulären oder dramatischen Dinge dabei.“

Feuerwehren im Kreis mit über 530 Kräften im Einsatz

Kreisweit waren zu diesem Zeitpunkt 530 Kräfte in Bereitschaft oder im Einsatz: Auch, weil die Feuerwehren vor dem Hintergrund der Unwetterwarnungen für den späteren Abend mit einem deutlich hektischeren Einsatzgeschehen rechneten. Prognosen von Kachelmannwetter beispielsweise sagten für 22 Uhr Windgeschwindigkeiten von über 120 Stundenkilometern in Fröndenberg-Frömern voraus – die Ruhrstadt sollte damit zu den Spitzenreitern in der Region zählen. Der Deutsche Wetterdienst rechnete seinerseits für kurz vor Mitternacht mit dem Durchzug der Front. Deshalb sollten auch die Feuerwehren im Kreis Unna über Mitternacht hinaus zunächst in erhöhter Alarmbereitschaft bleiben.

Einsatzlage zunächst ruhiger als erwartet

Und tatsächlich peitschte der Wind im weiteren Verlauf des Abends mit immer kräftigeren Böen über den Kreis Unna hinweg – gleichwohl war die Lage zunächst weniger dramatisch als erwartet. Um 22.15 Uhr meldete die Leitstelle der Feuerwehr: Seit dem Morgen summierten sich die Einsätze auf nunmehr 95 – nach wie vor konzentrierte sich die Einsatzlage vor allem auf Unna (30), in Schwerte gab es 14 Einsätze – die weiteren verteilten sich über alle Städte und Gemeinden des Kreises Unna. Allerdings blieben größere Einsatzlagen bis zum späteren Abend zunächst aus.

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Sturmtief "Sabine": Die Bilder des Tages aus dem Kreis Unna

10.02.2020
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Die ersten Auswirkungen des herannahenden Sturmtiefs "Sabine" waren bereits am Sonntagmittag zu spüren – wie hier in Fröndenberg-Ardey.© Alexander Heine
Am Sonntagnachmittag hatten die Feuerwehren es vor allem mit umsturzgefährdeten Bäumen zu tun – wie hier an der Wernerstraße in Bergkamen, wo ein Baum auf einen Parkplatz zu stürzen drohte.© Stefan Milk
Sorgen bereiteten zwischenzeitlich die Baugerüste an der Evangelischen Stadtkirche in Unna. Die Feuerwehr gab nach einer Kontrolle aber Entwarnung.© Dirk Becker
In der Kamener Leitstelle beobachteten (von links) Feuerwehrmann Marcel Wiese, Feuerwehrchef Rainer Balkenhoff und der stellvertretende Leiter der Feuer- und Rettungswache Andres Schultze die Lage. © Stefan Milk
Die Feuerwehrleute, die sich in den Gerätehäusern bereit hielten, vertrieben sich die Zeit mit Fußball: Einige schauten das Spiel FC Bayern München gegen RB Leipzig, andere nutzten den Kickertisch. © Stefan Milk Stefan Milk
So sah die Prognose von Kachelmanwetter für 22 Uhr aus: Rote und Violett zeigten an, dass es ziemlich heftig werden sollte – zum Beispiel in Fröndenberg-Frömern. © Alexander Heine
Weil aber von einem zweiten eine Gefahr ausging und dieser Baum vor dem Hintergrund der Dunkelheit nicht gefällt werden konnte, wurde auch die Hubert-Biernat-Straße gesperrt – und zwar auf dem Abschnitt zwischen Berliner Allee und Platanenallee.© Michael Neumann
An mehreren Stellen im Kreis Unna wurden Straßen zwischenzeitlich voll gesperrt: Wie hier die Hubert-Biernat-Straße zwischen Berliner Allee und Platanenallee in Unna....© Michael Neumann
.... oder auch die Massener Straße in Holzwickede. Hintergrund waren hier vermutlich Bäume am Straßenrand, die nicht mehr standsicher waren.© Marcel Drawe
Im Bereich der ehemaligen Munitionsfabrik in Unna-Massen wurde auch die Dortmunder-Straße zwischenzeitlich für den Verkehr gesperrt. Auch hier ging Gefahr von einem Baum aus. © Michael Neumann
Am frühen Abend wurden zunächst in Nordrhein-Westfalen, dann in der gesamten Bundesrepublik erst Fern- und dann der Nahverkehr eingestellt. Während diese Hinweise über diverse Kanäle bereits verbreitet worden waren...© Stefan Milk
...zeigte die Anzeige im Kamener Bahnhof noch erwartete Züge an. © Stefan Milk
Und das sorgte für mitunter kuriose Szenen am Bahnsteig, wo sich gestrandete Reisende noch Hoffnungen machten. © Stefan Milk
Als kurz von 19.30 Uhr aus Richtung Dortmund ein Zug anrollt, wird die Hoffnung größer; es ist allerdings ein Güterzug – der hat weder Platz für Fahrgäste noch Kamen als Haltepunkt auf seinem Streckenplan.© Stefan Milk
Stillstand im Bahnhof Fröndenberg: Der Zugverkehr kam auch im Kreis Unna komplett zum Erliegen.© Marcel Drawe
In Kamen sorgte in der Nacht ein entwurzelter Baum an der Koppelstraße zwischenzeitlich für ein größeres Einsatzgeschehen der Feuerwehr. © Stefan Milk
Der Baum lag auf einem Mehrfamilienhaus, das die Bewohner aus Sicherheitsgründen zunächst nicht verlassen durften. Zur Unterstützung wurde ein Kran angefordert. © Stefan Milk
Der 40-Tonnen-Kran des Kamener Abschleppunternehmers Kollmer hob den Baum schließlich vom Dach.© Stefan Milk
Zu Schaden kam bei dem Vorfall glücklicherweise niemand.© Stefan Milk
Bäume und größeres Buschwerk beschäftigte die Feuerwehren im Kreis hauptsächlich – wie hier an der Landwehrstraße in Bergkamen, wo Wehrleute am Abend einen halb umgestürzten Baum fällten und von der Straße räumten.© Stefan Milk
An der Ecke Karlstraße / Kleistraße in Unna-Massen hielt ein Baum auf einem Privatgrundstück den Windböen nicht Stand. Die Feuerwehr zersägte den Baum, um die Straße freizuräumen.© Michael Neumann
Ein umgestürztes Straßenschild an der Priorsheide in Fröndenberg...© Marcel Drawe
...beschädigte Radweg-Beschilderung an der Dorfstraße in Holzwickede-Opherdicke....© Marcel Drawe
Die Feuerwehren im Kreis Unna waren bis in die Nacht hinein gefordert: Hier räumten sie am Ortsausgang Fröndenberg-Dellwig einen kleineren Baum von der Hauptstraße.© Marcel Drawe
Ein Bild von der Ecke Hermannstraße/Grillostraße in Unna-Königsborn.© Michael Neumann
Nach dem Sturm sah es wüst aus auf der Bornekampstraße in Unna.© Michael Neumann
Dieses Gewächshaus stand vor dem Sturm sicher mal in einem Garten: Gefunden von unserem Reporter Michael Neumann in Unna-Massen.© Michael Neumann

Erst, als ein entwurzelter Baum an der Koppelstraße in Kamen auf ein Mehrfamilienhaus fiel, wurde es brenzlig: Die Bewohner durften das Haus aus Sicherheitsgründen nicht verlassen, bis die Feuerwehr den Baum mit Hilfe eines Acht-Tonnen-Krans vom Dach geholt hatte. Verletzt wurde glücklicherweise niemand.

Sturmtief lässt Kreis Unna zittern – dann geht „Sabine“ die Puste aus

Hier wurde es zwischenzeitlich brenzlig: An der Koppelstraße in Kamen fiel ein entwurzelter Baum auf ein Mehrfamilienhaus, das die Bewohner aus Sicherheitsgründen zunächst nicht verlassen durften. © Stefan Milk

Überhaupt verlief der Abend im Kreis Unna glimpflich. Als der Führungsstab der Feuerwehr seine Arbeit um 1 Uhr einstellte, war das Gröbste überstanden. Zu dem Zeitpunkt liefen zwar noch einige der über den Tagesverlauf insgesamt rund 140 Einsätze. Die Lage hatte sich bis dahin aber auch schon wieder so weit beruhigt, dass die Feuerwehren im Kreis Unna ihre Einsatzbereitschaft nach und nach abbauen konnten. Laut Jens Bongers von der Leitstelle war zwar „einiges los“. Insgesamt sei der Abend aber ruhiger als erwartet verlaufen.

Windgeschwindigkeit von 106 km/h in Werl gemessen

Das galt am Ende auch für die gemessenen Windgeschwindigkeiten:.Die in Nordrhein-Westfalen gemessene Spitzengeschwindigkeit lag bei 137 km/h, gemessen auf dem Kahlen Asten. Ansonsten lagen die Windstärken überall hinter den Erwartungen. Spitzenreiter in der Region: Die Stadt Werl mit 106 km/h.

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