Kleingärten sind bei jungen Paaren und Familien beliebt

dzKleingärtner im Kreis Unna

Wer denkt, dass Kleingärten spießig sind und nur etwas für alte Leute, der liegt daneben. Und zwar weit daneben. Die Kleingartenbesitzer im Kreis Unna werden immer jünger.

Kreis Unna

, 03.08.2018 / Lesedauer: 4 min

„Es war fast wie ein Jobinterview“, erzählt der frischgebackene Kleingartenbesitzer Alexander Lukaczyk. Seit rund drei Wochen ist er Mitglied im Kleingartenverein „Zum Viereck“ in Unna Massen. Sein Wunsch, sich einen Bienenstock anzuschaffen, hat die Jury – also den Vorstand des Kleingartenvereins –letztendlich überzeugt. Es gab weitere Bewerber und das ist mittlerweile in vielen Kleingärten so. Das Interesse wächst stetig.

Alexander Lukaczyk ist 27 Jahre alt und seine Frau Sandra 32 Jahre. Die beiden sind mit ihren jungen Jahren keine Ausnahme unter den Kleingartenbesitzern – eher im Gegenteil. Es sei mittlerweile ein Trend unter jungen Leuten, Dinge selbst herzustellen – von der Konfitüre mit Früchten aus dem eigenen Garten bis zu selbst gebauten Gartenbank, erklärt Lukaczyk. Man sei stolz darauf, sagen zu können „Guck mal, das habe ich selbst gemacht“.

Das Bild vom Kleingarten

Im Kreis Unna gibt es insgesamt 22 Kleingartenanlagen, die Mitglied beim Bezirksverband Hamm-Kreis Unna der Kleingärtner sind. Es gebe aber auch Anlagen, die zur Deutschen Bahn gehören und Grabeland ohne Gartenlaube, sagt der Vorsitzende Ralf König. Teils würden auch Kommunen Gärten verpachten. Eine exakte Zahl lässt sich also nur schwer ermitteln.

Was König bei den Anlagen des Verbands beobachtet, ist, dass die Mitglieder immer jünger werden. „Das Bild hat sich verändert und es bewerben sich viele junge Familien. Das liegt in unserem Interesse“, sagt König. Die Vereine wollten mehr junge Gärtner in den Anlagen haben.

Gründe für die wachsende Beliebtheit der grünen Anlagen seien einerseits der Freizeitwert und andererseits die gesunde Ernährung. „Es geht in Richtung Bio. Wenn man etwas selbst anbaut, dann weiß man, was man hat.“

Auch im Kleingartenverein „Zum Viereck“ in Unna Massen wird der Gemüse- und Obstanbau großgeschrieben. Zum Beispiel von Familie Czense. „Die Kinder bauen selbst Gemüse an und ernten es“, sagt Nadin Czense. Ihre zwei Jungen seien ganz begeistert, wenn sie sehen, wie schnell das Obst und Gemüse wächst. Ihr sei das sehr wichtig, denn so bekämen die Kinder ein Verständnis für gesunde Ernährung. Ihre Familie hat lange in Kamen im Wohngebiet Dreieck gewohnt und dort einen Garten vermisst. „Uns hat eine Ecke gefehlt“, sagt sie lachend.

Auszeit vom Alltag

Und damit sind sie nicht alleine. Alexander Lukaczyk lebt mit seiner Frau in einer Dachgeschosswohnung in Unna. Dort hätten sie draußen nur einen „Zwinger“ zwischen Hauswand und Zaun, erzählt Lukaczyk. Weil beide mit Gärten aufgewachsen sind, wurde der Wunsch immer größer, sich einen Kleingarten anzuschaffen. Eigentlich wollten sie eine Wohnung oder ein Haus mit Garten, „aber das ist in Unna fast nicht möglich“, erzählt er. Wenn man überhaupt etwas finde, dann sei es überteuert. Ein Kleingarten sei da die perfekte Alternative. Er arbeitet ganz in der Nähe und kann in der Mittagspause hinfahren und entspannen oder sich kurz in den Pool legen. „Es entschleunigt den Alltag.“

In seinem eigenen Reich können Lukaczyk und seine Frau anbauen, was sie wollen und sich ausprobieren. „Es gibt auch Regeln und Pflichten, aber das hält sich in Grenzen“, sagt der Erzieher für Jugend und Heimerziehung. Beispielsweise würden die Hecken im Herbst gemeinschaftlich geschnitten und die Wege der Anlage regelmäßig gesäubert.

Die Preise für die Kleingärten sind unterschiedlich. Wird ein Garten frei, entscheidet ein Gutachter, wie viel er noch wert ist – vor allem das Alter der Gartenlaube spielt laut Natalie Giebel, Vorsitzende des Kleingartenvereins, eine entscheidende Rolle. „Der Gutachter kontrolliert den Zustand und das Alter der Laube und schaut, was für Bäume, Sträucher und Pflanzen da sind“, sagt Giebel. Neben dem einmaligen Kaufpreis müsse zusätzlich pro Jahr eine Pacht, ein kleiner Betrag für die Versicherung, Strom, Wasser und ein Mitgliedsbeitrag, gezahlt werden. „Das ist in jeder Anlage unterschiedlich“, erklärt Giebels. Wie viel die Kleingärtner des Kleingartenvereins „Zum Viereck“ pro Jahr genau zahlen, verrät sie nicht – aber laut Kleingärtner Manuel Czense ist der Preis fair. (Durchschnittswert für die Pacht pro Jahr siehe Grafik) „Ein dauerhafter Campingplatz wäre teurer“, sagt er. Und der wäre sogar noch kleiner. „Ein Kleingarten ist günstiger und groß. Auf der Größe bauen andere ein Haus drauf“, fügt Lukaczyk hinzu.

Garten und Gemeinschaft

In Unna Massen gehört noch mehr zum Kleingärtner-Dasein als Unkraut jäten und frisches Gemüse ernten. Es gibt immer wieder Veranstaltungen, zu denen nicht nur Kleingärtner, sondern alle eingeladen sind – beispielsweise das Erntedankfest am 6. Oktober. „Im Winter backen die Frauen regelmäßig im Vereinsheim. Und wir wollen immer mehr Feste für Kinder und Jugendliche veranstalten“, erzählt die Vorsitzende Giebels. Immerhin verjünge sich die Kleingärtnergemeinschaft immer mehr. Ältere schieden nach und nach aus, weil die Arbeit zu schwer wird. Gleichzeitig sehnen sich zunehmend junge Leute nach einer grünen Auszeit mit einer gesunden Prise „selbst gemacht“. „Ein Kleingarten ist nicht mehr spießig“, bringt Lukaczyk es auf den Punkt.

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