Während die Klassenzimmer in den Schulen im Kreis Unna leer sind, herrscht in den Nachhilfeinstituten reger Betrieb. Viele Schüler nutzen die freie Zeit, um zu lernen. Meist nicht ganz freiwillig. Aber sie wissen wofür.

Kreis Unna

, 29.07.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dienstagmittag im Nachhilfeinstitut School for you in Unna: Draußen steigt das Thermometer gerade auf 35 Grad, als Nik Blaschke sich über seinen Block beugt und versucht, ein lineares Gleichungssystem zu lösen. Klar wäre er jetzt auch gerne draußen im Freibad, „aber es sind ja nur 90 Minuten. Und es hilft ja auch einfach“, sagt der Schüler des Ernst-Barlach-Gymnasiums.

Nik Blaschke ist nicht der einzige Schüler, der in den Sommerferien den Kopf in die Bücher steckt. Viele Kinder und Jugendliche nutzen mittlerweile die freie Zeit, um zu lernen, auch wenn es nicht ganz freiwillig ist. Laut einer Studienkreis-Umfrage wollen 53 Prozent der Eltern, dass der eigene Nachwuchs auch in den Sommerferien etwas für seine Bildung tut. Neben dem Lesen von Büchern oder einem Museumsbesuch soll vor allem der Schulstoff wiederholt werden – entweder eigenständig oder in speziellen Ferienkursen. „Die Umfrage bestätigt unsere Erfahrungen aus den letzten Jahren. Die Nachfrage nach unseren Ferienkursen ist stark gestiegen“, berichtet Max Kade, pädagogischer Leiter des Studienkreises.

Die Gründe für Nachhilfe in den Ferien sind unterschiedlich: Vielen geht es darum, das Erlernte des vergangenen Schuljahres zu wiederholen und zu festigen. Andere wollen den Stoff des neuen Schuljahres vorbereiten. Einige müssen auch für eine Nachprüfung lernen, wenn die Versetzung auf der Kippe steht.

So wie bei Leyla (Name von der Redaktion geändert) aus Unna. Sie muss Ende August in Mathe in die Nachprüfung. Ihre Versetzung in die zehnte Klasse ist gefährdet. „Ich hatte eigentlich ein gutes Gefühl. Im Unterricht habe ich immer alles verstanden, die Noten in den Arbeiten waren dann aber trotzdem nicht gut“, sagt sie. Bei School for you versucht sie, ihre Wissenslücken zu schließen. „Es war meine Idee, weil ich auch schon mal hier war“, sagt die 15-Jährige.

Mathe und Englisch gefragt

Ein typischer Fall für den Geschäftsführer von School for you, Daniel Kleiböhmer. Vor zehn Jahren hat sich der gelernte Bankkaufmann mit dem Nachhilfeinstitut in Unna selbstständig gemacht. Er bietet Nachhilfe in allen gängigen Fächern an. Mathe und Wirtschaft unterricht er selbst. Für andere Fächer hat er entsprechende Lehrer.

Dass auch in den Ferien Schüler zu ihm kommen, ist für Kleiböhmer nichts Ungewöhnliches. Zurzeit nutzen zwischen 15 und 20 Kinder und Jugendliche sein Angebot, hauptsächlich in Mathe und Englisch. Und es werden von Jahr zu Jahr mehr. Woran das liegt? Am Ehrgeiz der Eltern, aber auch der Jugendlichen, ist der 39-Jährige überzeugt. „Einige Eltern wollen zum Beispiel unbedingt, dass ihr Kind auf das Gymnasium kommt, weil sie glauben, dass man ohne Abi heute nichts mehr wird.“ Und wenn es nicht auf Anhieb klappt, wird nachgeholfen.

Nachhilfe in den Ferien ist seit Jahren umstritten. Während einige Experten strikt dagegen sind, weil Kinder schon genug Leistungsdruck hätten und sich in den Ferien entspannen sollen, finde andere es nicht verkehrt, auch in den Ferien für die Schule zu lernen. Insbesondere Eltern sind dieser Meinung: Laut der Studienkreis-Umfrage wollen 14 Prozent der Eltern, die Wert darauf legen, dass ihr Kind in den Ferien etwas für seine Bildung tut, außerdem Nachhilfe oder Ferienkurse mit schulischen Inhalten nutzen. „Von nichts kommt nichts“, sagt zum Beispiel eine Mutter, die gerade ihren zwölfjährigen Sohn bei School for you abgesetzt hat. „Hätte er in der Schule besser aufgepasst, dann müsste er jetzt nicht nachsitzen“, sagt die 36-Jährige. Ihr Sohn verstehe das aber auch. „Er will selbst nicht auf die Hauptschule wechseln.“

Gesundes Mittelmaß

Auch Kleiböhmer spricht sich für ein gesundes Mittelmaß aus: „Klar, wenn jemand nur Einsen und Zweien hat, dann sollte er in den Ferien die Akkus aufladen.“ Aber wenn man das Schuljahr nur so gerade eben bestanden habe, dann sollte man vielleicht ein paar Stunden Zeit in den Ferien für Nachhilfe opfern.

Auch Sabine Angelkorte, Sprecherin der der Schülerhilfe, findet, dass die Entspannung nach wie vor das Wichtigste in den Ferien sei. Daher seien die Kurse auch als Wochenkurse konzipiert. „In einer Doppelstunde am Vormittag wird gelernt, der Rest des Tages bleibt frei“, betont sie. Was bei den Ferienschüler aber aufgefallen sei: „Wer im Lerntraining bleibt, steigert seine Lernmotivation nachweislich und startet das neue Schuljahr auf einem wesentlich höheren Leistungsniveau als Schüler, die 6 Wochen lang eine Lernpause eingelegt haben“, so Angelkorte.

Diese Erfahrung hat auch Nik Blaschke gemacht. „Die Nachhilfestunden letztes Jahr in den Sommerferien haben gut geholfen. Bei der ersten Matheklausur habe ich direkt eine 2- geschrieben“, erinnert sich der 15-Jährige. Doch dann habe er wieder aufgehört zu lernen und sei direkt wieder schlechter geworden. „Ich sehe die Nachhilfe daher auch nicht als Strafe, sondern als Möglichkeit, zu lernen“, betont der Gymnasiast. Und nach dem Unterricht sei ja noch genug Zeit, ins Freibad zu gehen.

Lernen in den Ferien? Wer das zu Hause machen will, der sollte am besten auf kurze Zeiträume achten. Ideal sind Lernhäppchen für jeden Tag, die in einer halben Stunde gut zu bewältigen sind. Nach dem ersten Tag sollten die ersten zehn Minuten immer für die Wiederholung des Stoffs vom Vortag da sein, heißt es in der Zeitschrift „Eltern family“ (Ausgabe August 2018). Am besten setzen Eltern und Kinder außerdem nicht an dem Punkt in Mathe, Deutsch oder Englisch an, an dem Mädchen und Jungen Probleme haben – sondern etwas früher. So sind die ersten Einheiten leicht und motivieren für die Inhalte, die schwieriger sind.
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