Segler des Rotary-Clubs ziehen zwei kroatische Fischer aus der Adria

dzSeenotrettungsaktion

Wassersportlern aus Unna, Kamen und Hamm haben während eines Segeltrips an der Adria in Kroatien zwei Fischern das Leben gerettet. Buchstäblich in letzter Sekunde aus rauer See.

von Frank Lahme

Kreis Unna

, 19.12.2018 / Lesedauer: 4 min

Von Frank Lahme
Jedem, der in seinem Leben einmal ein Boot betreten hat, ist vermutlich früher oder später dieser Gedanke gekommen: „Und wenn das Schiff jetzt untergeht ...“ Uwe Wittkamp aus Rhynern und seine vier Mitstreiter waren über dieses Stadium hinweg, als sie am 16. Juni 2018 mit einer gecharterten Segelyacht und bei stürmischem Wind in der Adria vor Kroatien unterwegs waren. In 200 Meter Entfernung allerdings entdeckten die erfahrenen Segler zwei Köpfe im Wasser ...

Die zwei Köpfe gehörten zu zwei Menschen. Es waren kroatische Fischer, die hilflos und entkräftet in dem 18 Grad kühlen Wasser trieben und um ihr Leben rangen. Der eine hielt sich an einer Kühlbox fest, der andere hatte immerhin einen Rettungsring. Seit einer Stunde schon währte ihr Kampf in der aufgewühlten See.

Segler des Rotary-Clubs ziehen zwei kroatische Fischer aus der Adria

Bora-Winde sind häufig vor der kroatischen Küste und zählen zu den stärksten der Welt. Schon in den Stunden vor der Rettungsaktion schlugen die Wellen hoch vor den Bug der gecharterten Jacht von Uwe Wittkamp und seinen Mitstreitern. Die Segler machten ein Video, aus dem dieses Bild stammt. Die Fischer entdeckte er in 200 Meter Entfernung. WittkampRotary-Club © Privat

Eine Sekunde früher oder eine Sekunde später: Die Crew um den Rhyneraner Geschäftsmann wäre wohl an den beiden Schiffbrüchigen vorbeigerauscht. Das Quintett hätte sie nicht gesehen, weil die Gekenterten hinter einem der Wellenberge verborgen geblieben wären. Es wäre der sichere Tod für diese beiden Fischer gewesen. Zehn Kilometer vor der Küste – irgendwo zwischen den Inseln Zirle und Passman – waren an diesem Donnerstagmittag weit und breit keine weiteren Boote zu sehen.

Zwei Köpfe im Wasser

Es war also einer dieser Zufälle, die im Nachgang von den Menschen gerne zum Wunder oder zur göttlichen Fügung aufgeblasen werden. Uwe Wittkamp relativiert diese Sichtweise. Schließlich hatte es vorher schon nach Diesel gerochen. Der 59-Jährige hatte gedacht, dass etwas mit dem eigenen Boot nicht stimmen würde und deshalb seine Augen besonders offen gehalten. Dann hatte er die beiden Köpfe im Wasser gesehen.

Wie sich später herausstellte, hatte der Motor der Fischer gestreikt. Weit vor der Küste war ihr acht Meter langes Boot ohne Antrieb quer zu einer Welle gekommen. Reihenweise schwappten die Brecher herein, bis das komplette Boot schließlich in dem Sturm sank. Per Handy hatten die Fischer wohl noch versucht, die kroatische Seenotrettung zu informieren.

Was Wittkamp und seine Mitstreiter in der Folge abspulten, muss für die Gekenterten geradezu grotesk gewirkt haben. Mit ihrer Yacht segelten die Fünf an den im Wasser treibenden vorbei, entfernten sich Meter um Meter. Unter Segeln, so erklärt Wittkamp heute, wäre eine Rettungsaktion aussichtslos gewesen. Während einer aus der Mannschaft die im Wasser Treibenden nicht aus dem Auge verlor, wurden die Segel eingeholt und der Borddiesel angeworfen. Per Motor ging es zurück zu den beiden Männern. Die Badeplattform wurde herabgelassen, eine Leinenverbindung hergestellt, und die Schiffbrüchigen wurden über die Plattform ins Boot gehievt.

Entkräftet und unterkühlt

Die Männer waren entkräftet und unterkühlt. Einer von ihnen hatte sich offenbar auch eine oder mehrere Rippen gebrochen. Die Geretteten wurden von der Wittkampschen Crew versorgt; einer von ihnen ist Arzt.

An Bord der Yacht ging es zurück in die Marina Murter. Die Windgeschwindigkeit lag bei etwa 85 Kilometern pro Stunde. Eine Verständigung war kaum möglich; die Fischer sprachen nur ein paar Brocken Englisch, die deutschen Segler kein Kroatisch. Per Handy wurden die kroatische Seenotrettung und die Küstenwache informiert, ebenso kontaktierten die Fischer ihre Familien. Ein unvergesslicher Tag ging allmählich zu Ende.

Anonymer Hinweis

Die bemerkenswerte Rettungsaktion ist von den heimischen Seglern danach nie an die an die große Glocke gehängt worden. Unsere Redaktion wurde in der vergangenen Woche durch einen anonymen Brief auf die Tat hingewiesen – mit halbjähriger Verspätung, vielleicht motiviert durch die jetzt angebrochenen Weihnachtszeit. Wer der Absender des Schreibens ist, hat sich bislang nicht klären lassen.

Uwe Wittkamp ist der einzige Hammer in der Runde. Seine Mitsegler Christian Westebbe, Christian Rüsche, Jürgen Schneider und Dr. Ralf Kieninger stammen aus Kamen und Unna. Die Männer kennen sich aus dem Rotary-Club Unna und brechen seit einigen Jahren einmal im Jahr für eine Woche zu gemeinsamen Segeltörns auf. Als wäre es ein Wink des Schicksals gewesen, hatte Uwe Wittkamp, der der erfahrenste Segler in der Runde ist, seine Kenntnisse in der Seenotrettung vor dem Kroatien-Trip im Sommer intensiv aufgefrischt.

Ehrung in der Ratsitzung

Den feierlichen Rahmen der letzten Ratssitzung des Jahres in Hamm nutzte Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann, um sich bei den Männern zu bedanken.

Der OB wandte sich direkt an Jürgen Schneider, Christian Westebbe, Christian Rüsche, Dr. Ralf Kieninger und Uwe Wittkamp: „Ihrem Mut, ihrer Zivilcourage und ihrem Handeln ist es zu verdanken, dass vor knapp sechs Monaten zwei Menschenleben gerettet wurden.“

Segler des Rotary-Clubs ziehen zwei kroatische Fischer aus der Adria

Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann (Mitte) zeichnete die Lebensretter aus. © Reiner Mroß

Leider sei es heutzutage nicht mehr selbstverständlich, seinen Mitmenschen zu helfen – egal ob auf offener See, auf der Straße oder sonst wo. Gerade deshalb sei es wichtig, solch ein Handeln nicht als Selbstverständlichkeit anzusehen und entsprechend zu würdigen.

Thomas Hunsteger: „Zivilcourage braucht Mut. Aber Zivilcourage macht auch Mut.“

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