Kritik an Kita-Plänen: Warum nicht feste Kleingruppen für alle Kinder?

dzKinderbetreuung im Kreis Unna

Wann ihre Kinder wieder zur Kita gehen können, ist für viele Eltern trotz aller Corona-Lockerungen weiter völlig ungewiss. Die Empörung wächst, die Verzweiflung auch. Eine Expertin empfiehlt den Blick über die Landesgrenzen.

Kreis Unna

, 12.05.2020, 17:37 Uhr / Lesedauer: 2 min

Trotz der geplanten Ausweitung der Notbetreuung in den Kitas bleiben viele Kinder weiter außen vor – und ihre Eltern in der misslichen Lage, ihre Arbeit um die Betreuung herum organisieren zu müssen. Die Ankündigung von Familienminister Dr. Joachim Stamp (FDP), wonach alle Kinder vor der „Sommerpause“ noch wenigstens zwei Tage in die Kita gehen dürften und ein eingeschränkter Regelbetrieb erst für September in Betracht komme sowie das Setzen auf privat organisierte Betreuung, haben viele betroffene Eltern als Schlag ins Gesicht empfunden. Frei nach dem Motto: „Seht zu, wie ihr klar kommt.“

Nach einem offenen Protest-Brief des Landeselternbeirats der Kindertageseinrichtungen relativierte Minister Stamp zwischenzeitlich, der eingeschränkte Regelbetrieb solle beginnen, „so schnell es geht und verantwortbar ist“, gerne auch schon vor September.

Unverständnis bei Eltern wächst – Debatte gewinnt an Schärfe

Doch im Lichte zahlreicher Corona-Lockerungen wie etwa der Wiederöffnung von Spielplätzen, Zoos und Restaurants wächst das Unverständnis über das Kita-Konzept der Landesregierung weiter. Aus Sicht von Dr. Sonja Blum birgt es neben den Problemen für die direkt betroffenen Kinder und Eltern auch gesamtgesellschaftliches Spaltungspotenzial.

Die 36-jährige gebürtige Fröndenbergerin ist Politikwissenschaftlerin an der Fernuniversität Hagen, sie forscht und lehrt seit Jahren zu Familienpolitik. Die jüngst verkündeten Regeln, wonach etwa Kinder von Hartz-IV-Empfängern ab Donnerstag (14. Mai) zurück in die Kitas dürfen, haben aus ihrer Sicht „das Potenzial, Gruppen gegeneinander auszuspielen“. Arbeitslose Eltern sind schließlich zuhause, was in Netzwerken wie Facebook zu kontroversen Debatten geführt hat. Trotzdem haben Kinder von Arbeitslosen, oft in beengten Verhältnissen lebend, unbestritten einen großen Bedarf, wieder an frühkindlicher Betreuung und Förderung teilzuhaben. Wie eigentlich alle Kinder; etwa auch die Einjährigen, die bei der Tagespflege noch außen vor bleiben, oder eben die Kinder von Eltern, die weiterhin als nicht „systemrelevant“ gelten. Unterschiedliche Vorgehensweisen in den Bundesländern – Sachsen öffnet die Kitas schon ab dem nächsten Montag für alle Kinder wieder – tragen ihr Übriges zur Polarisierung der Debatte bei.

„Ganzheitlicher Blick“ auf Kinder und Eltern fehlt

In NRW fehlt aus Sicht der Politikwissenschaftlerin Blum der „ganzheitliche Blick“ auf Kinder und Eltern. „Eigentlich hat frühkindliche Betreuung ganz anders ausgesehen, jedes Kind hat ab dem ersten Lebensjahr einen Rechtsanspruch darauf“, erinnert Blum.

Deshalb müsste ihrer Einschätzung nach auch eine Lösung gefunden werden, wie unter Corona-Gesichtspunkten alle Kinder in das System einbezogen werden könnten, freilich unter Berücksichtigung des Infektionsschutzes und nicht in dem zeitlichen Umfang wie vor Ausbruch der Krise.

In Dänemark sind die Kitas und Schulen längst wieder geöffnet

Sie empfiehlt in diesem Zusammenhang den Blick ins europäische Ausland. Viele Länder in Europa hätten Kitas und Grundschulen bei den frühen Öffnungsprioritäten berücksichtigt. In Dänemark sind Krippen, Kindergärten und Schulen bis zur fünften Klasse etwa schon seit dem 15. April wieder offen. Freilich unter strengen Auflagen: Sechs Quadratmeter soll in Kitas jedes Kind zur Verfügung haben, einige Gemeinden in Dänemark können deshalb nur einen Teil der Kinder betreuen.

Kontakte können besser nachvollzogen werden als auf dem Spielplatz

Blum, die selbst Mutter von zwei kleinen Kindern und damit direkt betroffen ist, schlägt ein solches Modell auch für Deutschland vor: „In festen Kleingruppen von fünf bis zehn Kindern könnte tageweise oder im Wochenrhythmus allen Kindern wieder frühkindliche Bildung ermöglicht werden, was gleichzeitig berufstätige Eltern entlasten würde.“

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Eltern und Kindern wäre ja schon damit geholfen, wenn ein Betreuungsangebot für einige Stunden am Tag oder bestimmten Tagen in der Woche geschaffen würde. In der Kita, betont Blum, könnten zudem sämtliche Kontakte nachvollzogen werden – anders als etwa auf den bereits geöffneten Spielplätzen.

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