Jugendliche in Coronazeiten: „Wir teilen die Viren miteinander“

dzSpielplatz-Sperrungen

Bock auf Party statt Langeweile zu Hause: Jugendliche feiern und spielen auf einer Skateranlage, als gäbe es kein Coronavirus. Inzwischen haben die meisten Kommunen im Kreis Unna die vorgegebene Sperrung von Spielplätzen umgesetzt.

Kreis Unna

, 18.03.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein scheinbar normaler Ferienabend auf der Skateranlage neben dem Spielplatz „Zeche Caroline“ in Holzwickede: Vier Jugendliche sitzen auf einer Rampe und unterhalten sich, aus einem Lautsprecher kommen harte Hip-Hop-Beats. Rund acht weitere Teenager fahren mit dem Skateboard herum oder spielen am Basketball-Korb.

Es sind aber keine normalen Ferien, es sind Coronaferien: Nur wenige Stunden zuvor hat Ministerpräsident Armin Laschet bekannt gegeben, dass Spielplätze ab Mittwoch gesperrt werden. Dies gilt auch für Bolzplätze. Das Verbot soll verhindern, dass Kinder und Jugendliche dort abhängen oder spielen. Denn die Coronaferien sind keine normalen Schulferien. Die Ansteckungsgefahr durch das Virus soll eingedämmt werden.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Hier ist Spielen verboten

Die Coronakrise lähmt das öffentliche Leben: Als eine von vielen Maßnahmen zur Eindämmung der Ansteckungsgefahr haben Kommunen im Kreis Unna die Spielplätze gesperrt.
18.03.2020
/
Die Spielgeräte im Himmelmannpark in Fröndenberg sind zum Schutz gegen die weitere Ausbreitung des Coronavirus gesperrt. © Alexander Heine
Spielen verboten am Mittwoch (18. März) au dem Spielplatz an der Ernst-Reuter-Straße in Bergkamen.© Stefan Milk
Gesperrter Spielplatz am Hellweg-Museum in Unna.© Sabrina Wagner
In Kamen soll die Sperrung von Spielplätzen bis Donnerstag (19. März) umgesetzt werden – hier der Spielplatz Unkeler Weg.© Stefan Milk Stefan Milk
Flatterband vor dem Spielplatz am Zechenpark in Bergkamen am Mittwoch (18. März)© Stefan Milk Stefan Milk
Im Sesekepark spielten am Mittwochnachmittag noch Kinder. Die Stadt Kamen will die Sperrung bis Donnerstag (19. März) umsetzen.© Stefan Milk Stefan Milk
Der Wasserspielplatz im Emscherpark in Holzwickede ist großräumig mit Flatterband abgesperrt.© Carsten Fischer
Jugendliche machen am Vorabend der Spielplatz-Sperrungen Party auf der Skateranlage neben dem Spielplatz "Zeche Caroline" in Holzwickede.© Carsten Fischer

Die Nacht ist noch jung

Die Jugendlichen machen nicht den Eindruck, als würden sie sich für die Maßnahmen und den Hintergrund interessieren. Es herrscht Partystimmung mit lauter Musik. „Und die Nacht ist noch jung, Baby, du bist noch jünger. Wir sind betrunken, komm mit auf mein Zimmer“, klingt es im Laufe des Abends aus dem Lautsprecher. Auf die Frage, warum sie so eng zusammensitzen und sich hier trotz Warnungen treffen, antworten die Jugendlichen auf ähnliche Weise.

Der 16-jährige Jan findet das Verbot „relativ unnötig“. „Im Netto sind ja auch viele Menschen“, sagt er. Am liebsten möchte er über seinen Instagram-Account sprechen. Ob der Reporter das nicht „puschen“ kann, fragt er.

Coronakrise

Spielplätze gesperrt

  • In den Städten und Gemeinden waren am Mittwochmorgen Bauhof-Mitarbeiter unterwegs und spannten Flatterband vor Spielplätzen. Die Anlagen sind laut Erlass der Landesregierung ebenso wie Sportstätten und Bolzplätze zu sperren. Dies betrifft beispielsweise in Holzwickede 15, in Unna über 90 und in Bergkamen rund 70 Spielplätze. Die Maßnahme soll verhindern, dass Kinder und Jugendliche sich beim Spielen auf den öffentlichen Anlagen einer Ansteckungsgefahr aussetzen, wenn Schulen und Kitas geschlossen sind. In Kamen soll die Sperrung von rund 40 Spielplätzen erst Donnerstag erfolgen, in den übrigen Kommunen ist sie schon erfolgt.
  • In Fröndenberg sind rund 40 Spielplätze seit Dienstagnachmittag bis MIttwochmorgen gesperrt worden. Beigeordneter Heinz-Günter Freck kündigte an, dass in den nächsten Tagen vermehrt Stadtmitarbeiter unterwegs sein werden. Auch in der Innenstadt. Die würden dann vor allem schauen, ob sich Ladenbesitzer an die Schließungsverfügung hielten und kein Besucher auf Spielplätzen herumturne. „Von Patrouillen würde ich aber nicht sprechen“, betont er. Die Stadt Fröndenberg sei nur in der Pflicht, die Umsetzung der Maßnahmen des Landes sicherzustellen. Sie appelliere dabei auch an die Einsicht der Menschen.

Eine 15-Jährige, die ihren Namen nicht nennen will, hat offenbar in Corona-Zeiten keine Berührungsängste. „Wir teilen unsere Viren miteinander“, sagt das Mädchen. Junge Menschen können das neuartige Virus Sars-CoV-2 leichter wegstecken, wie die Statistik aus den Risikogebieten in China und Italien zeigt. Aber was ist mit den älteren Menschen und der gegenseitigen Rücksichtnahme?

Ein 14-Jähriger weicht diesem Einwand aus, indem er auf Hamsterkäufe zu sprechen kommt. Ältere Menschen würden sich jetzt Sorgen machen darüber, dass die „Jungen ihnen die Sachen wegkaufen“. Und was ist mit dem Argument, dass es jetzt gilt, die Ausbreitung einzudämmen, damit nicht zu viele Menschen zu Lasten des Gesundheitswesens gleichzeitig krank werden?

Ernst der Lage nicht bewusst

Es scheint so, dass der von Virologen beschriebene Ernst der Lage bei den Jugendlichen noch nicht angekommen ist. Aber das unterscheidet sie nicht von Erwachsenen, die am gleichen Tag noch dicht gedrängt in Cafés und Kneipen sitzen. Eine 14-Jährige aus der Jugendclique auf der Skateranlage sagt, dass sie das letzte Mal hier sei. „Ich nehme da Rücksicht drauf. Mein Papa hat ‘ne künstliche Herzklappe.“

Die Party auf der Skateranlage ist noch nicht zu Ende. Der Hip-Hopper, er heißt Longus Mongus und ist ein Youtube-Star, singt aus dem Lautsprecher: „Komm, lass uns feiern, lass uns diese Nacht erobern.“ Am nächsten Morgen rücken Bauhof-Mitarbeiter an und sperren alle Spielplätze in Holzwickede mit Flatterband ab.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Covid-19-Patienten
Ruhe vor dem Corona-Sturm: So ist die Lage in Krankenhäusern in Unna und Kamen