Die Wanduhr in der Küche steht schon lange still, genauso wie die Zeit in dem alten Zechenhaus in Lünen-Brambauer. Ein 77-jähriger Mann betreibt hier ein Mini-Museum, das einen Besuch lohnt.

von Gabriele Hoffmann

Lünen

, 24.12.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Glückauf!“ So begrüßt Hermann Abels die Gäste, die an der urigen Schelle der grünen Haustür gedreht haben und nun neugierig über die Schwelle treten. In den nächsten zwei Stunden bleibt der gewohnte Alltag draußen. Hier drinnen erinnert alles an die früheren Bewohner. An die Bergleute der Zeche Minister Achenbach, die in der Siedlung lebten oder noch immer hier ihr Zuhause haben.

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Zu Besuch im Bergarbeiter-Wohnmuseum Lünen

Haus-Nr. 10 ist ein Museum. Das Doppelhaus wurde 1906 für vier Bergarbeiterfamilien gebaut. Als die Zeche 1993 geschlossen und dem Erdboden gleichgemacht wurde, erinnerte nur noch die Kolonie an die Bergbauvergangenheit und auch die letzten Zeugen der vergangenen Ära sollten ihr Wesen verändern. Die Glückauf-Wohnungsgesellschaft plante die groß angelegte Sanierung der Häuser, die bis dahin noch mit Kohleöfen beheizt wurden. Dank dem Traditionsbewusstsein der damaligen Bauherren wurde eine Hälfte des Doppelhauses von der Maßnahme abgekoppelt, in den ortstypischen Zustand der 20er/30er Jahre zurückgebaut und neu eingerichtet.

Nachttopf unterm Bett, Bergkittel im Flur: Ein Besuch im Bergarbeiter-Wohnmuseum Lünen

Der Küchenofen war die einzige Wärmequelle der Wohnung. © Borys P. Sarad www.borys-sarad.d

Und so fühlen sich die Besucherinnen und Besucher von der ersten Sekunde an zurückversetzt in die Zeit der Groß- oder gar Urgroßeltern. Zwei Wohnungen sind in dem Haus eingerichtet. Mit Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küche. Unter dem Dach gibt es eine Schneiderstube und ein Kinderzimmer. Alle Räume sind nicht einfach nur eingerichtet. Die Möbel allein sind schon sehenswert. Die alten Küchenschränke, die Kommoden, die Waschtische, die Betten, die Kleiderschränke. Doch die eigentlichen Hingucker sind die Inhalte und Dekorationen. An der Flurgarderobe hängen die Bergkittel mit den feinen Knöpfen. Auf der Ablage die Schachthüte mit weißen Federwedeln. Die schwarzen Wedel werden für traurige Ereignisse aufgesteckt. Geradeaus fällt der Blick auf den schönen, alten Ofen mit Kochgeschirr und Bügeleisen auf der Herdplatte. Der Ofen war einst auch die Wärmequelle für die Wohnung. In und auf den Küchenschränken stehen hübsch verzierte Porzellangefäße für Gewürze, Mehl, Reis, Zucker, Salz und Kaffee. Sogar Gläser mit Eingemachtem (Alter unbekannt) stehen dazwischen. Eine alte Waage, das gute Service mit Goldrand und Blümchenmuster und überall die passende Tischwäsche, Handtücher und Schürzen – fein säuberlich bestickt. In der guten Stube ist der Kaffeetisch gedeckt, auf dem roten Sofa liegen Brokatkissen, darüber ein Landschaftbild, an der Wand eine Pendeluhr.

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Ein Streifzug durch das Bergarbeiter-Wohnmuseum in Lünen

Der Besuch im Bergarbeiter-Wohnmuseum ist wie eine Reise in eine vergangene Zeit. Nicht nur die Einrichtung, die Möbel und die ganz normalen Alltagsgegenstände vermitteln einen Eindruck davon, wie die Bergarbeiter früher gelebt haben. Es sind die vielen Details, die oft erst auf den zweiten oder gar dritten Blick entdeckt werden, die diese kleine Museums so autentisch machen.
24.12.2018
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Lünen Bergarbeiter-Wohnmuseum© Sarad
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Lünen Bergarbeiter-Wohnmuseum© Borys P. Sarad www.borys-sarad.d
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Das Beste aber kommt noch: das Schlafzimmer. Herrlich dekortiert mit opulenten Zierkissen und der Reizwäsche der Dame des Hauses. Nachthemd, Mieder, Leibchen aus Baumwolle und Leinen liegen auf den Betten bereit. Über dem Ehebett ein Heiligenbild, auf dem Nachttisch ein Holzkreuz (mit Jesusfigur im katholischen, ohne im evangelischen Schlafgemach), Bibel und Gesangbuch. Waschschüssel und Krug stehen auf der Kommode. Das Wasser musste vom Brunnen im Garten geholt werden. Dort war früher auch das Plumpsklo. Der Nachttopf unter dem Bett war deshalb unentbehrlich.

Seit Jugendtagen dem Bergbau verbunden

Für den 77-jährigen Rentner Hermann Abels ist das Museum eine Herzenangelegenheit. Gleich nebenan ist Herman Abels aufgewachsen und lebt noch immer in der Siedlung. Fünf Jahre – von 1959 bis 1964 – hat er selbst unter Tage gearbeitet, als Grubenschlosser von Minister Achenbach. Dann hat er Maschinenbau studiert, zunächst bei Opel und später bei Zulieferern für den Bergbau gearbeitet. Dem Bergbau ist er seit Jugendtagen verbunden. Und er kann sich noch gut an die Weihnachtszeit damals erinnern. Bescherung war früher erst am 25. Dezember. Einen geschmückten Baum gab es zu Hause immer und auf der Zeche wurde es ebenfalls festlich. In der Lichthalle stand der große Weihnachtsbaum für die Bergarbeiter. Einfahren mussten sie an Weihnachten nicht.

Der Kleiderschrank gibt eine Besonderheit frei, auf die Hermann Abels besonders stolz ist. Es handelt sich um den Mantel von Emil Stade, den ehemaligen Bergwerkdirektor der Zeche Minister Achenbach. Dessen Name hat heute noch einen guten Klang in Brambauer. Der 1882 in Dortmund geborene Bergwerksdirektor engagierte sich sehr für seine Belegschaft, was unvergessen ist.

Hermann Abels hütet das Andenken an Emil Stade und an die Bergarbeiter seit 1994. Seit diesem Jahr arbeitet er für das Museum, unterstützt von Ehefrau Monika. Bis 2011 half die ehemalige Sekretärin der Zeche mit. Sie haben das zusammengetragen, was heute in dem Haus zu sehen ist. Denn als die Kolonie leer geräumt, die Bewohner für die Dauer der Renovierung in Ersatzwohnungen umgezogen waren, standen die Räume leer. Einzig der erste Mietvertrag von Jakob Mühlmann aus dem Jahr 1906 und die Arbeitsordnung der Zeche entdeckten Bauarbeiter bei den Renovierungsarbeiten. Beides hängt unter Glas im Flur. Dieser Fund war der Anstoß für das Museum. Alles andere im Haus stammt von Antiquitätenhändlern, aus Nachlässen und sonstigen Spenden. Ein altes Hohner Akkordeon, mehrere Nähmaschinen, Schusterwerkzeug, Kleidung, Gardinen, Bücher, Bilder, altes Holz- und Blechspielzeug – und natürlich überall Relikte aus der Bergbautradition begleiten die Besucher auf der Reise in die Vergangenheit. Vieles erschließt sich erst auf den zweiten oder gar dritten Blick. Die alten Persil-Kartons in einer Abstellkammer im Treppenhaus, die abgewetzten Koffer auf dem Kleiderschrank, die wohl kaum für Urlaubsreisen, sondern zum Transport beim Einzug gedient haben, eine Batterie von alten Schallplatten, eine mechanische Olympia-Schreibmaschine, Einkochkessel im Keller, der alte Bohnebesen in der Ecke. Der war nötig, um die Holzdielen auf Hochglanz zu bohnern. Der rote Anstrich ist neu, dem ursprünglichen nachempfunden. Ebenso wurden bei der „Rückrenovierung“ des Hauses die Tapeten abgerissen, die Leitungen wieder auf den Putz gelegt und die Wände neu gestrichen. Im Flur soll der braunen Farbe für den Sockel Bier beigemischt worden sein.

Öffnungszeiten und Kontakt

  • Das Museum ist dreimal in der Woche geöffnet: dienstags und sonntags von 15 bis 17 Uhr, donnerstags von 17 bis 19 Uhr. Erwachsene zahlen 1,50 Euro ohne Führung, 2 Euro mit Führung, Kinder 50 Cent.
  • Ansprechpartner: Hermann Abels (Museumsleitung), Telefon zur Öffnungszeit: (0231) 8779121, sonst (0231) 872685, Fax: (0231) 8822950, E- Mail: hermann.abels@helimail.de.
  • Anschrift: Bergarbeiter-Wohnmuseum, Rudolfstraße. 10, 44536 Lünen-Brambauer

Dieses Haus ist ein Kleinod und wird liebevoll gepflegt von Hermann Abels. So schön war es früher bei den Bewohnern wohl kaum, vermutet er. Auch gab es kein eigenes Kinderzimmer. Die Familie lebte mit 13 Kindern auf 50 Quadratmetern. Die Weiße Deutsche Edelziege, die sogenannte Bergmannskuh, ein Schwein, Hühner und Hasen lebten hinter dem Haus im Stall.

Abels und seine Frau haben das Haus so eingerichtet, wie viele Leute wohl zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewohnt haben. Geholfen hat dabei die Wohnungsbaugesellschaft Glückauf, die später in der Viva-West aufgegangen ist. Außerdem existiert seit 1994 auch ein Förderverein.

Nachttopf unterm Bett, Bergkittel im Flur: Ein Besuch im Bergarbeiter-Wohnmuseum Lünen

In der guten Stube werden heute Ehen geschmiedet. © Borys P. Sarad www.borys-sarad.d

Wem es in dem Haus gut gefällt und ein besonderes Ambiente für seine Hochzeit sucht, kann in der guten Stube sogar heiraten. Das Museum ist offizielles Trauzimmer der Stadt Lünen. 2018 wurden auf dem Sofa schon drei Ehen geschmiedet.

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