Kinder mit Behinderung und Corona: „Schulbegleitung auf 1,50 Meter Abstand geht nicht“

dzCorona-Krise

Sie werden öffentlich kaum wahrgenommen und verdienen nur knapp über Mindestlohn. Dabei leisten Schulbegleiter eine sehr wichtige Arbeit. Unter Corona-Bedingungen haben sie es noch schwerer.

von Martin Krehl

Kamen/Kreis Unna

, 23.05.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Eine Vollkatastrophe. Für das, was ihren Mitarbeiterinnen gerade corona-bedingt passiert, hat Tanja Brückel keinen anderen Begriff: „Unsere Schulbegleiterinnen und Schulbegleiter gehören zum Niedriglohnsektor ganz unten. Kurzarbeit ist für viele jetzt existenzgefährdend“. Tanja Brückel ist ehrenamtlicher Vorstand der Familienbande Kamen, einem Netzwerk von Kita, Kursen, Mütterzentrum, Familienbildungsstätte – alles im eigenen Haus an der Bahnhofstraße in Kamen.

Eine „Abteilung“ ist die Schulbegleitung; sie ermöglicht den vielen besonderen Kindern mit Handicaps die Teilhabe am Unterricht an Förder- und Regelschulen. Die Familienbande ist ein Anbieter unter vielen im Kreisgebiet.

47 Mitarbeiter, ein hoher Anteil alleinerziehende Mütter, arbeiten ganz nah an "ihren" Kindern. An 26 verschiedenen Schulen in fast jeder Kommune im Kreis Unna. Brückel: „Die Mitarbeiter übernehmen Pflegetätigkeiten bei Schwerstbehinderten, sie haben sich für traumatisierte Kinder fortgebildet, sie sind Fachleute für Kinder aus dem Autismusspektrum – und verdienen weniger als manche Hilfskraft im Einzelhandel.“

Nichts gegen den Einzelhandel, und nichts gegen Berufsgruppen, denen Beifall von Balkonen gespendet wird. „Aber wir können im Unterricht keine Masken und Handschuhe tragen, schon gar keine Schutzkleidung, weil unsere Kinder das oft nicht ertragen", sagt Schulbegleiterin Selina Grawe.

Schulbegleitung hat nichts mit ein bisschen Nachhilfe zu tun

Mit ein bisschen Nachhilfe hat ihr Job nichts zu tun. Schulbegleiterinnen leisten oft Pflegetätigkeiten, wickeln oder begleiten ihre Kinder zu Toiletten, helfen beim Essen, kontrollieren die Diabetiker, sitzen immer ganz nah bei den Kindern, trösten, ermuntern, motivieren. Inklusion kann so glücklicherweise ganz oft in jeder Regelschule stattfinden.

„Schulbegleitung auf 1,50 Meter Abstand geht aber gar nicht", sagt Selina Grawe und hat Verständnis dafür, dass Inklusion in Corona-Zeiten gerade mal nicht stattfinden konnte. Sie hat es noch leidlich gut getroffen, die junge Fachkraft durfte einige Wochen anderweitig familienunterstützend arbeiten und bekam dafür mehr als das Kurzarbeitergeld.

Viele Schulbegleiter haben in der Krise ihr Einkommen verloren

Die meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen verloren mit der alternativlosen Schließung der Schulen aber ihr ohnehin schmales Einkommen. Die Kostenträger stellten unmittelbar sofort nach Unterrichtsende die Zahlungen ein. "Und das, obwohl das Geld doch überall schon fest im Haushalt eingeplant ist", kritisiert Tanja Brückel. Sie könne es keiner Kollegin verdenken, wenn sie sich einen anderen Job suche.

Virtuellen Ersatzunterricht für Inklusionskinder gibt es nicht

Leidtragende sind dann die Kinder, die ihre gewohnte und eingearbeitete Hilfe verlieren. "Kinder mit Behinderungen und deren Eltern haben leider keine Lobby", findet Tanja Brückel. Für Inklusionskinder virtuellen Ersatzunterricht anzubieten, das hat keine Schule hinbekommen.

Mit einer guten Schulbegleitung schaffen auch die meisten Kinder mit Handicaps den Regelschulbetrieb.

Mit einer guten Schulbegleitung schaffen auch die meisten Kinder mit Handicaps den Regelschulbetrieb. © Martin Krehl

Besonders ärgerlich sei es, wenn Regelschulen nun eigenmächtig entscheiden, diese sogenannten I-Kinder wegen des besonderen Hilfebedarfs nicht wie alle anderen schrittweise wieder in die Schulen zu holen. "Da wird suggeriert, dass unsere Kinder sich nicht an Hygiene-Regeln halten können. Was für ein verallgemeinernder Unsinn!"

Gerade die begleiteten Kinder müssen sich den Restriktionen ja nicht allein stellen. Viele Kinder aus dem Autismusbereich können sich zum Beispiel gar nicht ohne Rituale und Vorschriften entspannt dem Unterricht widmen.

Inklusionskinder sind „die vergessenen Kinder in Corona-Zeiten“

Inklusionskinder sind für Tanja Brückel eh schon "die vergessenen Kinder in Corona-Zeiten". Die erste Verlautbarung aus dem NRW-Schulministerium, in der Inklusionskinder an Regelschulen überhaupt mal erwähnt wurden, kam Monate nach der Schulschließung Mitte März. Und das nur aufgrund massiver Proteste und Offener Briefe von Landeselternverbänden.

Konkrete Hinweise, wie Schulbegleiter unter Corona-Bedingungen arbeiten sollen, gibt es übrigens bis heute nicht. Jede Schulleitung, ja, jede Lehrkraft entscheidet da ganz allein. Schulbegleiterinnen und Schulbegleiter sind es gewohnt ständig zwischen den Stühlen zu sitzen, zwischen Lehrermeinung und Elternwillen. Jetzt fühle man sich noch mehr alleingelassen, sagt Selina Grawe.

Mitleid kam vielen berufstätigen Eltern zu, die im Homeoffice ihre Schulkinder betreuen mussten. "Was die Eltern von schwerstbehinderten, aber schulpflichtigen Kindern da 24 Stunden am Tag geleistet haben, darüber wird kein Wort verloren". Tanja Brückel wüsste, wer alles Beifall vom Balkon verdient hätte.

Was genau ist Schulbegleitung?

  • Die Bundesrepublik Deutschland hat sich nach der UN-Behindertenrechtskonvention dazu verpflichtet auch Kinder mit Behinderungen möglichst in den Regelschulbetrieb zu integrieren.
  • Erst seit den 90er Jahren gibt es dafür die in den Sozialgesetzbüchern festgeschriebene Eingliederungshilfen.
  • Kindern mit besonderem Betreuungsbedarf und eingeschränkter Teilhabemöglichkeit steht eine Schulbegleitung zu – das sind körperlich und geistig behinderte Kinder und Kinder mit psychischen oder seelischen Störungen.
  • Mit einer entsprechenden fachärztlichen Diagnose müssen die Eltern eine Schulbegleitung (auch Integrationshilfe oder -assistenz genannt) beim örtlichen Sozialhilfeträger beantragen.
  • Die Zahl der schulbegleiteten Kinder hat bundesweit zwischen 2008 und 2018 drastisch zugenommen. Nach dem Wegfall vieler Förderschulen entstand ein hoher Hilfebedarf an den Regelschulen.
  • Sozialhilfeträger (Kommunen, Landschaftsverbände) müssen die Schulbegleitung bezahlen. Verschiedenste Firmen und Vereine stellen Schulbegleiter.
  • Es gibt keine beruflichen Voraussetzungen für die Schulbegleiter, fast alle Anbieter achten aber auf eine pädagogische Grundausbildung und bieten Fortbildungen bei Fachverbänden an.
  • Schulbegleiter verdienen zwischen 11 und 13 Euro brutto/Stunde; die Sozialhilfeträger zahlen nur tatsächlich geleistete Stunden.
  • Entscheidend ist immer der Elternwille, nur die Eltern suchen die Schulbegleitung bzw. den Anbieter aus.
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