Damit das Thema Zwangsehe nicht im Verborgenen bleibt

dzNetzwerk gegen Zwangsheirat

Oft muss es zum Äußersten kommen, bis das Thema Zwangsehe in die Öffentlichkeit gelangt – zum Ehrenmord. Seit zehn Jahren leistet das Netzwerk im Kreis Unna Aufklärungsarbeit.

Kreis Unna

, 14.11.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es war der Mord an Hatun Sürücü, die in Berlin auf offener Straße von ihren Brüdern getötet worden war, nachdem sich 2005 das Wort „Ehrenmord“ etablierte. Die Hintergründe, die zu dieser Tat führten, bestehen schon länger als dieser Begriff, wesentlich länger. Doch dies war ein Zeitpunkt, an dem die Frage in vielen Köpfen auftauchte: Wie kann es sein, dass ein nicht fassbarer Begriff wie Ehre über das Leben der Schwester, der Tochter gestellt wird?

Konflikt mit dem modernen westlichen Lebensstil

Hatun Sürücü strebte wie so viele andere junge Frauen einen modernen, westlichen Lebensstil an, der im stetigen Konflikt mit den traditionsgebundenen Vorstellungen innerhalb ihrer Familie stand. Vorstellungen von einer Rolle der Frau, die nicht mitreden darf, was sie lernen will, wen sie treffen, wen sie heiraten möchte. Aus diesen Fragen entwickelte die Autorin und Schauspielerin Sema Meray das Theaterstück: „Wegen der Ehre“, das im November 2007 erstmalig im Kreis Unna vor Schülern ab der Jahrgangsstufe 9 aufgeführt wurde.

In dem Stück geht es um eine Deutschtürkin, die nach der Trennung von ihrem Ehemann in Köln das normale Singleleben einer jungen Frau in einer Großstadt lebt. Ihr Vater hingegen empfindet ihr Verhalten als Familienschande. „Das hat im Anschluss an die Aufführung sehr intensive Diskussionen auch in der Schülerschaft ausgelöst“, erinnert sich Sevgi Kahraman-Brust vom Kommunalen Integrationszentrum Kreis Unna. Gemeinsam mit den Gleichstellungsbeauftragten der Städte und Gemeinden gehörte sie 2008 zu den Gründungsmitgliedern des Netzwerks „Wegen der Ehre“ gegen Zwangsheirat und Gewalt in der Familie. Zehn Jahre sind seitdem vergangen, und wenn es eine Essenz aus dieser Zeit gibt, formulieren die Netzwerkerinnen diese so: „Das Wichtigste ist, am Ball zu bleiben, Öffentlichkeit für die Themen Zwangsheirat und Ehrenmord herzustellen und zu sensibilisieren.“

Das Netzwerk

Vielfältige Beteiligung

Zum Netzwerk „Wegen der Ehre“ gegen Zwangsheirat und Gewalt in der Familie im Kreis Unna gehören: Die Gleichstellungsbeauftragten der Städte und Gemeinden, sowie das Kommunale Integrationszentrum Kreis Unna Das Frauenforum im Kreis Unna Das Multikulturelle Forum „In Via“ Unna, kath. Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit im Bezirk Unna Das Integrationsbüro der Stadt Lünen Das Kommissariat Kriminalprävention/Opferschutz der Kreispolizeibehörde Unna

Folgen oftmals im Verborgenen

Wenn es nämlich nicht zum absolut Äußersten kommt, dem Mord, bleiben die Folgen – gerade für die jungen Frauen – oftmals im Verborgenen. Doch habe in den vergangenen Jahren schon eine Menge an Sensibilisierungsarbeit gerade für Lehrkräfte dazu beigetragen, bestimmte Situation oder Verhaltensauffälligkeiten besser deuten zu können. „Ich habe den Verdacht, dass eine Schülerin nach den Sommerferien aus dem Urlaub nicht wieder kommt. Ich habe so komische Bemerkungen übers Heiraten und so gehört. Was kann ich denn jetzt tun?“ – genau solche Fragen sind es, die in den Fachberatungsstellen in den Wochen vor den Sommerferien immer wieder gestellt werden.

Die Fälle gibt es in jeder Stadt

„Das ist natürlich ein Tabuthema und der Zugang zur Familie kann schwierig sein. Um genau solche Anfragen rasch an die richtigen Fachstellen vermitteln zu können, ist unsere Netzwerkarbeit so wichtig. Da haben wir in den letzten zehn Jahren schon einiges aufgebaut“, erklärt Kahraman-Brust. Nahezu jede der im Netzwerk zusammengeschlossenen Gleichstellungsbeauftragten kann aus dem Stand von einem Fall berichten, in dem derartige Anfragen aus ihren Kommunen gestellt worden sind.

Damit das Thema Zwangsehe nicht im Verborgenen bleibt

Die Netzwerkerinnen: (v.l.) Kerstin Luttrop, Kristin Heitauer, Martina Grothaus, Heidi Bierkämper-Braun, Gabriele Kuschyk, Birgit Mescher, Sevgi Kahraman-Brust, Martina Bierkämper und Birgit Wippermann.

Fachtag offen für alle Interessierten

Natürlich stünden bei diesen Fällen die jungen Frauen im Mittelpunkt, aber es gehe letztlich darum, die gesamte Situation in der Familie besser zu verstehen und darauf eingehen zu können, was die konsequente Netzwerkarbeit so wichtig mache. Daher ist auch der Fachtag zum Zehnjährigen offen für alle Interessierten, die sich auf diesem Gebiet informieren wollen. Ein wichtiger Bestandteil der Informationsarbeit auf diesem Gebiet bestehe nämlich darin, das Thema Zwangsehe nicht nur als Migrationsproblem zu verstehen, sondern grundsätzlich Gewalt in der Familie vorzubeugen.

Auch Homosexualität spielt eine Rolle

„Die Mädchen stehen natürlich als Betroffene im Vordergrund, aber auch die Jungen werden ja schließlich zur Heirat gezwungen“, sagt Birgit Mescher, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Fröndenberg. Auch das Thema Homosexualität spiele in diesen Fällen oftmals eine große Rolle dadurch, dass die individuellen Entwicklungswünsche der Kinder in Familien unterdrückt würden. Man müsse schließlich in Deutschland nur ein paar Generationen zurückschauen, um Fälle zu finden, in denen schon Beziehungen zwischen jungen Menschen aus evangelischen und katholischen Familien ein Problem dargestellt hätten – und auf dem Lande die eine Bauerstochter mit dem Sohn des Bauern vom Nachbarhof vermählt wurde.

  • Zum zehnjährigen Bestehen richtet das Netzwerk am Mittwoch, 28. November einen Fachtag aus.
  • Das Thema der Veranstaltung lautet: „Drohende Zwangsverheiratung erkennen und richtig handeln“. Der Fachtag von 9.45 bis 16 Uhr in der Aula des Hellweg-Berufskollegs, Platanenallee 18 in Unna, setzt sich aus diversen Fachvorträgen, Kabarett und Workshops zusammen.
  • Der Fachtag richtet sich vor allem an Fachkräfte in der Beratung. Grundsätzlich Interessierte und Aktive in Bereich Flucht und Migration sind ebenfalls herzlich willkommen. Es sind noch Teilnehmerplätze frei. Anmeldeschluss ist Freitag, 16. November. Ansprechpartnerin hierfür ist Sevgi Kahraman-Brust vom Kommunalen Integrationszentrum Kreis Unna, erreichbar unter sevgi.kahraman-brust@kreis-unna.de oder telefonisch unter 0 23 07 / /9 24 88 74. Die Teilnahme ist kostenfrei.
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