VHS-Kurse per Videoschalte sind selten, die meisten Kurse fallen noch aus. Während Volkshochschüler auf die Semester-Wiederaufnahme warten, prangern Dozenten in einem „Notruf“ eine „Ungerechtigkeit“ bei Honoraren an.

Kreis Unna

, 24.05.2020, 13:37 Uhr / Lesedauer: 3 min

Theo Freihold unterrichtet Englisch, vier Stunden wöchentlich, in zwei Kursen an der Volkshochschule Lünen. Das war vor der Corona-Krise. Alle VHS im Kreis Unna haben ihren Kursbetrieb am 16. März eingestellt – und davon sind nicht nur Tausende Kursteilnehmer, sondern auch Hunderte freiberufliche Dozenten betroffen, die kein Honorar mehr bekommen. Zwar dürfen die VHS seit 4. Mai wieder Kurse unter Hygiene-Auflagen geben, doch in Einrichtungen wie in Lünen und Kamen ist das Semester trotzdem gelaufen.

Notruf von Lüner VHS-Dozenten

Freihold sagt, dass er als pensionierter Lehrer nicht auf das Honorar angewiesen ist, aber ihm gehe es um Kollegen, die um ihre Existenz bangen. Deshalb hat der 70-Jährige – zusammen mit den Lüner VHS-Dozenten Ingrid Bösken, Elisabeth Kollhoff und Martina Kranemann – einen „Notruf“ abgesetzt. In einem Schreiben machen die Unterzeichner auf die Folgen der Corona-Krise für VHS-Dozenten aufmerksam und kritisieren die Volkshochschulen im Kreis Unna für ein uneinheitliches Vorgehen bei der Vergütung der freiberuflichen Lehrkräfte.

Kommunalpolitikern wird Verzicht auf Aufwandsentschädigung nahegelegt

Bildung und Kultur, Kinder, Familien und Soloselbstständige seien bisher die Verlierer der Corona-Epidemie, heißt es in dem offenen Brief. „Im Kreis Unna sind die Volkshochschulen zeitgleich geschlossen worden, die Bezahlung der Lehrkräfte erfolgt aber nicht einheitlich. Das ist ungerecht“, schreiben die Unterzeichner. „Die unterschiedliche Wertschätzung der Dozenten zeigt sich daran, dass einige Volkshochschulen im Kreis die Honorare kulanterweise bis Ende April 2020 weiterzahlen.“ Etliche Dozenten seien zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts auf die Einnahmen angewiesen, denn die Rettungspakete würden hier nicht greifen. So bleibe diesen Honorarkräften nur, Hartz 4 oder Grundsicherung zu beantragen. Der offenen Brief schließt mit einer Frage: „Wenn man sieht, dass Piloten der Lufthansa auf 45 Prozent ihres Gehaltes, Politiker auf eine Diätenerhöhung verzichten, Kommunalpolitiker aber weiterhin ihre monatliche Aufwandsentschädigung in voller Höhe erhalten, in welchem Licht erscheint dann dieser Umstand?“

Die Lehrküche der VHS Kamen-Bönen bleibt vorerst kalt. Erst mit dem Herbstsemester wird voraussichtlich wieder der Herd angeheizt.

Die Lehrküche der VHS Kamen-Bönen bleibt vorerst kalt. Erst mit dem Herbstsemester wird voraussichtlich wieder der Herd angeheizt. © Marcel Drawe/Archiv

VHS Kamen-Bönen: Honorare pauschal weitergezahlt

Stimmt der Vorwurf, dass die Honorare uneinheitlich weitergezahlt werden? Die VHS Kamen-Bönen mit rund 80 Dozenten zahlt nach Angaben ihres Leiters Thomas Freiberger „Pauschalhonorare bis Ende April, aber Fahrtkosten werden nicht abgerechnet“. So habe man den Verwaltungsaufwand reduziert und Freiraum geschaffen, „um die nötigen Digitalisierungsschritte für die Wiederaufnahme des Kursbetriebs hinzubekommen“. Nach Freibergers Informationen haben die VHS im Kreis Unna die Honorar-Weiterzahlung teilweise unterschiedlich geregelt, was auch mit verschiedenen Rechtsformen und Größen der Einrichtungen zusammenhänge.

VHS Bergkamen: Keine Verpflichtung

Die VHS Bergkamen (80 Dozenten) verweist auf grundsätzliche vertragliche oder gesetzliche Regelungen. „Wenn wir auf Grundlage höherer Gewalt unseren Unterricht aussetzen müssen, sind wir nicht verpflichtet, Honorare auszuzahlen“, sagt Leiterin Sabine Ostrowski. Eine Kulanzregelung will sie nicht ausschließen, weil man auf die Dozenten angewiesen sei und diese nicht verärgern wolle. Bei Einzelveranstaltungen gebe die Honorarordnung die Zahlung von Ausfallhonoraren her.

VHS Unna Fröndenberg Holzwickede: Verweis auf Rettungsschirm

Die VHS Unna Fröndenberg Holzwickede (ca. 100 Dozenten) hat die Honorare für die bisher geleisteten Unterrichtsstunden bis Mitte März ausgezahlt. „Insgesamt sind wir gehalten, bei Honorarverträgen lediglich die geleisteten Unterrichtsstunden abzurechnen. Wir haben unsere Dozentinnen und Dozenten auf die Rettungsschirme des Landes und des Bundes verwiesen“, erklärt Leiterin Rita Weißenberg.

Bei der Semesterprogramm-Vorstellung im Januar dachte noch niemand an die Corona-Krise: Inzwischen ist der Kursbetrieb der VHS Lünen eingestellt und wird trotz Lockerung der Corona-Regeln vorerst nicht wieder aufgenommen.

Bei der Semesterprogramm-Vorstellung im Januar dachte noch niemand an die Corona-Krise: Inzwischen ist der Kursbetrieb der VHS Lünen eingestellt und wird trotz Lockerung der Corona-Regeln vorerst nicht wieder aufgenommen. © Stadt Lünen

VHS Lünen: Empfehlung gefolgt

Die VHS Lünen (85 Dozenten) zahlt ihren Honorarkräften für alle Kurse, die seit 16. März ausfallen, kein Geld mehr, wie eine Anfrage bei VHS-Leiter Rafael Schönhold ergibt. Mit dieser Entscheidung sei die Stadt unter anderem einer entsprechenden Empfehlung des Deutschen Volkshochschulverbandes gefolgt, der dazu ein Gutachten eingeholt habe. Zum Zeitpunkt der Entscheidung sei die Stadt Lünen außerdem fest davon ausgegangen, dass die NRW-Soforthilfe von 9000 Euro für Freiberufler „den finanziellen Schaden bei den freiberuflichen Lehrkräften abmildert“, so die Antwort der Pressestelle. Der Notruf der VHS-Dozenten um Theo Freihold deutet darauf hin, dass diese Annahme nicht in allen Fällen zutrifft.

Landesweit kaum Ausfallhonorare

Kulanzregelungen, so viel ist klar, müssten die Volkshochschulen aus eigener Tasche bezahlen – also als Zuschussbetriebe aus öffentlichen Kassen. Die VHS haben durch die Corona-Krise sämtliche Einnahmen verloren. Denn den Kursteilnehmern werden und wurden die Gebühren für ausgefallene Kurse erstattet, so wie es ihnen zusteht. Für großzügige Regelungen für Dozenten wird nur selten Spielraum gesehen. Der Landesverband der Volkshochschulen ist NRW hat bei einer Umfrage ermittelt, dass 60 von 71 befragten Volkshochschulen für die gestrichenen Kurse vor den Osterferien keine Ausfallhonorare gezahlt haben.

Eine Tai-Chi-Gruppe der VHS Unna bei einem Fest auf dem Unnaer Marktplatz.

Eine Tai-Chi-Gruppe der VHS Unna bei einem Fest auf dem Unnaer Marktplatz. © Udo Hennes/Archiv

Kurse per Video mit Jitsi

Nur theoretisch wäre den Dozenten ein Honorarausfall erspart geblieben, wenn die Kurse alle online fortgesetzt worden wären. Doch ad hoc ließ sich das nur für wenige, dringende Sprach- und Integrationskurse umsetzen, wie eine Umfrage der Redaktion ergab.

Spätestens zum Herbstsemester wollen die Volkshochschulen eine digitale Kurs-Infrastruktur ans Laufen bringen. So hat der Kamener VHS-Chef Freiberger gerade Tablets angeschafft und richtet das Videokonferenz-Tool Jitsi datenschutzkonform ein. „Wahrscheinlich werden wir nächstes Semester auch einen eigenen Youtube-Kanal haben“, sagt er.

Schon länger gibt eine VHS-übergreifende Online-Plattform, in der sich virtuelle Klassenzimmer einrichten und Videos teilen lassen. Diese „VHS Cloud“ wird nun essenziell fürs Lernen in Corona-Zeiten. „Die ersten Dozenten haben die Fortbildungen besucht“, sagt Sabine Ostrowski von der VHS Bergkamen.

Bei der VHS Lünen heißt es: „Wir planen bereits jetzt, im kommenden Semester mehr onlinebasierte Kurse anzubieten.“

VHS in Unna ist Vorreiter beim Präsenzunterricht

Unna ist Vorreiter, was die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts angeht, der in NRW seit 4. Mai erlaubt ist. VHS-Leiterin Weißenberg schildert, dass die Seminarräume nun „coronatauglich“ sind und der Lernbetrieb zunächst eingeschränkt mit wenigen Sprach-, Fotografie und EDV-Kursen angelaufen ist. Der Lerntreff im ZIB öffnet am 26. Mai wieder, dann folgen ab 2. Juni die Teilnehmer von Gesundheitskursen.

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