Nutzen von Wildwarnreflektoren umstritten

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Im Kreis Unna gibt es jedes Jahr etwa 500 Wildunfälle mit Rehen – und das trotz spezieller Reflektoren, die an vielen Leitpfosten angebracht wurden. Die Wirksamkeit ist umstritten.

Kreis Unna

, 27.10.2018, 19:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eine Landstraße irgendwo in Deutschland: Die Dämmerung ist angebrochen, es sind kaum Autos unterwegs, die Tachonadel steht bei Tempo 100. Da läuft plötzlich ein Reh auf die Straße und bleibt wie versteinert im Scheinwerferlicht stehen. Und kurz darauf ist es auch schon zu spät. Es kommt zu einer Kollision – oft genug mit gefährlichen Konsequenzen für Mensch und Tier.

Unfälle wie diese sind in Deutschland keine Seltenheit. Jeden Tag gibt es im Schnitt mehr als 750 Wildunfälle. Und die Tendenz ist steigend. So sind im Jahr 2017 so viele Wildunfälle registriert worden wie noch nie seit Anfang der 90er-Jahre. Bundesweit sind nach Angaben der Unfallforschung der Versicherer (UDV) rund 275.000 Kollisionen gemeldet worden.

900 Unfälle mit Wild

Auch im Kreis Unna kommt es immer wieder zu Wildunfällen. Im vergangenen Jagdjahr vom 1. April 2017 bis zum 31. März 2018 verzeichnete die Untere Jagdbehörde insgesamt 900 Unfälle mit Wild, darunter 478 mit Rehen. Im Jahr zuvor waren es 484.

Zahlen, die alarmieren. Seit Jahren versuchen Automobilclubs, Versicherer und Jäger denn auch dem Problem Herr zu werden, zum Beispiel mit blauen Reflektoren. Tausende von ihnen sind in den vergangenen Jahren an Leitpfosten an Deutschlands Straßen angebracht worden. Doch eine neue Studie zweifelt an der Wirksamkeit der sogenannten Wildwarnreflektoren. Bei einer Untersuchung auf 150 Teststrecken in den Landkreisen Göttingen (Niedersachsen), Höxter (Nordrhein-Westfalen) sowie Kassel und Lahn-Dill (beide Hessen) sollen sich die Reflektoren als wirkungslos erwiesen haben.

Videomaterial ausgewertet

Das jedenfalls wollen Göttinger Forscher gemeinsam mit Kollegen von der Universität Zürich herausgefunden haben. Dafür haben sie 10.000 Stunden Videomaterial ausgewertet, das sie mit Infrarotkameras an den zwei Kilometer langen Teststrecken aufgenommen haben. Dabei wurden etwa 1600 Begegnungen zwischen Tieren und Fahrzeugen dokumentiert. Für das Verhalten der Tiere habe es aber keine Rolle gespielt, ob sich an den Strecken blaue Wildreflektoren befanden oder nicht, so die Forscher.

Die Kreisjägerschaft Unna (KJS) ist da ganz anderer Meinung. Auch sie hat in den vergangenen Jahren auf die speziellen Reflektoren am Straßenrand gesetzt – und damit gute Erfahrungen gemacht, wie Reinhard Middendorf, Vorsitzender der KJS betont. Er selbst hat in seinem Revier in Overberge etwa 200 Reflektoren angebracht. Sein Eindruck ist, dass es seitdem zu weniger Kollisionen gekommen ist. Ob das wirklich daran liegt, dass das Wild die blaue Farbe als fremd und damit potenziell gefährlich empfindet, kann er nicht sagen. „Es könnte auch sein, dass die Autofahrer aufmerksamer und langsamer fahren, wenn sie die Reflektoren sehen“, sagt Middendorf.

Jäger machen gute Erfahrungen

Nutzen von Wildwarnreflektoren umstritten

Auch im Kreis Unna kommt es immer wieder zu Wildunfällen. Im vergangenen Jagdjahr waren es insgesamt 900 Unfälle, darunter 478 mit Rehen. © picture alliance / Patrick Pleul

Ähnlich sieht das Detmar Disselhoff. Er war einer der ersten, der die Reflektoren vor fünf Jahren im Kreis Unna angebracht hat. „Früher hatten wir vier bis fünf totgefahrene Rehe pro Jahr. In den vergangenen Jahren waren es vielleicht drei insgesamt“, betont Disselhoff. Er kennt viele Jäger, die ähnlich gute Erfahrungen gemacht haben.

Warum sich dieser positive Eindruck nicht auf die Zahl der Wildunfälle niederschlägt? „Tut er doch“, betont Middendorf. „Die Zahl der Unfälle ist nicht gestiegen, und das obwohl die Wildbestände stetig wachsen.“ So zum Beispiel bei den Wildschweinen. Die hätten sich im vergangenen Jahr so stark verbreitet, dass sie sich mittlerweile selbst in Bergkamen heimisch fühlen, wo sie früher nicht zu sehen waren. Grund dafür ist unter anderem, dass Wildschweine wegen der milden Winter keine Probleme bei der Nahrungssuche haben. Auch der vermehrte Anbau von Mais führt zu einer wachsenden Population. Und die führe wiederum dazu, dass sich das Rehwild im Wald gestört fühle, ist Middendorf überzeugt.

Unruhe im Wald

Diese Erfahrung hat auch Disselhoff gemacht. Seiner Meinung nach sorgen aber nicht nur die Wildschweine für Unruhe im Wald. Es gebe ganz viele Faktoren. Einer davon sei zum Beispiel der Wolf – jedenfalls in einigen Regionen Deutschlands. „Wenn der auf der Suche nach Futter ist, versetzt er die Rehe in Panik“, erklärt der Jäger. In der Folge landet das eine oder andere Tier auf der Straße und kommt unter die Räder. Eine ähnliche Wirkung hätten nicht angeleinte Hunde im Wald, so Disselhoff.

Vielleicht dürften die Jäger wenigstens das Problem mit den Wildschweinen bald in den Griff bekommen. Denn aufgrund der Afrikanischen Schweinepest, die immer näher an Deutschland heranrückt, dürfen die Tiere – abgesehen von den Sauen mit ihren Frischlingen – nun das ganze Jahr über bejagt werden. Was die Wildunfälle betrifft, setzen die Jäger im Kreis Unna aber weiterhin auf die blauen Reflektoren – Studie hin oder her.