Integration ist auch eine Definitionsfrage. Alle Migranten in deutsche Strukturen pressen sei nicht der richtige Weg, sagt der Kreis Unna – und warnt davor, Integration allein über Sprache zu definieren.

Kreis Unna

, 12.11.2019, 15:48 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Herausforderungen waren lange nicht so groß wie infolge der sogenannten Flüchtlingskrise. Weltweit waren so viele Menschen wie nie zuvor auf der Flucht, das stellte auch die Bundesrepublik Deutschland vor ungeahnte Aufgaben. Die Krise ist längst bewältigt. Geblieben ist freilich die Frage, wie Integration gelingen kann. Nämlich die Integration derjenigen, die ein Recht haben, hier zu bleiben.

Migration prägt Deutschland seit den 1960er-Jahren

Eine Frage, die sich in Deutschland nach 2015 neu gestellt hat; die aber keineswegs neu für die Gesellschaft war. Schließlich lebten in der Bundesrepublik und insbesondere auch im Kreis Unna schon vorher Menschen mit und ohne Migrationshintergrund überwiegend wie selbstverständlich zusammen. Neben den sogenannten Gastarbeitern der 1960er- und 1970er-Jahre prägten der Zuzug von Aussiedlern und Spätaussiedlern, die Asylbewegungen der 1980er- und 1990er-Jahre und die Freizügigkeit innerhalb der EU die Migration nach Deutschland.

„Wenn man in den 1990ern gesagt hat, Deutschland sei ein Einwanderungsland, hat das sofort ein politisches Erdbeben ausgelöst.“
Michael Makiolla, Landrat

Dennoch: Lange Zeit überwog das Misstrauen auch im wiedervereinigten Deutschland. „Wenn man in den 1990ern gesagt hat, Deutschland sei ein Einwanderungsland, hat das sofort ein politisches Erdbeben ausgelöst“, erinnert sich Landrat Michael Makiolla. Die Skepsis ist in der breiten politischen Mehrheit inzwischen dem Eingeständnis gewichen, dass Deutschland genau das ist. Nämlich ein Einwanderungsland.

Dass das so ist, ist – nicht nur, aber auch – ein Ergebnis gelungener Integration. In den allermeisten Fällen ist das Miteinander unterschiedlicher Kulturen schließlich so selbstverständlich, dass es schlichtweg kein Thema ist.

Pioniere bei der Integrationsarbeit in Nordrhein-Westfalen

Und das ist eben auch ein Verdienst von Einrichtungen wie dem Kommunalen Integrationszentrum (KI), mit dem der Kreis Unna 1989 Pionierarbeit unter den Landkreisen in Nordrhein-Westfalen geleistet hat. Der Name war damals ungleich sperriger: Regionale Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien (RAA).

Migranten unter sich: Droht Integration daran zu scheitern?

Ein Foto aus dem Gründungsjahr 1989: Der Kreis Unna hat als erster Landkreis in Nordrhein-Westfalen Integration als kommunale Aufgabe wahrgenommen und eine entsprechende Einrichtung dafür gegründet; das heutige Kommunale Integrationszentrum. © Kreis Unna

Geblieben ist aber auch nach der jüngsten Umbenennung vor rund fünf Jahren der Auftrag, Integrationshürden im Alltag abzubauen. Seit 30 Jahren versteht sich die Einrichtung als Anlaufstelle für alle Fragen zum Thema, und vor allem als Motor der Integration. 17 Mitarbeiter weiß Sachgebietsleiterin Marina Raupach dafür um sich. Das „Rucksack“-Projekt und die „GoIn“-Schulen sind prestigeträchtige Projekte des kommunalen Integrationszentrums. Es versteht sich aber auch als Helfer für den Abbau von Integrationshürden beispielsweise in Behörden. Wenn etwa bekannt ist, welcher Mitarbeiter welche Sprachen spricht, kann das im Umgang mit Bürgern enorm hilfreich sein.

Hintergrund

Das Kommunale Integrationszentrum

  • Das Kommunale Integrationszentrum wurde am 1. September 1989 gegründet. Sie war die erste Einrichtung ihrer Art einer Kreisverwaltung in Nordrhein-Westfalen und ist heute eines von landesweit 54 kommunalen Integrationszentren.
  • Unter der Leitung von Marina Raupach arbeiten insgesamt 17 Mitarbeiter daran, Integrationshürden im Alltag abzubauen. Sie beraten und qualifizieren Fachkräfte und Funktionsträger, führen Eltern- und Sprachbildungsprogramme durch und setzen diverse Projekte um. Darüber hinaus verstehen sie sich als Netzwerker.
  • Das Kommunale Integrationszentrum sitzt an der Schulstraße 8 in Bergkamen. Öffnungszeiten: Montags bis donnerstags von 8.30 bis 16 Uhr, freitags von 8.30 bis 12 Uhr.

Raupach: „Akzeptieren, dass wir mehrsprachig sind“

So versteht Raupach denn auch gelungene Integration. „Gelungen ist Migrations- und Integrationspolitik, wenn akzeptiert wird, dass wir mehrsprachig sind“, sagt sie. „Amtssprache Deutsch, aber Muttersprache als Ressource und nicht als Defizit.“ Integration aber allein mit dem Aspekt Sprache zu verbinden, sei zu kurz gedacht. „Wenn soziale und berufliche Integration nicht funktionieren, dann hilft auch Sprache nicht“, sagt Raupach, dass Gesellschaft sich auch auf die spezifischen Bedürfnisse von Migranten einstellen muss. „Jeder kann seine Kultur leben, ohne dass es anderen schadet. Wer die Spielregeln nicht einhält, kriegt die gelbe oder rote Karte.“

„Alle in deutsche Strukturen zu pressen ist falsch verstandene Integration.“
Torsten Göpfert, Dezernent

Das allerdings wird dann auch in aller Regel plakativ thematisiert: Dort, wo Integration offenkundig nicht funktioniert, zeichnen Populisten das Bild einer Gefahr für das gesamtgesellschaftliche Gefüge in Deutschland herbei. Natürlich: Beispiele nicht gelungener Integration gibt es viele. Die Problemviertel in den Revierstädten zählen sicher zu den bekanntesten. Daraus aber abzuleiten, Integration könne nur dann erfolgreich sein, wenn Migranten ihre eigene Kultur aufgäben, ist nicht nur aus Sicht von Marina Raupach falsch. „Alle in deutsche Strukturen zu pressen ist falsch verstandene Integration“, sagt Torsten Göpfert, Sozialdezernent des Kreises Unna. In einer Migrationsgesellschaft werde es immer Strukturen geben, in denen Menschen sich auf ihre eigene Kultur besönnen. Es sei ein natürliches Phänomen, dass Migranten sich zu Vereinen zusammenschlössen. „Das ist kein Zeichen gescheiterter Integration, ganz im Gegenteil“, betont denn auch Raupach.

Migranten unter sich: Droht Integration daran zu scheitern?

Gruppenfoto anlässlich des 30. Geburtstag der Einrichtung: Die Mitarbeiter des Kommunalen Integrationszentrum um Sachgebietsleiterin Marina Raupach (Mitte). © Kreis Unna

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