Mit einem groß angelegten Projekt bestimmen Naturschützer den Fischbestand in der Lippe: In Lünen ist dazu eine Reuse in den Fluss eingelassen, die die Helfer täglich unter die Lupe nehmen.

Kreis Unna

, 21.08.2018 / Lesedauer: 4 min

Auf ein besonderes Projekt des Landesfischereiverbandes haben sich Angler vom ASV Rünthe, vom ASV Bergkamen, vom ASV Werne-Lippetal, vom Fischereiverein Lünen und sowie Angler aus Datteln ebenso eingelassen wie der Fischereibeauftragte des Kreises Unna, Michael Prill: Sie kontrollieren täglich eine in der Lippe liegende Reuse. Die wurde Mitte April in Lünen Nahe Schloss Buddenburg installiert, um all die Fische zählen und vermessen zu können, die die Lippe in diesem Bereich hinaufsteigen. Weil die Fische das dortige Wehr mit dem Fischaufstieg umgehen können, muss tatsächlich jeder Fisch die dort liegende Reuse passieren.

Über den Fischbestand wird akribisch Buch geführt

4.20 Uhr am frühen Morgen: Michael Prill steigt in sein Auto, sammelt den Vorsitzenden des Fischereivereins Lünen auf und gemeinsam fahren die beiden nach Lünen-Altstedde. „Um diese Zeit sind das nur ein paar Minuten“, erklärt Prill. „Am Nachmittag ist hier nur Stau und wir bräuchten ewig.“ So ist es selbst im Hochsommer noch stockdunkel, als die beiden Männer an ihrem Ziel ankommen. Während Michael Prill in die Wathose steigt, damit er im hüfttiefen Lippewasser trocken bleibt, setzt Detlef Borzug die Kopflampe auf und öffnet das Tor. Prill steigt die Leiter hinab, öffnet die Schlösser an der Reuse, hebt den Deckel – und stöhnt: „Viel Kleinzeug“, gibt er eine erste Rückmeldung an Detlef Borzug, der zum einen das benötigte Equipment anreicht, zum anderen gleich aber auch die „Buchführung“ übernehmen wird. „Ein Aal ist aber auch drin“, freut sich Prill nach einem zweiten Blick.

Lippe: Naturschützer zählen Fische

Auch wenn „viel Kleinzeug“ drin ist: Jeder Fisch in der Reuse muss vermessen und erfasst werden. © Tatenhorst

Er fährt mit dem Kescher durch das Bassin hinter der Reuse, greift einen Fisch nach dem anderen und legt sie nacheinander in eine spezielle Vorrichtung, die an einen Messzylinder erinnert, der aber nicht rundherum geschlossen ist. Dann geht es los: „Ukelei 76 Millimeter, Rotauge 94, Ukelei 137“. Die Bestimmung der Fischchen fällt dem Fachmann in der Regel nicht schwer, doch bei einem ist er unsicher: „Das könnte ein Rapfen sein“, bittet er den Kollegen, ebenfalls einen Blick auf das zeigefingerlange Fischchen zu werfen. Zur Sicherheit wird ein Foto gemacht, dann darf der 87 Millimeter lange Fisch in der Lippe weiterschwimmen. Während der mit seinen 44 Zentimetern vergleichsweise stattliche Aal trotz aller Windungs- und Fluchtversuche vermessen wird, krabbelt eine Wollhandkrabbe aus dem Bassin. Auch die wird registriert und schnell vermessen, dann ist das an einen Taschenkrebs erinnernde Tier ebenfalls im Fluss verschwunden.

Ehrenamtliche Helfer aus Vereinen

Was Prill und Borzug an jedem Montag- und Freitagmorgen machen, übernehmen Angler der anderen Vereine an den übrigen Tagen. Die Gewässerwarte des ASV Rünthe, Thorsten Stein und Bastian Fickert, sind derzeit immer dienstags im Einsatz. „Wir machen das so gegen 17.30/18 Uhr nach der Arbeit“, verrät Bastian Fickert. „Wenn wir mal am Wochenende dran sind, machen wir das im Laufe des Vormittags.“ Der Quartalsplan gibt nur den Tag vor, an dem sie zur Schleuse müssen, keine genaue Zeit. Vor allem, wenn „Kleinfischgroßkampftag“ ist, wie Fickert es nennt, sind die ehrenamtlichen Reusenwarte durchaus zwei Stunden mit ihrer Aufgabe beschäftigt. 50 Fische einer Art müssen nämlich jeweils millimetergenau vermessen werden, erst dann reicht es, die übrigen, genau bestimmten Tiere zu zählen und nur ihre Anzahl in die akribisch geführte Liste einzutragen.

Für die Angler ist die Arbeit dennoch spannend: „Der schönste Fisch, den wir hatten, das war eine Meerforelle“, sagt Fickert. „Die war über 50 Zentimeter groß.“ Prill fand auch schon einen knapp einen Meter langen Wels in der Reuse, große Döbel und kleine Barben, die für die Lippe eigentlich der typische Fisch sind.

Lippe: Naturschützer zählen Fische

Die Reuse ist Teil eines aus EU-Mitteln finanzierten Projekts. © Tatenhorst

„Wir haben einen Teil der Lippe als Vereinsgewässer gepachtet und wissen, welche Fische es dort geben sollte“, erklärt der Gewässerwart des ASV-Rünthe, „aber es ist umso schöner, wenn man diesen Fisch dann auch tatsächlich im Original in der Reuse findet und wirklich einmal sieht.“ Dieses Wissen ist auch für die anderen Angler wichtig, die stets interessiert nachfragen, was es Neues von der Reuse gibt. „Es ist wichtig für uns, zu wissen, welche Fische es tatsächlich in der Lippe gibt“, sagt ASV-Rünthe-Vorsitzender Martin Müller. „Wir sind ja nicht nur Angler, sondern in erster Linie Natur- und Tierschützer, die Gewässer und Tiere hegen und pflegen.“ Und, so ergänzt Bastian Ficker: „Der Aussage, da sind doch eh keine Fische mehr drin, kann man nun mit Wissen begegnen.“

Doch auch Fickert hat es schon erlebt: „Es gibt Tage, an denen ist gar nichts in der Reuse.“ Dann greifen sie nur zum Schrubber und reinigen die Verstrebungen der Reuse von Wasserpflanzen und anderen Dingen, die die Strömung des Wassers mitgerissen hatte, und die sich an der Reuse verfingen.

Projekt läuft noch bis Mai 2019

Nach gut 50 Minuten sind Prill und Borzug an diesem Tag mit ihrer Arbeit fertig. Auch Prill säubert noch die Reuse, verstaut wieder alle Utensilien und klettert aus dem Wasser. Dieses Mal konnte er auf die Sturmhauben verzichten. „Normalerweise werden die Mücken vom Licht unserer Kopflampen angezogen und umschwirren uns die ganze Zeit“, weiß Prill. Nichtsdestotrotz ist ihm die Arbeit im Sommer lieber. „Mal schauen, wie es im Winter wird“, sagt der Mann, der gerade noch bis zum Bauch im Wasser stand. „Könnte kalt werden“, vermutet auch Detlef Borzug trocken. Im Moment sind beide mit ihrem Tagewerk jedoch zufrieden, bevor es zur Arbeit geht: „Es ist schön, wenn junge Fische da sind“, sagt Prill vor allem mit Blick auf die Barben. „Dann gibt es nämlich auch alte.“ Hecht, Wels oder Zander hatten sie heute zwar nicht in der Reuse, aber vielleicht wieder bei der nächsten Kontrolle. Denn bis Mai 2019 werden sie zweimal in der Woche hier sein.

Anlässlich des Tags des Fisches gibt es am Mittwoch, 22. August, eine öffentliche Reusenkontrolle. Interessierte sind in der Zeit von 10 bis 14 Uhr zum Zuschauen an der Fischaufstiegsanlage am Wehr Buddenburg am Berggarten in Lünen eingeladen. Parkmöglichkeiten finden sich in der Siedlung, ein Fußweg führt hinunter zur Lippe.
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