Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Lehrer im Kreis Unna sollen mit ihren Schülern auf Augenhöhe über Drogen reden können

dzDrogenfachkräfte

16 Lehrerinnen und Lehrer aus dem Kreis Unna sind jetzt zertifizierte Drogenfachkräfte. Dadurch soll an den Schulen direkt die Möglichkeit bestehen, an der Basis Aufklärungsarbeit zu leisten.

Kreis Unna

, 10.01.2019 / Lesedauer: 4 min

Es läuft Youtube. Zu sehen ist ein heftig gestikulierender junger Mann mit Sonnenbrille und Goldzähnen im Unterkiefer. „Bei dir läuft, deine Boys rauchen Joint vor der Kamera“, ist eine der Textzeilen aus dem Musikvideo. Der Song heißt „Mörder“ und der junge Mann ist Bonez MC, einer der am meisten gestreamten Künstler des vergangenen Jahres. Mit bürgerlichem Namen heißt er John-Lorenz Moser, ist 33 Jahre alt, kommt aus Hamburg und ist Millionär. Alleine dieses Youtube-Video hat mehr als 70 Millionen Aufrufe. Nach Einschätzung von Heike Reising gehört er zu den gefährlichsten Influencern für junge Menschen.

Warum fangen Kinder an, auf einmal intensiv zu kiffen?

Die Kriminalhauptkommissarin aus Dortmund hat sich intensiv mit der Frage befasst, warum Kinder plötzlich anfangen extrem zu kiffen. „Einer der Auslöser“, so ihre Erkenntnis „ist diese Musik“. Während es früher eher der Reggae gewesen sei, ist es heute der Deutschrap, der in den Cliquen gehört wird, die eher zum Drogenkonsum neigen. „Musik hatte zwar schon immer Einfluss auf junge Menschen, die Beatles zum Beispiel waren aber wesentlich weniger aggressiv“, sagt Reising. Zwei von drei Deutschrap-Songs enthalten Drogenthematik, beim Rest geht es oft um Gewalt, Hass auf die Polizei und die Herabwürdigung von Frauen. Das Publikum, dem Reising dieses Video vorspielt, sind 16 Lehrerinnen und Lehrer aus Schulen im Kreis Unna und das Video ist ein Teil der Fortbildung zur Drogenfachkraft. Es ist das erste Mal, dass diese Fortbildung im Kreis Unna angeboten wird. Das Curriculum liest sich zunächst trocken: Sucht und Suchtentstehung, neue und gängige Drogen, Recht und Gesetz und Methoden für den Einsatz im Unterricht.

Eintauchen in die Welt der Jugendlichen

Ein wesentlicher Bestandteil ist das Eintauchen in die Medienwelt der Jugendlichen. Das ist es auch, was die Teilnehmer angetrieben hat, an dieser Fortbildung teilzunehmen. Eine von ihnen ist Katja Pinkerneil-Hilff. Die Konrektorin der Ludwig-Uhland-Realschule in Lünen behandelt das Thema Drogen an ihrer Schule schon länger und gehört nun zu den ersten zertifizierten Drogenfachberatern des Kreises Unna. „Man darf bei der Thematik nicht stillstehen, sondern muss sich und das Kollegium und auch die Eltern auf dem neusten Stand halten“, erklärt sie. Es gehe darum, auf Augenhöhe mit den Schülerinnen und Schülern zu sein, „nur so kann man dran bleiben.“ An der Realschule wird das Thema Drogen in den achten Jahrgängen behandelt, dass dies nicht zu früh ist, zeigt ein Blick in des aktuellen Drogen- und Suchtbericht, wo sich in den letzten Jahren wieder ein deutlicher Anstieg des regelmäßigen Cannabiskonsums bei Zwölf- bis 17-Jährigen ablesen lässt.

Drogenkonsumfälle an Schulen nehmen zu

Nach Angaben des Landeskriminalamtes haben sich die Drogenkonsumfälle an Schulen in NRW zwischen 2011 und 2015 von 443 auf 897 mehr als verdoppelt. Offizielle aktuellere Zahlen sind derzeit nicht zu bekommen, doch Heike Reising spricht von einem sich fortsetzenden Trend: „Es ist enorm wichtig auch schon die 13- bis 14-Jährigen im Auge zu behalten. Das ist das Einstiegsalter.“ Insofern sei es umso wichtiger zu verstehen, was in den Köpfen von jungen Menschen in diesem Alter vor sich geht, welche Idole sie sich suchen und was diese verkörpern.

„Es ist enorm wichtig auch schon die 13- bis 14-Jährigen im Auge zu behalten. Das ist das Einstiegsalter.“
Heike Reising, Kriminalhauptkommissarin

Die Deutschrapper, auf die sie sich spezialisiert hat, sind fast alle vorbestraft und nutzen ihren Ruhm und ihre Bekanntheit dazu, ihre Produkte zu verkaufen. Denn sie machen nicht nur Musik, die sich die Jugendlichen umsonst bei Youtube anhören können, sondern liefern gleich ganze Kleidungs- und Accessoir-Kollektionen, die sich bestens verkaufen. Umso wichtiger also darüber aufzuklären, dass die Inhalte, die oftmals mit Drogen-Glorifizierungen an die Jugendlichen herankommen, nur Mittel zum Zweck sind: nämlich Geld zu machen.

Kinder eifern den falschen Idolen nach

Wenn die Kinder es ihren Vorbildern nachmachen, entstehen die Probleme. Wie sich das in der Praxis darstellt, kennt Reising aus dem Kreis Unna: „Das Seefest in Lünen ist der Albtraum aller Polizisten und Drogenberater, dort werden regelmäßig sehr viele junge Konsumenten angetroffen.“ Natürlich lasse sich nun nicht pauschalieren, dass alle Deutschrap-Hörer drogenabhängig werden, aber wenn ein Musikgenre sich dieses Attribut wie ein Wappen auf die Fahne schreibt, sei dies zumindest schon mal ein Anhaltspunkt. Grundsätzlich geht es bei der Weiterbildung zu Drogenfachkraft schließlich auch darum, Jugendkultur besser verstehen zu können, um die Lehrer in die Lage zu versetzen ihre Schüler auch auf diesem Level besser verstehen zu können. Denn nur durch Verständnis entstehen Gespräche und nur durch Gespräche lässt sich im Bedarfsfall auch Hilfe vermitteln.

Drogenkarrieren verhindern

Die Pioniergruppe der neuen Drogenfachkräfte, die sich in den vier Seminartagen ihr Zertifikat verdient hat, umfasst 16 Lehrerinnen und Lehrer weiterführender Schulen aus dem gesamten Kreisgebiet. Hintergrund dieser Fortbildung ist es, direkt an den Schulen Kompetenzen zu schaffen, Drogenthematik in der Schülerschaft zu erkennen und entsprechend damit umzugehen.

Die 16 Zertifizierten aus dem Kreis Unna

Andrea Mense, Förderzentrum Nord
  • Sabine Schwarz, Förderzentrum Selm
  • Uwe Rimbach, Tanja Dühlmann, Hansa-Berufskolleg Unna
  • Tatjana Müller, Anna Schuchtmann, Mana Sheida, Silke Zeyen, Heinrich-Bußmann-Schule Lünen
  • Armin Isken, Karl-Brauckmann-Schule Holzwickede
  • Annett Hochgreve, Katja Pinkerneil-Hilff, Ludwig-Uhland-Realschule Lünen
  • Philipp Schulze Böing, Märkisches Berufskolleg Unna
  • Isabell Kranz, Rolf Purzner,Realschule Oberaden
  • Dr. Brigitte Koch, Dr. Gudrun Schmeinck-Jung, Werkstatt-Berufskolleg Unna

„Es ist oftmals gar nicht nötig, bei Kleinigkeiten direkt die Polizei einzuschalten, sondern ein Vertrauensgespräch mit den Schülern kann da viel mehr bewirken“, sagt Volker Timmerhoff vom Kommissariat Kriminalprävention und Opferschutz der Kreispolizeibehörde Unna. Er begleitet das Seminar vonseiten der Polizei. Für die Suchthilfe im Kreis Unna ist Matthias Hundt dabei und weiß ebenso darum, wie wichtig ein Zugang zu den Jugendlichen ist. „Im besten Fall kommen nach einem Drogenvorfall an einer Schule Gespräche mit dem Elternhaus zustande und es wird ein Kontakt zu uns hergestellt.“

Optimalerweise lassen sich so durch Aufklärung und Gespräche spätere Drogenkarrieren verhindern. Bei der Aufklärung werden auch ganz bewusst die Eltern einbezogen. Oftmals ist ihnen gar nicht bekannt, was Sohn oder Tochter so konsumiert, medial und körperlich.

Schon für dieses Jahr ist eine weitere Fortbildung geplant.

Lehrer im Kreis Unna sollen mit ihren Schülern auf Augenhöhe über Drogen reden können

Als Bestandteil der Fortbildung werden den Teilnehmern auch pädagogische Werkzeuge an die Hand gegeben, mit denen sich Gruppen, wie Schulklassen, in spielerisch-dynamischen Übungen besser einschätzen lassen. © Christoph Schmidt

Lesen Sie jetzt