Seit 30 Jahren ist die Schuldnerberatung der Awo für viele Menschen im Kreis Unna der Rettungsanker in einer finanziellen Krise. Die Hemmschwelle ist immer noch hoch, der Bedarf wächst.

von Gabriele Hoffmann

Kreis Unna

, 12.10.2018, 13:23 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es sind nicht nur Menschen, die einfach nicht mit Geld umgehen können, die in die Schuldenfalle geraten. Manchmal hilft es einfach nicht, jeden Euro zweimal umzudrehen, bevor man ihn ausgibt. Für die persönliche Pleite gibt es viele Gründe. Das war vor 30 Jahren genauso wie heute. Damals hat die Arbeiterwohlfahrt (Awo) im Kreis Unna die Schuldnerberatung ins Leben gerufen – und seitdem Tausenden von Menschen geholfen. Heute ist das Angebot wichtiger denn je, denn der Beratungsbedarf steigt stetig. Und damit auch die Anforderungen an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Denn die Verlockungen, zu viel Geld auszugeben oder falschen Versprechen auf den Leim gehen, werden ebenfalls mehr.

Konto leer, Strom abgestellt: Wie die Finanzexperten der Awo aus der Schuldenfalle helfen

Etwas mehr Männer als Frauen und vor allem diejenigen im Alter von 30 bis 50 Jahren zählte die Awo-Schuldnerberatung 2017 zu ihrem Kundenkreis. © Awo-Schuldnerberatung Kreis Unna

Gründe, in die Schuldenfalle zu rutschen, können Krankheit, Arbeitslosigkeit, Trennung, gescheiterte Existenzgründung oder eben doch eine unwirtschaftliche Lebensführung sein. Ein teurer Urlaub, obwohl das Konto fast leer ist, neue Möbel, ein Auto – Luxusgüter auf Pump kaufen und plötzlich die Stromrechnungen nicht mehr bezahlen können: Auch das gibt es.

Häufig geraten Menschen auch nach einer Scheidung in die Krise. Dann sind es vor allem die Elternteile, die plötzlich allein mit den Kindern da stehen. Da reicht schlimmstenfalls auch das Kindergeld nicht mehr, um den Schulausflug zu bezahlen.

Konto leer, Strom abgestellt: Wie die Finanzexperten der Awo aus der Schuldenfalle helfen

Wenig überraschend: Wer arbeitslos ist, hat wenig Geld - und gerät schneller in die Schuldenfalle © Awo-Schuldnerberatung Kreis Unna

Was hat sich in den 30 Jahren verändert? Die Leiterin der Zentralen Schuldnerberatung im Kreis Unna, Sandra Bartsch, nennt vor allem die äußeren Reize. Die Werbung sei aggressiver geworden. Angebote mit Null-Prozent Finanzierung machten es den Kunden vermeintlich leicht. Verändert hat sich auch die Klientel. Mittlerweile kommen viele Anfragen von Flüchtlingen. Sie haben oft Schwierigkeiten mit ihren Rechtsgeschäften umzugehen.

Mobilfunkverträge sind immer noch ein Thema – trotz Flatrates. Wie kann das sein? „Handyverträge kann man auch auf dem Kapitalmarkt nutzen“, sagt Bartsch. In dem man einen Vertrag abschließt, der ein neues Gerät beinhaltet. „Und das wird dann weiterverkauft.“

Konto leer, Strom abgestellt: Wie die Finanzexperten der Awo aus der Schuldenfalle helfen

Alleinlebende, Alleinerziehende und Familie mit Kindern sind am häufigsten von Verschuldung betroffen. © Awo-Schuldnerberatung Kreis Unna

Allerdings gibt es heutzutage auch mehr Möglichkeiten mit den Schulden umzugehen. 2010 wurde beispielsweise das Pfändungsschutzkonto eingeführt. So sind Einkünfte bis zu einem gewissen Betrag geschützt. So werden beispielsweise Sozialleistungen unpfändbar. Wer ein kleines Einkommen hat, fällt meistens unter diese Grenze. Außerdem haben Verschuldete die Möglichkeit eine Privatinsolvenz anzumelden.

Konto leer, Strom abgestellt: Wie die Finanzexperten der Awo aus der Schuldenfalle helfen

Mehr als jeder zehnte Haushalt im Kreis Unna ist überschuldet. © Awo-Schuldnerberatung Kreis Unna

Die erste Frage in einer Beratung sei immer die nach Mietrückständen, erklärt Sandra Bartsch. Je früher der Betroffene kommt, desto besser kann ihm geholfen werden. Möglicherweise gibt es über das Jobcenter ein Darlehen über Stromrückstände. Oder mit dem Vermieter wird eine Ratenzahlung vereinbart, um eine Kündigung zu vermeiden.

Sandra Bartsch weiß, dass die Hemmschwelle, sich Unterstützung zu suchen, nach wie vor sehr hoch ist. Sie appelliert deshalb eindringlich an Betroffene, ohne Scham in eine der Beratungsstellen zu kommen. Und damit spricht sie keine bestimmte Gruppe an. „Die Überschuldung zieht sich durch alle sozialen Schichten und Altersgruppen.“

Konto leer, Strom abgestellt: Wie die Finanzexperten der Awo aus der Schuldenfalle helfen

Der Bedarf steigt und steigt: So viele Beratungen wie 2017 gab es für die Schuldnerberater der Awo im Kreis Unna noch nie. © Awo-Schuldnerberatung Kreis Unna

  • Die größte Gruppe derjenigen, die in die Beratungsstellen kommen, sind Menschen ohne Job (2017=354). Es folgen Angestellte (2017=327). Hausfrauen, Studenten und andere suchten 129 Mal im vergangenen Jahr Rat.
  • Der Beratungsbedarf steigt stetig an. In ihrer Festschrift betrachtet die Schuldnerberatung den Zeitraum von 1995 bis 2017. In dieser Zeit stiegen die Beratungen von Jahr zu Jahr von anfangs 350 auf zuletzt 1813 an.
  • Die Altersgruppe der 30 bis 39-Jährigen ist am stärksten betroffen. Mehr Männer als Frauen kommen in die Beratung. Von ihnen leben die meisten allein. Verheiratete oder in einer Partnerschaft mit Kindern Lebende stellen die nächstgrößere Gruppe der Klienten.
  • Im Vergleichszeitraum steigt die Höhe der durchschnittlichen Verschuldung von 20.000 Euro auf 40.000 Euro im Jahr 2010 und ist seitdem auf etwas unter 40.000 Euro gesunken.
  • Wer sich näher über die Schuldnerberatung informieren und Kontakt aufnehmen will: Tel. (02307) 92488-0, E-Mail schuldnerberatung@awo-un.de, oder hier klicken.
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