Nach der Pandemie im Schmallenbach-Haus mit 21 Todesfällen hat die Zeit der Nachbetrachtung begonnen. Landrat Makiolla und Heim-Chef Fleck sind am Dienstag verabredet. Im Vorfeld weist das Gesundheitsamt Kritik aus dem Heim zurück.

Fröndenberg, Unna

, 09.06.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Corona-Krankheitswelle mit 21 Todesfällen im Schmallenbach-Haus und zahlreichen infizierten Bewohnern und Beschäftigten ist überstanden. Durch Schutzmaßnahmen verhinderten Gesundheitsamt und Heimleitung, dass sich die Pandemie noch weiter in der Fröndenberger Pflegeeinrichtung ausbreiten konnte. Doch für über 60 Bewohner und mindestens 54 Mitarbeiter kamen alle Bemühungen zu spät. Sie wurden infiziert, viele erkrankten, 19 Bewohner und zwei Beschäftigte starben.

Wie das Virus in die Einrichtung kam, warum sich so viele anstecken konnten und ob und wie die tragischen Fälle hätten verhindert werden können, sind Fragen, die nach einer Antwort verlangen. „Wir sind alle nicht perfekt – für alle Beteiligten ist diese Krise eine neue und gewaltige Herausforderung. Keiner war auf die Pandemie vorbereitet“, sagte Geschäftsführer Heinz Fleck vor wenigen Tagen im Interview. Gleichzeitig betonte er, dass alle Vorsichts- und Schutzmaßnahmen seit Anfang März umgesetzt wurden, übte aber auch Kritik am Kreisgesundheitsamt, dass seiner Meinung nach nicht schnell genug alle Bewohner und Beschäftigten auf das neuartige Coronavirus getestet hat.

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Die Gelegenheit dazu, die Vorgänge aufzubereiten, Konsequenzen zu besprechen und für eine mögliche zweite Infektionswelle vorzusorgen, bietet sich jetzt bei einem Gespräch auf Führungsebene. Für Dienstag (9. Juni) ist ein internes Treffen zwischen Geschäftsführer Fleck und Landrat Michael Makiolla (SPD) angesetzt. Während Fleck sich im Vorfeld in dem Interview kritisch über das Gesundheitsamt geäußert hat, sieht sich die Behörde durch Interview-Aussagen des Heim-Chefs in ein falsches Licht gerückt. Bei dem Treffen können sich beide Seiten nun aussprechen.

Wie sehr die Kritik für Verstimmung bei den kommunalen Pandemie-Bekämpfern gesorgt hat, zeigt sich an einer E-Mail von Behördensprecherin Constanze Rauert an die Redaktion. Darin verlangt sie eine „Richtigstellung“ von sechs Interview-Aussagen Flecks. In einer weiteren E-Mail bezeichnet sie vier der sechs Aussagen Flecks als „falsch“.

Falsch ist es demnach, dass das Gesundheitsamt „lediglich für Testungen“ da war und nur „für telefonische Beratung“ zur Verfügung stand, wie Fleck erklärt hatte. Der Heim-Chef räumt auf Nachfrage unter anderem ein, dass das Gesundheitsamt Schutzausrüstung geliefert habe. Er bekräftigt, dass er sich mehr Unterstützung gewünscht hätte.

Constanze Rauert, Sprecherin Kreis Unna, verteidigt das Gesundheitsamt.

Constanze Rauert, Sprecherin Kreis Unna, verteidigt das Gesundheitsamt. © Kreis Unna

Auch die Aussage „Nur vier Beschäftigte wurden getestet“ wird von der Behörde als unwahr angesehen. Allerdings hat Fleck in dem Interview gar nicht bestritten, dass alle Beschäftigten getestet wurden, sondern sich auf erste Testungen in Haus 1 bezogen. Wörtlich hatte Fleck erklärt: „Zwei Tage nach Bekanntwerden des ersten Todesfalls wurde überhaupt erst mit Testungen begonnen – und dann auch nur bei nicht einmal der Hälfte der Bewohner. Nur vier Beschäftigte wurden getestet. Bis alle Bewohner und Mitarbeiter im Haus 1 getestet waren, hat es eine ganze Woche gedauert. Insgesamt hat es 13 Tage gedauert, bis uns der überwiegende Teil der Testergebnisse vorlag.“

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Das Gesundheitsamt stellt durch seine Sprecherin klar, dass es alle Beschäftigten und Bewohner des Schmallenbach-Hauses, und nicht nur in Haus 1, unabhängig von Krankheitszeichen ließ. Damit sei die Behörde über die zu diesem Zeitpunkt geltenden Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts hinausgegangen. Fleck hatte in dem Interview die Frage gestellt: „Wie kann es begründet sein, nur einen Teil der Bewohnerschaft zu testen?“

Der erste Bewohner mit Covid-19 war am 25. März im Krankenhaus verstorben, am 26. März informierte Fleck das Gesundheitsamt per Mail darüber, am 27. März erreichte der schriftliche Laborbefund die Behörde. Am selben Tag, 27. März, meldete die Behörde, dass sie in enger Abstimmung alle notwendigen Schutzmaßnahmen getroffen bzw. eingeleitet habe. Dazu gehörten Ermittlung und Isolierung möglicher Kontaktpersonen und andere Schutz- und Hygienemaßnahmen. Die Tests begannen am 28. März und wurden vom 31. März bis 2. April fortgesetzt. Viele Tests mussten wiederholt werden, als sich herausstellte, dass zunächst verwendete Teströhrchen aus einer Lieferung des Landes NRW ungeeignet waren – ein Fehler, den das Gesundheitsamt sich nicht zurechnen lassen will.

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In dem Interview problematisiert der Heim-Chef, ohne das Problem der Teströhrchen zu erwähnen, Verzögerungen bei den Corona-Tests. Das Schmallenbach-Haus habe nur mit Hilfe zeitnaher und lückenloser Testergebnisse geeignete Eindämmungsmaßnahmen, wie zum Bespiel Kohortenbildung, ergreifen können. Behördensprecherin Rauert verweist darauf, dass der Kreis Unna am 27. März erste Hygiene- und Schutzmaßnahmen verkündete und dass am 31. März die gesamte Einrichtung und das Schwesterhaus Hubertia unter Quarantäne gestellt wurde. Im Klartext: Das Vorliegen der Corona-Tests soll nicht entscheidend für den Schutz der Bewohner und Beschäftigten gewesen sein.

Heinz Fleck, Geschäftsführer des Schmallenbach-Hauses, mit einer Unterstützerin, die Stoff bzw. Kittel für das Pflegeheim bereitstellt.

Heinz Fleck, Geschäftsführer des Schmallenbach-Hauses, mit einer Unterstützerin, die Stoff bzw. Kittel für das Pflegeheim bereitstellt. © Schmallenbach-Haus/Archiv

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