Menschen fühlen sich von Lärm belästigt. Autos, Baustellen und Co. sorgen für enormen Krach und schaden der Gesundheit. Wir haben in Dortmund, Lünen, Castrop-Rauxel und Unna genau hingehört.

31.10.2018, 20:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Sobald Anne Meier* (Name geändert) ihr Fenster öffnet, hört sie das lästige Rauschen der vorbeifahrenden Autos. Vier Spuren befinden sich auf der Rheinischen Straße in Dortmund, die für ordentlich Betrieb sorgen – in Form von Lärm in der Wohnung von Frau Meier.

Als Verbindungsstraße zwischen der Dortmunder Innenstadt und den westlichen Stadtteilen ist hier stets viel los. Lässt Anne Meier ihr Fenster geschlossen, hat sie keine frische Luft, öffnet sie es, kommt der Lärm in die Wohnung, erklärt sie frustriert. Anne Meier arbeitet im Schichtdienst, Schlaf ist ihr sehr wichtig, sagt sie, doch Motorräder, Autos und Lkw sorgen für viel Lärm vor der eigenen Wohnung. „Am schlimmsten sind die Straßenbahnen. Die fahren ab drei Uhr morgens und sind noch lauter als die Autos“, erzählt sie.

Ohrenstöpsel zum Schlafen

Ein Umzug kommt für sie trotzdem nicht infrage, zu wohl fühlt sich die 28-Jährige in der Nähe des Stadtzentrums. Um in Ruhe schlafen zu können, benutzt sie meistens Ohrenstöpsel. Diese helfen ihr, besonders nach einer Nachtschicht, sind aber „nicht sonderlich bequem im Schlaf“. Bei geschlossenem Fenster sind tagsüber bis zu 60 Dezibel in Anne Meiers Wohnung nicht unüblich.

Dezibel? Das ist die Maßeinheit für Lautstärke, abgekürzt „db“. Wenn Anne Meier doch mal ihr Fenster öffnet, um frische Luft in ihre Zwei-Zimmer-Wohnung zu bringen, können es sogar bis zu 90 Dezibel werden, je nach Verkehrslage. Was so eine Lautstärke mit dem Menschen anstellt, und wie die Städte Dortmund, Unna, Castrop-Rauxel und Lünen mit dem Thema umgehen, klären unsere Fragen und Antworten.

Hier kommen Sie direkt zu den Fragen

Wo sind die größten Lärmstellen in den Städten der Region?

Was ist Lärm überhaupt?

Wie wird Lärm gemessen?

Wer sind die größten Lärmverursacher?

Was tun die Städte der Region für die Lärmminderung?

Wie gesundheitsgefährdend ist Lärm?

Kann sich das Gehör von starkem Lärm wieder erholen?

Was für Auswirkungen haben laute Geräusche auf Kinder

Wie kann man mit zu lauten Geräuschen umgehen?

Wie groß ist das Lärmproblem?

Wo sind die größten Lärmstellen in den Städten der Region?

Die Stadt Dortmund nennt hier die Ruhrallee und die Mallinckrodtstraße als Beispiele. Als Verbindungsstraßen zur Innenstadt liegt dort ein besonders lauter Lärmpegel vor. Auf der Lärmkarte von Nordrhein-Westfalen des Umweltministeriums NRW lassen sich dazu noch einige weitere Schwerpunkte ausmachen: das Autobahnkreuz Dortmund-West, die B1, der Wallring und weitere Verbindungsstraßen, wie zum Beispiel die Brackeler Straße und die Hohe Straße.

Auch in Unna befinden sich zahlreiche Lärmstellen. Lärmachsen, die sich dort durch das Stadtgebiet ziehen, sind vor allem die beiden Autobahnen und die B1. Auch Flugzeuge vom Flughafen Dortmund und Züge sorgen für kurzzeitige, aber extreme Lautstärken.

Der Straßenverkehr macht auch in Castrop-Rauxel einen Großteil des Lärms aus. Dort sind auch vor allem die Autobahnen A2, A42, A45, die B235 und die Bahnhofstraße als größte Krachmacher zu nennen.

In Lünen sind es vor allem die Bundesstraße 54 und 236, die mitten durchs Stadtgebiet führen und für Lärm sorgen. Aber auch die Kamener Straße, die Bebelstraße und die Gahmener Straße fallen auf der Lärmkarte besonders ins Auge.

Die Lärmkarte zeigt für ganz NRW anhand von farblichen Flächen, die Höhe der Lärmbelastung in den Kommunen. Die Karte besteht aus mehreren Teilkarten, die verschiedene Lärmquellen veranschaulichen. Darunter Straßenverkehr, Schinenverkehr, Flugverkehr und Industrieflächen. Dargestellt wird aber nur der durchschnittlich ermittelte Lärm über das Jahr, nicht die Spitzenwerte.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Lärmkarten von Dortmund, Unna, Castrop-Rauxel und Lünen

Dargestellt ist der Straßenverkehrslärm in den Städen im Tagesdurchschnitt. © LANUV NRW, © Straßen.NRW, © Geobasis.NRW, © BKG, © Planet Observer
30.10.2018
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Was ist Lärm überhaupt?

„Lärm ist die subjektive Bewertung von Geräuschen“, erklärt Thomas Myck, Leiter des Fachgebiets Lärmminderung beim Umweltbundesamt. Diese Geräusche entstehen durch Schwingungen und werden durch Schallwellen in der Luft verbreitet. Wie die Geräusche dabei empfunden werden, ist auch von der Lautstärke und der Tonhöhe abhängig. Grundsätzlich gilt aber: Je stärker der Ton, desto mehr Menschen empfinden diesen als Lärm. Trotzdem betont Myck: „Jeder Mensch nimmt Geräusche anders wahr. Dem einen gefällt laute Rock-Musik, einer anderen Person aber nicht. Diese nimmt die Geräusche, die dabei erzeugt werden, dann als Lärm wahr.“

In einer Studie des Bundesumweltministeriums aus dem Jahr 2014 heißt es, dass sich über 70 Prozent aller Deutschen von Lärm belästigt fühlen. Ab 85db besteht dabei die Gefahr eines Gehörschadens – das ist die ungefähre Lautstärke von starkem Straßenverkehr an einer großen Kreuzung.

Wie wird Lärm gemessen?

Der Verband der Hals-, Nasen-, Ohrenärzte bietet dazu die „LärmApp“ an, die man sich kostenlos auf das eigene Smartphone herunterladen kann. Mit ihr lassen sich Geräuschpegel messen, und es lässt sich eine Einordnung der Intensität vornehmen.

Wer sind die größten Lärmverursacher?

Hier sind insbesondere Fahrzeuge zu nennen. Autos verursachen bereits ab 40 km/h (50db) Rollgeräusche. Lastwagen sorgen bei gleicher Geschwindigkeit für eine rund zehn Dezibel lautere Geräuschkulisse. Flugzeuge (120db) und Züge (100db) sind ebenfalls sehr laute Lärmverursacher. Ebenso Baustellen, an denen mit Kreissägen (100db) oder Presslufthämmern (80db) gearbeitet wird. Unterschätzt werden bei den Lärmverursachern die Diskotheken und Konzerte (110db), aber auch einfache Haushaltsgeräte: Staubsauger können einen Lärmpegel von 80 Dezibel erreichen.

Was tun die Städte der Region für die Lärmminderung?

2014 hat die Stadt Dortmund erstmals einen Lärmaktionsplan erstellt. Dieser enthält eine Reihe von Maßnahmen, an deren Umsetzung schon gearbeitet wurde und auch immer noch gearbeitet wird, erklärt die Stadt. Zu diesen Maßnahmen gehören die Verlegung von lärmminderndem Asphalt, ein Förderprogramm für Schallschutzfenster an stark belasteten Straßen und die Einrichtung eines Lärmbeirats im Jahr 2017, der einen verbesserten Austausch zwischen Verwaltung, Bürgern und Politik bringen soll. Auch Tempo-30-Zonen könnten für eine Lärmminderung sorgen. Dort sieht die Stadt aber die Gefahr, dass der Verkehrslärm auf andere Straßen verdrängt wird.

Die Stadt Unna kann aktuell nicht viel zur Lärmminderung beitragen. Auch dort gibt es einen Lärmaktionsplan, doch es hapert an der Umsetzung der Maßnahmen. Wichtigste Maßnahme ist die Reduzierung der Höchstgeschwindigkeit auf Durchfahrtsstraßen wie der Friedrich-Ebert-Straße oder der Kleistraße. Problem ist, dass sich die Stadt dabei mit dem Träger der Straßenbaulast abstimmen muss. Der Landesbetrieb Straßen.NRW, der sich für den Verkehrsfluss und die Sicherheit auf den Straßen zuständig sieht, aber nicht für den Lärmschutz, lehnt Tempo 30 auf den Hauptstraßen in Unna daher ab.

Auch Castrop-Rauxel versucht Maßnahmen umzusetzen, die im Lärmaktionsplan festgelegt wurden, doch oftmals sind der Stadt die Hände gebunden. Informationen können dann nur an übergeordnete oder andere zuständige Behörden weitergegeben werden. Das Thema Lärmminderung ist dennoch schon seit 15 Jahren ein Thema in Castrop-Rauxel und wird sehr aktiv angegangen. In zähem Ringen hat die Stadt etwa erreichen können, dass die Lärmschutzwände am Hauptbahnhof in Rauxel errichtet wurden. Hier war die Bahn anfangs von viel zu wenig Lärmbetroffenen ausgegangen. Der Landesbetrieb Straßen.NRW hat die Lärmschutzwände entlang der A2 neu- und umgebaut, und die Decke der A2 erneuert. Auf der A42 wurde Splittmastixasphalt eingebaut, der lärmmindernd wirkt.

In Lünen hat Bürgermeister Jürgen Kleine-Frauns den Plan Lkw mittels Durchfahrtverbot aus der Innenstadt herauszuhalten. Bei diesem Vorhaben hat der Landesbetrieb Straßen.NRW allerdings Bedenken angemeldet.

Wie gesundheitsgefährdend ist Lärm?

Schon 2011 fand die Weltgesundheitsorganisation (WHO) heraus, dass Verkehrslärm zum Verlust von über einer Million gesunden Lebensjahren im Jahr führt – sei es durch Erkrankung, Behinderung oder vorzeitigen Tod. Woran das liegt? Das menschliche Gehör arbeitet durchgehend. Über 15.000 Ohrzellen fangen jede Schallwelle eines Tons ab, verarbeiten diese und schicken sie ans Gehirn.

Wer regelmäßig Lärm ausgesetzt ist, sollte sein Gehör schützen, denn Hörschäden – auch bei kurzen lautstarken Geräuschen – sind keine Seltenheit. Die Arbeitsschutzverordnung schreibt bei Personen, die bei der Arbeit regelmäßig einem Lärmpegel von über 85 Dezibel ausgesetzt sind, einen Gehörschutz vor.

Dadurch, dass das Ohr stets wach ist, gelangt Lärm auch unbewusst in den Körper – selbst im Schlaf. Das kann Stresshormone auslösen, die den Blutdruck erhöhen. Eine mögliche Folge: Kreislauf- und Herzerkrankungen. Deshalb hat die WHO Anfang Oktober neue Richtlinien für Lärm ausgegeben. Freizeitlärm wie Nachtclubs, Kneipen, Fitnesskurse, Konzerte und ähnliche Unternehmungen sollten eine Lärmbelastung von 70 Dezibel im Jahresdurchschnitt nicht überschreiten. Die durchschnittliche Lärmbelastung im Straßenverkehr soll 53 Dezibel nicht überschreiten. Beim Schienenverkehr sollten es nicht mehr als 54 Dezibel sein und der Flugverkehr soll die Grenze von 45 Dezibel nicht passieren.

Kann sich das Gehör von starkem Lärm wieder erholen?

Vor allem bei besonders hohen Tönen entstehen Hörverluste. Haarzellen, die sich im Innenohr befinden und für die Aufnahme von Tönen zuständig sind, können bei zu lauten Geräuschen absterben. Eine Möglichkeit zur Genesung der Hörfähigkeit gibt es danach nicht mehr.

Was für Auswirkungen haben laute Geräusche auf Kinder?

Insbesondere Kinder können erhebliche Beeinträchtigungen erleiden, wenn sie durch Lärm in der Schule abgelenkt werden. „Vor allem Kinder in Grundschulklassen laufen da Gefahr. Sobald Kinder den Lehrer nicht verstehen, weil sie durch Lärm abgelenkt werden, kann das Lernstörungen verursachen“, sagt Thomas Myck vom Umweltbundesamt.

Wie kann man mit zu lauten Geräuschen umgehen?

Myck sieht die Notwendigkeit, etwas gegen Lärm zu tun, vor allem beim Verursacher: „Verkehr sollte vermieden werden. Statt den PKW zum Einkaufszentrum um die Ecke zu nehmen, sollte man zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad fahren.“ Dennoch gibt es auch für Betroffene Möglichkeiten, Lärm vorzubeugen. Dazu gehören einfachste Mittel wie Ohrstöpsel, die bei Live-Konzerten oder in einer Diskothek einen guten Schutz liefern. Auch ein Hörschutz kann bei der Verwendung von lauten Geräten wie einem Rasenmäher helfen. Beim Kauf eines Elektrogeräts rät das Umweltbundesamt dazu, auf lärmarme Maschinen zu setzen.

Wie groß ist das Lärmproblem?

Im Vergleich zu anderen Kommunen in NRW sieht die Stadt Dortmund keine besondere Problemlage. Dennoch ist man sich bewusst, dass insbesondere der Straßenverkehr ein Hauptproblemfeld darstellt. Laut des Lärmkartierungsberichts aus dem Jahr 2017 waren schätzungsweise 104.735 Wohnungen, 132 Schulgebäude und 15 Krankenhausgebäude in Dortmund einem Lärmpegel von über 55 Dezibel ausgesetzt – nur durch den Straßenverkehr.

In Castrop-Rauxel ist ebenfalls der Straßenverkehr ein starker Lärmverursacher: Nach der jüngsten Datenerhebung der Lärmquellen an den Autobahnen, am Altstadtring, an der Oststraße, der Mengeder Straße, der B 235, der Dortmunder Straße und der Recklinghauser Straße gelten 159 Bürger als Betroffene, weil sie tagsüber Lärm von über 70 dB ausgesetzt sind. 341 sind nachts von Lärm über 60 dB ausgesetzt. *Name geändert

ERKLÄRUNG

AUCH DIE TONHÖHE IST ENTSCHEIDEND - WAS BEDEUTET DAS „HERTZ“?

Wenn man von der Lautstärke eines Tons spricht, ist Dezibel die Einheit, um diesen einzuordnen. Geht es jedoch um die Tonhöhe, wird diese in „Hertz“ (abgekürzt: Hz) gemessen. All das, was das menschliche Ohr hört, sind Schallwellen. Der Ton, den der Mensch dann hört, bestimmt sich anhand der Menge der Schallwellen. Hier gilt: eine Schallwelle ist ein Hertz. Junge Erwachsene können Frequenzen von 20 bis 20.000 Hertz aufnehmen. Aber bereits mit 50 Jahren können die meisten Personen eine Tonhöhe von 12.000 Hertz schon nicht mehr wahr nehmen und leiden unter Hörproblemen. Das menschliche Gehirn empfindet dabei hohe Frequenzen als deutlich lauter als tiefe Frequenzen.
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