Kita-Notbetreuung wird erweitert: Kleiner Hopser nach der Corona-Pause

dzAb 14. Mai

Der Zugang zur Kita bleibt den meisten Kindern weiter versperrt. Nun wird die nächste Stufe der Notbetreuung freigeschaltet. Doch auch diesmal wird nur ein kleiner Teil zum Spielen und Lernen zugelassen.

von Martin Krehl

Unna, Holzwickede

, 13.05.2020, 17:27 Uhr / Lesedauer: 4 min

Gibt es meinen Kindergarten noch?“ Das fragt Noe, und er ist fast jeden zweiten Tag mal zum Nachschauen gekommen. Er hat Steine bemalt und vor „seiner“ Kita abgelegt. Der Sechsjährige kommt schon bald in die Schule, aber seit Ende März bleibt die Kita-Tür für ihn verschlossen. Ab Donnerstag darf die HEV-Kindertagesstätte in Holzwickede wie alle anderen auch wieder weitere Kinder betreuen – Noe ist aber noch lange nicht dabei.

Videobotschaften für die Kinder

Für Noe Vettas und sein Schwesterchen Eleana (3) ist jetzt der Papa zuhause Dreh- und Angelpunkt. Und der freut sich riesig, dass Hannah Hesterberg und ihre Kolleginnen die ganze Corona-Pause durch Kontakt zu seinen Kinder gehalten hat. „Das hören wir gern", lacht die Vize-Chefin der Kita der Elterninitiative. Immerhin hat es Videobotschaften für die Kinder gegeben, von den Erzieherinnen selbst vorbeigebrachte Briefe, Telefonanrufe bis hin zu Filmen mit Rezepten fürs Knete selber Machen.

Notbetreuung

Wer darf in die Kita gehen?

  • Nur Kinder von Eltern aus besonderen Berufsgruppen sowie erwerbstätige Alleinerziehende dürfen ihre Kinder derzeit im Rahmen der Notbetreunng zur Kita schicken.
  • Ab 14. Mai gilt die Notbetreuung auch für Vorschulkinder mit einer Anspruchsberechtigung nach dem Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) sowie Kinder mit Behinderungen.
  • Von Eltern privat organisierte Betreuung ist unter Auflagen möglich.

Die coronabedingt ausgesperrten Kinder pflasterten zum Dank den Weg zur Kita an der Karl-Brauckmann-Straße mit bunt bemalten Steinen. „Die Kinder wissen offenbar, was sie an uns haben. Aber mehr Wertschätzung auch außerhalb der Elternschaft wäre schon schön", wird Erzieherin Hannah Hesterberg ernst.

Tatsächlich hätten sich Erzieherinnen und Erzieher und Eltern in den vergangenen Wochen auch mal soviel Aufmerksamkeit gewünscht wie die Bundesliga-Profi-Fußballer oder die börsennotierten Konzerne. Aber in den Verlautbarungen der Politik tauchten Kitas bisher so gut wie gar nicht auf.

Aber jetzt: Donnerstag soll es also wieder losgehen mit dem Betrieb in den Kitas; aber was wie ein epochaler Schritt in die Normalität der Dreikäsehochs klingt, ist nur ein kleiner Hopser: Erstmal sind überall von den Vorschulkindern nur diejenigen dran, deren Eltern besonderen Unterstützungsbedarf haben. Oder Kinder mit erhöhtem Förderbedarf. Und das sind pro Einrichtung allenfalls eine Handvoll Kinder.

Noe weiß, dass viele seiner Kita-Freunde genauso dankbar für die Arbeit ihrer Erzieherinnen sind wie er - den Weg zur Kita ist bepflastert mit bunten Steinen.

Noe weiß, dass viele seiner Kita-Freunde genauso dankbar für die Arbeit ihrer Erzieherinnen sind wie er - den Weg zur Kita ist bepflastert mit bunten Steinen. © Martin Krehl

Recht auf frühkindliche Bildung „kann nicht unendlich lange ignoriert werden“

„Da werden viele Eltern enttäuscht sein“, prophezeit Gabriele Hofmann. Die Leiterin des evangelischen Familienzentrums „Unterm Himmelszelt" in der Unnaer Innenstadt weiß, dass viele Eltern Probleme mit ihrer Arbeit haben, solange sie ihren nicht schulpflichtigen Nachwuchs zu Hause betreuen. „Aber es geht ja nicht um das bloße Beaufsichtigen der Kinder, sondern vorrangig auch um das Recht der Kinder auf ihre frühkindliche Bildung, das kann nicht unendlich lange ignoriert werden.“

Vom ersten Tag der Corona-Pause Ende März an gab es „Unterm Himmelszelt“ eine Notbetreuung für Kinder, deren Eltern sogenannte systemrelevante Berufe ausüben: zum Beispiel Ärzte, Krankenschwestern, Supermarktkassiererinnen. „Wir haben alle gearbeitet, wer nicht in der Notbetreuung war, hat für die Einrichtung oder im Homeoffice Aufgaben erledigt oder geplant und vorbereitet für die Wochen, die noch kommen.“

Die erfahrene Kita-Leiterin weiß: „Bildung geht nur über Bindung“ im Kleinkindalter. „Also arbeiten wir immer „ganz nah am Kind“, und das geht schlecht mit Maske oder Handschuhen“. So etwas tragen die vielbeklatschten Krankenschwestern und Altenpfleger, Erzieherinnen können das nicht.

In den Kitas werden die ganz Kleinen ja auch gewickelt – wie soll denn das auf 1,50 Meter Entfernung geschehen? Und wenn sich jemand wehtut, muss er natürlich auf dem Schoß getröstet werden.

„Krankenschwestern und Altenpflegerinnen haben den Beifall vom Balkon durchaus verdient, keine Frage“, sagt Gabriele Hofmann. Aber man könnte jetzt auch mal über die Menschen in den Kindertageseinrichtungen sprechen, die auch nie aufgehört haben, sich Sorgen und Gedanken um ihre Schützlinge zu machen. Die über Wochen lustige und lehrreiche Videos erarbeitet und auf die Eltern-Handys geschickt haben, die liebevoll Vorgelesenes aufgenommen und verschickt haben. Die für die Sorgen und Nöte der Eltern am Telefon immer ansprechbar waren und sind.

„Natürlich sorgen wir uns auch um die Mehrfachbelastung der Familien,“ sagt Gabriele Hofmann. „Schließlich nennen wir unsere Einrichtung nicht nur Familienzentrum, sondern richten unsere Arbeit danach aus.“ Und genau das will die Einrichtung auch zu Corona-Zeiten bleiben.

Gabriele Hofmann von der ev. Kita "Unterm Himmelszelt" freut sich über die Bild-Geschenke der Kinder. Dass dort "Familienzentrum" über der Tür steht, ist dem Team gerade jetzt sehr wichtig.

Gabriele Hofmann von der ev. Kita "Unterm Himmelszelt" freut sich über die Bild-Geschenke der Kinder. Dass dort „Familienzentrum“ über der Tür steht, ist dem Team gerade jetzt sehr wichtig.

Kitas noch weit vom Regelbetrieb entfernt

Diakon Dietrich Schneider ist Sprecher des evangelischen Kirchenkreises Unna, der neben anderen auch die Kita „Unterm Himmelszelt“ betreibt: „Vom Regelbetrieb, der sehnlichst erwartet wird, sind die Kitas noch weit entfernt.“ Das seien beileibe keine Verwahranstalten, um die Kleinen von der Straße zu holen oder gestresste Eltern zu entlasten: „Da ging Zeit für die eminent wichtige frühkindliche Bildung verloren.“

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Schneider denkt gerade auch an die Kleinen, die erst im letzten Herbst ihre Eingewöhnungsphase abgeschlossen hatten und Ende März schon wieder zuhause bleiben müssen: „Mit denen fangen die Erzieherinnen und Erzieher wieder von vorne an.“ Schneider weiß, dass sich das Kita-Personal in allen Einrichtungen bemüht hat auch die Familien im Blick zu behalten, die in besonderen Situationen leben: „Da geht kein Kind verloren, aber es ist sehr mühsam.“

Kita Vorstadtstrolche in Mühlhausen/Uelzen.

Kita Vorstadtstrolche in Mühlhausen/Uelzen. © Dirk Becker

Zunächst kein Bedarf für eine Notgruppe

In der Mühlhauser Elterninitiative „Vorstadtstrolche“ erlebt Matthias Baumgart die Corona-Pause in der Kita in einer Doppelrolle – als Vater und als Vereinsvorstand: „Es gilt der alte Spruch, man weiß erst dann etwas wirklich zu schätzen, wenn man es nicht mehr hat.“ Wobei das „nicht mehr hat“ bei ihm gleich relativiert wird: „Unsere Erzieherinnen haben ganz toll den Kontakt zu den Kindern während der Schließung aufrecht erhalten, es gab zum Beispiel Podcasts und Briefe".

In Mühlhausen-Uelzen musste erstmal keine Notgruppe aufrecht erhalten werden, es bestand bis Mitte April schlicht kein Bedarf, weil die Eltern die Betreuung it persönlichem Einsatz selbst stemmen konnten: „Und trotzdem fehlt unseren Kinder ganz klar eine große Portion Betreuung und Bildung, wie Eltern sie so gar nicht leisten können, selbst wenn sie wollen.“

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Kita-Verantwortlicher möchte nicht mit Entscheidungsträgern tauschen

Das Spielen mit Gleichaltrigen fiel fast gänzlich weg in all' den Wochen, soziale Kontakte waren nicht möglich. Baumgart ist Jurist, möchte aber mit den Entscheidungsträgern in den Ministerien nicht tauschen: „Da konnte freitags erst eine neue Verordnung veröffentlicht werden, montags ging es schon los.“

Der kleine Noe in Holzwickede und seine Schwester Eleana werden noch eine Zeit lang Steine bemalen, erst am 28. Mai kann er sich nach dem jetzigen Stand in seiner Kita auf die Schule vorbereiten. Eleana kann vielleicht vor den Kita-Ferien noch zwei Tage in ihre Gruppe. Was nach der Sommerpause sein wird, weiß noch niemand.

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