Elf Reporter sind zum Test-Einkauf ausgeschwärmt: Halten Supermärkte und Discounter in Unna, Kamen und Umgebung ihre Werbeversprechen und geben die in Kraft getretene Mehrwertsteuer-Senkung an die Kunden weiter?

Kreis Unna

, 01.07.2020, 18:37 Uhr / Lesedauer: 3 min

Für jeden Euro, der in der Supermarktkasse klingelt, sparen Kunden seit Mittwoch (1.7.) zwei Cent Mehrwertsteuer. Aber nur dann, wenn der Händler die in Kraft getretene Mehrwertsteuer-Senkung für Lebensmittel auf fünf statt sieben Prozent freiwillig an sie weitergibt.

Was ist von den Ankündigungen der Supermärkte und Discounter zu halten, dass sie die Mehrwertsteuer-Senkung durch niedrigere Preise umsetzen wollen? Elf Reporterinnen und Reporter haben eine Stichprobe gemacht. Sie kauften vor und am Stichtag einige Produkte ihrer Wahl ein. Anschließend haben wir die Preise aus elf Läden auf den Kassenzetteln verglichen.

Konjunkturpaket

Mehrwertsteuer-Senkung

Der Bundestag hat zur Konjunkturförderung eine Mehrwertsteuer-Senkung beschlossen. Vom 1. Juli bis zum 31. Dezember gilt in Deutschland ein reduzierter Mehrwertsteuersatz von 16 Prozent bzw. 5 Prozent. Der reguläre Mehrwertsteuersatz wird um 3 Prozentpunkte, der ermäßigte Steuersatz um zwei Prozentpunkte gesenkt.

Die Mehrwertsteuer-Senkung ist Teil des Corona-Konjunkturprogramms der Bundesregierung und gilt für ein halbes Jahr. Die Umsetzung im Handel ist freiwillig. Beim Einkauf fiel auf, dass sich vorab angekündigte Preisänderungen nicht überall auf den Etiketten auf Regalen und Produkten widerspiegeln. Das muss aber nicht bedeuten, dass die Händler die Senkung nicht weitergeben.

Bei Aldi wird auf Schildern am Eingang und an der Kasse darauf hingewiesen, dass an der Kasse drei Prozentpunkte abgezogen werden – das ist mehr als die Mehrwertsteuer-Senkung. Da alle Auszeichnungen an den Regalen wie gehabt sind, ist der tatsächlich gültige Preis für Kunden nicht ersichtlich. Anders ist das beispielsweise bei Lidl gelöst, wo die neuen Preise auf den Regalen stehen. Auf dem Aldi-Kassenbon stehen jeweils hinter den Produkten die reduzierten Preise, ein Abzugsbetrag ist nicht erkennbar.

Insgesamt sind zwei Mal je 32 verschiedene Produkte im Einkaufswagen der Reporter gelandet, vom Joghurt über Himbeeren bis hin zu Spaghetti. Eingekauft wurde das erste Mal im Zeitraum zwischen dem 25. und 30. Juni und das zweite Mal am Tag des Inkrafttretens der Mehrwertsteuer-Senkung am 1. Juli. Die Auswahl der Produkte richtete sich nach dem persönlichen Geschmack der Einkaufenden.

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Angenommen, dass die Supermärkte alle Produkte um zwei Prozentpunkte im Preis gesenkt haben, müsste sich das auch am Warenkorb der Reporter ablesen lassen. Bei ihrem ersten Einkauf vor der Mehrwertsteuer-Erhöhung gaben die Reporter insgesamt 69,84 Euro aus. Für den zweiten Einkauf am 1. Juli zahlten sie zusammen 68,59 Euro, das sind ungefähr 1,8 Prozent weniger als beim ersten Einkauf. Das kommt sehr nahe an die zwei Prozentpunkte heran, um die die Mehrwertsteuer gesenkt wurde.

Kassenbon aus einem Kamener Lebensmittelmarkt zwei Tage vor der Mehrwertsteuersenkung: Es wurden noch 19 Prozent bzw. der ermäßigte Satz von 7 Prozent aufgeschlagen.

Kassenbon aus einem Kamener Lebensmittelmarkt zwei Tage vor der Mehrwertsteuersenkung: Es wurden noch 19 Prozent bzw. der ermäßigte Satz von 7 Prozent aufgeschlagen. © Marcel Drawe

Auffällig ist allerdings, dass die Preise bei 20 der 32 eingekauften Artikel zwischen dem ersten und dem zweiten Testeinkauf unverändert geblieben sind. Dafür gibt es verschiedene Erklärungen. Erstens hatten einige Anbieter angekündigt, bereits vor dem 1. Juli die Preise zu senken, zum Beispiel Aldi ab 27. Juni. Es könnte also sein, dass die Reporter ihren ersten Vergleichseinkauf bereits tätigten, als die Preise schon abgesenkt waren. Zweitens wäre es möglich, dass die Anbieter ihre Preise beibehalten haben.

Bei Rewe an der Stehfenstraße in Holzwickede zum Beispiel fällt auf, dass „Harry Vollkorn-Toast“ und „Mama Lucia Spaghetti“ sowohl am 25. Juni als auch am 1. Juli unverändert für 1,29 Euro bzw. 99 Cent zu haben waren. Es steht weiterhin die Neun hinten – typisch für einen sogenannten gebrochenen Preis, der aus verkaufspsychologischen Gründen unter einer magischen Schwelle angesetzt ist.

Der Discounter Lidl hatte seine Preise schon Tage vor dem Geltungsbeginn der reduzierten Mehrwertsteuersätze reduziert. Die Regale sind von roten Hinweisetiketten übersät.

Der Discounter Lidl hatte seine Preise schon Tage vor dem Geltungsbeginn der reduzierten Mehrwertsteuersätze reduziert. Die Regale sind von roten Hinweisetiketten übersät. © Dirk Becker

Die Mehrwertsteuer-Senkung bricht aber solche verbreiteten Neuner-Preise. Das bedeutet: Wenn ein Produkt keinen gebrochenen Preis hat, kann das darauf hindeuten, dass der Preis nicht gesenkt wurde. Beispiel Lidl in Holzwickede: Funny Frisch Chips kosten bereits seit einigen Tagen 1,34 Euro statt 1,39 Euro. Aber auch wenn Rewe an der Stehfenstraße in Holzwickede weiter dasselbe für Toast und Spaghetti kassiert: der Bresso Schmelzkäse wurde von 1,79 Euro auf 1,76 Euro gesenkt.

Fazit der Testkäufer

Die Bilanz des Einkaufsexperiments: Der Warenkorb der Testkäufer war über alle Produkte und alle ausgewählten Geschäfte hinweg um 1,7 Prozent günstiger als vor dem Stichtag der Mehrwertsteuer-Erhöhung. Bezogen auf den Warenkorb haben die Anbieter also Wort gehalten. Verallgemeinern lassen sich die Testergebisse aber nicht, zumal auch Ausreißer im Warenkorb stecken. Haribo Goldbären wurden beispielsweise teurer, vermutlich weil der Käufer beim ersten Mal ein Angebot erwischte.

An Aldi-Regalen stehen die alten Preisauszeichnungen, auf Schildern wird auf einen Drei-Prozent-Abzug an der Kasse hingewiesen. Extra ausgewiesen ist dieser Abzug auf dem Kassenbon nicht, auf dem aber wohl der Mehrwertsteuersatz von 5 Prozent genannt wird.

An Aldi-Regalen stehen die alten Preisauszeichnungen, auf Schildern wird auf einen Drei-Prozent-Abzug an der Kasse hingewiesen. Extra ausgewiesen ist dieser Abzug auf dem Kassenbon nicht, auf dem aber wohl der Mehrwertsteuersatz von 5 Prozent genannt wird.

Wegen des hohen Wettbewerbsdrucks ist zu erwarten, dass die Handelsketten von Edeka über Lidl bis Norma es sich nicht erlauben können, die positiven Effekte der Mehrwertsteuer-Senkung für sich zu behalten. Aldi hat erklärt: „Um die beabsichtigte volkswirtschaftliche Wirkung der Bundesregierung zu verstärken, investieren Aldi Nord und Aldi Süd zusammengerechnet einen dreistelligen Millionenbetrag, indem sie auf Marge verzichten.“

Netto teilte mit: „Das Handelsunternehmen wird die steuerlichen Vorteile 1:1 an seine Kunden der über 4270 Filialen weitergeben. In der aktuellen Situation sollen damit Verbraucher entlastet und das Konsumklima in Deutschland gestärkt werden.“

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Rewe will bei über 5000 Artikeln des täglichen Bedarfs im gesamten Sortiment die Mehrwertsteuersenkung „vollständig“ an seine Kunden weitergeben. Bei über 1000 Artikel gingen die Preissenkungen noch „spürbar“ über die Mehrwertsteuersenkung hinaus. Dazu kämen wöchentlich wechselnde Preissenkungen im zweistelligen Prozentbereich. Auch Edeka und Lidl ziehen mit.

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