Weniger Mehrwertsteuer, mehr Konsum: Diese Formel verspricht Schub für die Wirtschaft. Womit Kunden rechnen können und welche Preissenkungen zu erwarten sind, zeigt der Überblick für Unna und Umgebung.

Kreis Unna

, 04.06.2020, 12:05 Uhr / Lesedauer: 3 min

Viel „Wumms“, so Bundesfinanzminister Olaf Scholz, steckt im Corona-Konjunkturpaket. Dazu gehört auch die Absenkung der Mehrwertsteuer ab 1. Juli für ein halbes Jahr. Der für Konsumgüter maßgebliche Satz von 19 Prozent sinkt auf 16 Prozent. Der ermäßigte Satz, der beispielsweise für Grundnahrungsmittel gilt, soll von 7 auf 5 Prozent fallen. Das rege den Konsum an und sei sozial gerecht ausgestaltet, weil die Mehrwertsteuer von allen gezahlt werde, so Bundeskanzlerin Angela Kanzlerin.

1120 Euro weniger für ein Auto bei Toyota

Wer eine teure Anschaffung plant, kann besonders profitieren. Im Toyota Center Kamen geht Leiterin Eva Muermann davon aus, dass der Autohandel die Senkung in vollem Umfang an die Kunden weitergibt. Dies sei wegen der eingebrochenen Nachfrage und des starken Wettbewerbs zu erwarten. Das Kamener Autohaus will die Senkung voll abziehen. Dann würde der Mittelklasse-Wagen Corolla 1120 Euro weniger kosten, der Kleinwagen Aygo 250 Euro weniger. „Ich verspreche mir einen starken Zuwachs der Verkaufszahlen“, sagt Muermann. Allerdings könnte der Juni bis zum Inkrafttreten der Senkung noch zur Durststrecke werden, weil Kunden jetzt mit dem Kauf zögern. „Die ersten Kunden haben auch schon gesagt, das sie jetzt erst am 1. Juli zum Unterschreiben kommen“, so Muermann.

Der in Bergkamen ansässige Möbelhändler Poco will die Preise in allen 125 deutschen Filialen senken.

Der in Bergkamen ansässige Möbelhändler Poco will die Preise in allen 125 deutschen Filialen senken. © Johannes Brüne

Möbelhändler Poco will Preise senken

Der Möbel-Discounter Poco, dessen Zentrale an der Industriestraße in Bergkamen-Rünthe steht, will die Mehrwertsteuersenkung in allen 125 Filialen in Deutschland umsetzen. Dadurch erhofft sich das Unternehmen zusätzliche Umsätze, wie eine Sprecherin sagte. Bereits nach der Wiedereröffnung am 20. April habe Poco einen sehr guten Kundenandrang erlebt – wenn die Preise mit der Mehrwertsteuer sinken, könnten der noch steigen, erwartet die Sprecherin.

City-Werbering Unna zurückhaltend

Thomas Weber, Vorsitzender des City-Werberings in Unna, äußert sich zurückhaltend. „Der Handel leidet massiv und nach wie vor. Die bisherigen Programme waren eher ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt der Geschäftsmann, der als „Der Hosenspezialist“ selbst im Textilhandel tätig ist. „Jetzt muss die Regierung etwas tun, denn unsere Läden sind von Gesetzes wegen zugemacht worden für fünf Wochen oder länger. Das hat sich niemand ausgesucht, und dafür muss man uns jetzt etwas an die Hand geben. Jede Hilfe sei willkommen, aber weit wird uns diese Mehrwertsteuersenkung nicht bringen. Drei Prozentpunkte weniger bei den Steuern – das ist für uns fast nichts. Und im Juli gehen wir ja auch schon wieder in die Sommerpause.“

Skepsis in der Modebranche wegen höherer Einkaufspreise

In der Boutique Herrenmoden Reichenbach & Neithart in Fröndenberg kann Inhaberin Dagmar Neithart keine Preissenkung in Aussicht stellen. Sie befürchtet, dass die Ware in der Textilbranche nach Corona ohnehin teurer werde. Ob China, Bangladesch oder Türkei: Die Einfuhr aus produzierenden Ländern sei eingebrochen. Selbst wenn sie tatsächlich eine Preissenkung an ihre Kunden weitergeben könnte, würden drei Prozentpunkte weniger Mehrwertsteuer bei einer Hose wohl kaum größeren Kaufanreiz bieten. „Ob eine Hose nun 89,99 oder 88 Euro kostet“, das mache für ihre Kunden kaum einen Unterschied.

Rewe-Markt in Unna: 30.000 Etiketten auswechseln oder die Preissenkung an der Kasse abziehen?

Rewe-Markt in Unna: 30.000 Etiketten auswechseln oder die Preissenkung an der Kasse abziehen? © Marcel Drawe

Kunden fragen bei Rewe nach Preissenkungen

Im Lebensmittel-Markt von Familie Engel in Unna-Massen tun sich gleich zwei Fragen auf. Eine ist ganz praktischer Art: ob der Rewe-Markt am Massener Hellweg in der Nacht zum 1. Juli 30.000 Etiketten wechseln muss oder ob Kundenaushänge und ein computergestützter Abzug der Steuerpunkte an der Kasse reichen.

Die schwierigere Frage dagegen dürfte die werden, ob die geringere Besteuerung des Mehrwertes zwischen Ein- und Verkaufspreis nun den Kunden oder den Händlern zugutekommt. Es ist die Frage, ob mit dem Mehrwertsteueranteil die Preise sinken oder die Margen der Händler steigen.

Geschäftsführer Alexander Engel vermutet, dass eine Frage dieser Tragweite bei Rewe zentral entschieden wird und nicht unbedingt von den Händlern vor Ort. Allerdings ist auch zu erwarten, dass die Marktmechanismen eine Rolle spielen: Eröffnet ein Anbieter mit Verweis auf die Mehrwehrtsteuersenkung ein Rabattfestival, geraten die Mitbewerber unter Zugzwang.

Kunden scheinen dazu eine klare Erwartung zu formulieren: Gleich am Montagmorgen fragten die ersten Käufer bei Rewe Engel, wann denn nun die Preise gesenkt werden. Alexander Engel wünscht sich zumindest eine Absichtserklärung von der Politik, ob die Mehrwehrtsteuerentscheidung im Konjunkturpaket den Verbraucher entlasten oder den Händler stärken soll. Für die Gastronomie ist so eine Zielsetzung formuliert worden. „Allerdings ist deren Lage nicht mit unserer zu vergleichen“, schränkt Engel ein. „Wir haben auf Hochtouren gearbeitet, den Mitarbeitern allerdings auch Corona-Prämien gezahlt.“

Gartencenter Röttger noch unentschlossen

Claudia Röttger weiß noch nicht, ob und wie sie die Mehrwertsteuersenkung in ihrem Gartencenter in Bergkamen-Overberge umsetzen kann. „Wir haben mehrere tausend Artikel, die auch noch saisonal wechseln.“ Jeder davon sei im Kassensystem mit einem eigenen Preis und dem Mehrtwertsteuersatz hinterlegt. Das zu ändern sei sehr aufwändig. Röttger will sich jetzt beim Berufsverband erkundigen, wie die Kollegen damit umgehen.

Reisemobile werden bei Syro preiswerter

Die Aussicht vieler Deutscher, den Sommerurlaub 2020 im eigenen Land auf dem Campingplatz zu verbringen, sorgt bei Syro Wohnmobile in Holzwickede bereits für Hochkonjunktur. „Überrannt werden wir zwar nicht, aber wir haben schon gut zu tun“, sagt Syro-Vertriebsmitarbeiter Mirko Franke. Für den Wohnmobil-Händler mit Sitz zwischen B1 und Flughafen Dortmund darf das Milliarden-Paket der Großen Koalition als Bonus verstanden werden. Und den will man auch an die Kunden weitergeben. „Die Mehrwertsteuersenkung war am Morgen im Gespräch mit Geschäftsleitung und Zulieferern erstes Thema. Wir werden intensiv werben“, hofft Franke, dass der Absatz ab Juli nochmals anzieht. Bei der Anschaffung eines entsprechenden Reisegefährts dürfte es sich also lohnen, noch etwas Geduld mitzubringen.

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