Mit Audis Elektro-Oberklasse durch den Kreis Unna

dzE-Mobilität

Zahlreiche neue E-Modelle kommen 2020 auf den Markt, obwohl bislang kaum Menschen elektrisch fahren. Eine Spritztour zeigt: Mit passendem Fahrprofil und Kontostand fährt es sich ganz entspannt.

Holzwickede

, 06.02.2020, 12:13 Uhr / Lesedauer: 4 min

Ein sanftes „Zoooooooom“ mit sehr vielen runden Buchstaben in der Mitte begleitet die Fahrt auf den letzten Metern bis zur roten Ampel. Ein Geräusch, das man sich normalerweise mit vielen anderen Menschen in einer vollbesetzten Straßenbahn teilt.

Im Audi Etron gehört es einzig dem Fahrer und seinen maximal vier Begleitern im Wagen. Der 2,5 Tonnen schwere Elektro-SUV hört sich nicht nur an wie eine Tram, er liegt auch wie auf Schienen auf der Straße. Wer will, lässt das Fahrzeug nahezu autonom über die Fahrbahn gleiten – hin und wieder reicht dann die Hand am Lenkrad, um den Assistenzsystemen zu signalisieren: Ich bin noch da.

Geringer Anteil

Elektro-Fahrzeuge im Kreis Unna

  • Die Zahl reiner E-Fahrzeuge ist im Kreis Unna innerhalb eines Jahres zuletzt von 246 auf 520 gestiegen – bei rund 300.000 Autos kreisweit aber noch immer ein vergleichsweise geringer Anteil.
  • Öfter sind indes Autos mit Hybridantrieb unterwegs. Die aktuellsten Zahlen des Kreises nennen 1350 zugelassene Hybridfahrzeuge.
  • Die Einstiegspreise für E-Fahrzeuge sind vergleichsweise hoch. Sowohl beim Kauf eines Wagens als auch für private Ladestationen gibt es mitunter aber Prämien.
  • Am Beispiel des Etrons sind 4000 Euro Umweltprämie drin. Die Basisversion des Audis kostet 69.900 Euro. Der Preis für den gezeigten Testwagen: 108.000 Euro.

Als Tochter des weltgrößten Automobilherstellers Volkswagen hängt Audi bei den reinen Stromern bislang hinterher, zumindest was die Modellpalette angeht: Zwar hat man einige Strom- und Gashybride im Programm und im Etron Sportback steht für das zweite Quartal 2020 ein E-Coupé an der Startlinie. Als reiner Stromer ist aktuell aber nur der Etron zu haben.

Hersteller müssen CO2-Ausstoß ihrer Modelle senken

Ein SUV, der je nach verbauter Batterie zwischen 300 und 400 Kilometer Reichweite bietet und kurzzeitig satte 409 PS auf die Straße bringt: Volkswagen macht als Mutterkonzern ernst und setzt voll auf die Elektromobilität – gezwungenermaßen. Den Herstellern drohen hohe Strafzahlungen, weil eine EU-Vorgabe ab diesem Jahr vorsieht, dass Autokonzerne einen Grenzwert von durchschnittlich 95 Gramm CO2 pro Kilometer für ihre Flotten einhalten müssen.

Die Mobilitätswende wirkt sich auf die Produktionsbedingungen der Hersteller und ganzer Zulieferketten aus. Anlasser, Einspritzsystem, Tank oder Auspuff – alleine in der Antriebstechnik fallen beim Stromer zahlreiche Teile weg. Und damit möglicherweise Arbeitsplätze.

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Aber nicht nur die Produzenten sind unter Druck. Auch für Händler bedeuten neue Antriebe erhebliche Veränderungen. „Ladeinfrastruktur, Service, Werkstätten, Mitarbeiter – hier müssen wir überall investieren. Wir sprechen über eine siebenstellige Summe. Das ist durchaus riskant“, sagt Kai-Uwe Frank, Geschäftsführer des Audi Zentrums Dortmund.

Dabei ist man gut ein Jahr nach Marktstart mit den Verkaufszahlen im Haus zufrieden. Rund 50 Fahrzeuge mit Hybrid- oder reinem E-Antrieb hat man verkauft, der Großteil davon waren Etrons. „Letztlich waren wir von den Kundenreaktionen positiv überrascht“, sagt Frank. Insgesamt verkauft das Audi-Autohaus rund 1400 Fahrzeuge im Jahr. Zielsetzung für dieses Jahr: Jedes fünfte verkaufte Auto soll ein Hybrid- oder E-Fahrzeug sein.

Mit Audis Elektro-Oberklasse durch den Kreis Unna

Redakteur Christian Greis lässt sich von Verkaufsberater Thomas Heyra das Cockpit des Etron erklären. © Marcel Drawe

An den eigenen Modellen zweifelt man dabei nicht. Während einer Probefahrt mit Audi-Verkaufsberater Thomas Heyra fällt natürlich nicht nur das Straßenbahn-Geräusch des Wagens beim Entschleunigen auf. Wer im Alltag einen 20 Jahre alten Benziner fährt, fühlt sich in einem Auto wie dem Etron zunächst etwas verloren.

Drei Displays, kein Schaltknüppel, keine Kupplung und keine Rückspiegel: Wir sitzen in der Topversion und wer da über Bande nach hinten blicken will, muss in die Türverkleidung schauen. Hier sitzt auf Fahrer- und Beifahrerseite je ein Display, das das Bild zweier Kameras liefert, die statt eine Rückspiegels links und rechts der Windschutzscheiben nach hinten lugen. Unweigerlich fragt man sich, ob alles, was technisch machbar auch vonnöten ist.

Mit Audis Elektro-Oberklasse durch den Kreis Unna

Statt Außenspiegel hat der Audi auf Fahrer- und Beifahrerseite auf Wunsch je eine Kamera, die Bilder für je einen Bildschirm in der Türverkleidung liefert. © Marcel Drawe

Bis zu 436 Kilometer Reichweite verspricht Audi beim Modell mit 95-kWh-Akku. „Den Optimalwert werden Sie nicht erreichen“, sagt Thomas Heyra auf dem Beifahrersitz. Den Werbeversprechen des Herstellers hält er realistische Einschränkungen wie Außentemperatur, Fahrweise oder eine laufende Klima-Anlage entgegen.

Vor unserer Spritztour von Dortmund aus durch den Kreis Unna über Bergkamen, Unna, Holzwickede und zurück zeigt der Bordcomputer an einem nasskalten und trüben Wintertag 342 Kilometer Reichweite an. Gefahren sind wir letztlich 56 Kilometer und die Restreichweite des Akkus betrug mit Zieleinfahrt noch 281 Kilometer.

Beeindruckende Beschleunigung auf der Autobahn

Währendessen liefen allerlei elektrische Helferlein, zudem das Radio und die Klimaanlage. Und weil die A2 wider Erwarten erstaunlich große Lücken bot, musste der Boost-Modus getestet werden: Den Wahlhebel in der Mittelkonsole antippen, um in den S-Modus zu wechseln und der 2,5 Tonnen schwere Wagen schiebt sich lautlos auf der linken Spur am Verkehr vorbei.

Acht Sekunden lang setzt der Audi dabei 409 PS frei. Der Schub drückt den Fahrer leicht in den Sitz, die Beschleunigung ist beeindruckend. Der Boost dürfte den Akku bei Mehrfachgebrauch aber schneller leerziehen als ein hungriges Kälbchen das Euter seiner Mutter.

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Die Preismodelle beim Laden unterscheiden sich mitunter von Hersteller zu Hersteller. Audi bietet fürs Laden zwei Tarife mit unterschiedlich hoher monatlicher Grundgebühr für die City und Langstrecken. Ladevorgänge an einer AC-Station (22 kw) wie hier in Holzwickede kosten je 7,95 Euro. An schneller ladenden DC-Stationen (50kw) kostet eine Akku-Füllung 9,95. Der Langstreckentarif erlaubt zudem günstigeres Laden an ultraschnellen Ladestationen (150 kw). © Marcel Drawe

Die angezeigte Reichweite sei tatsächlich ein Argument, dem potenzielle Kunden zunächst skeptisch gegenüberstehen. „Der Bordcomputer wird ihnen aber immer auf den Kilometer genau die Reichweite anzeigen. Da gibt es keine bösen Überraschungen“, sagt Heyra.

Ob sich letztlich der reine E-Antrieb durchsetzt? „Unser Ziel ist durchaus, jedes Modell als Stromer anzubieten. Ob sich dann Hybridantriebe halten und welche Rollen Wasserstoff und Erdgas spielen, wird man sehen. Einen reinen E-Markt sehe ich aber schon aufgrund der Infrastruktur nicht“, sagt Händler Frank.

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Statt eines Motors findet der Fahrer unter der Haube beim Etron verschiedene Ladekabel. © Marcel Drawe

960 Mitarbeiter an 14 Betriebsstätten

Einer von Deutschlands größten Händlern

  • Aktuell beschäftigt Hülpert rund 960 Mitarbeiter an 14 Betriebsstätten in Dortmund, Unna, Soest, Bergkamen und Recklinghausen.
  • Jährlich verkauft die Hülpert-Gruppe rund 17.000 Fahrzeuge. Der Umsatz beläuft sich auf einen mittleren dreistelligen Millionenbereich.

Hier zeigen sich Variablen, auf die man keinen Einfluss hat. „Die Gefahr, dass Sie keine Ladesäule finden, sehe ich zwar nicht“, sagt Thomas Heyra und blickt auf das Navigationsgerät des Etron, das die nächsten Ladestationen anzeigt. „Es kann aber sein, dass eine öffentliche Säule schon besetzt ist. Und wenn heute 500 Einwohner eines Stadtteils gleichzeitig mit Hochvolt ihre Wagen laden würden, sehe es mit der Stromversorgung vor Ort kritisch aus.“

Dennoch sehen Kai-Uwe Frank und Thomas Heyra, dass die Mobilitätswende kommt. „Wir haben uns in der jetzigen Phase durchaus mutig positioniert. Wir glauben daran, dass E-Fahrzeuge ihren Platz haben“, sagt Frank. Der aber kein Audi-Händler wäre, würde er nicht auf den Antrieb verweisen, mit dem die Marke bis zum Abgasskandal die deutschen Autobahnen beherrschte.

Händler wollen den Diesel nicht abschreiben

Auch wenn der Diesel in der Öffentlichkeit kaum noch Kredit hat, bricht Frank eine Lanze: „Die neueste Generation filtert jegliche Partikel aus dem Abgassystem. Da kommt hinten fast nichts mehr raus. Was beim E-Auto oft ausgeklammert wird, ist der hohe Produktionsaufwand für die Batterien. Die neueste Dieselgeneration kann bei der Umweltbilanz mithalten.“

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