Hunderte Unternehmen in Kurzarbeit – Kritik am Nonfood-Verkauf der Discounter

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Der Frühling ist Gartenzeit, aber davon hat Jörn-Hauke Nielsen nichts. Der Gartenmöbel-Händler in Unna musste schließen und Kurzarbeit anmelden. Noch immer gibt es keinen genauen Überblick über die dramatische Lage der Wirtschaft im Kreis Unna.

Kreis Unna

, 29.03.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Auch zwei Wochen nach den ersten Schließungsanordnungen gibt es noch keinen vollständigen Überblick über das Ausmaß der Folgen der Corona-Krise für die Beschäftigten in Industrie, Handel und Dienstleistungssektor. Wie viele Hundert Unternehmen und Selbstständige im Kreis Unna in wirtschaftliche Bedrängnis geraten sind und wie viele tausend Arbeitsstellen bedroht sind, lässt sich derzeit nicht genau beziffern. Von einem „immensen Anstieg“ und „inzwischen einigen Hundert Anzeigen“ spricht Ulrich Brauer von der Agentur für Arbeit in Hamm in einer Bilanz zum Wochenende. Die Zahl der Betroffenen belaufe sich auf ein „Vielfaches der Anzeigen“.

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Kurzarbeit hat auch Jörn-Hauke Nielsen für die Hartman Outdoor Products Germany GmbH in Unna angemeldet. „Wir machen sonst in diesen drei Monaten unser Jahresgeschäft“, sagt der aus Kamen stammende Geschäftsführer des Gartenmöbel-Händlers. 15 Mitarbeiter in der Deutschland-Vertriebstochter des niederländischen Unternehmens sind betroffen.

Ob Lounge-Sitzgruppen oder Sonnenschirme, das Lager an der Massener Straße in Unna bleibt voll. Nielsen findet bei allem Verständnis für Schutzmaßnahmen, dass die Regelungen, die sein Unternehmen in die Kurzarbeit zwingen, ungerecht sind. „Bei allen Maßnahmen die durch Corona zwingend notwendig sind, verstehe ich eine gar nicht: Selbstverständlich brauchen wir eine Versorgung mit Lebensmitteln. Die Mitarbeiter in diesen Geschäften machen einen unvorstellbar wichtigen und gefährlichen Job. Aber warum dürfen Discounter wie Lidl und Aldi stationär auch nicht lebensnotwendige Nonfood-Artikel anbieten?“, fragt Nielsen. Dadurch würden die Kunden noch länger im Geschäft verweilen und somit die Mitarbeiter unnötig gefährden. Zudem würden lokale Nahversorger für diese Artikel stark im Wettbewerb benachteiligt.

Nonfood-Artikel – das sind mehrmals wöchentlich angebotene Aktions- und Saisonwaren vom Schulheft bis zum Fernseher. Dazu zählen in diesen Tagen auch: Gartenmöbel, Sitzkissen, Gartenzubehör – sprich: all das, was das Gartenmöbel-Geschäft Hartman in Unna derzeit nicht verkaufen darf. Geschäftsführer Nielsen steht mit seiner Kritik nicht allein. Die Ketten Woolworth, Roller, Takko, Tedi und Kik beklagten in einem Schreiben an Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), dass der Online-Handel und der Lebensmitteleinzelhandel weiterhin uneingeschränkte Geschäfte machen dürfen. Bislang ohne Erfolg.

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Die Agentur für Arbeit nimmt derweil weiter die Kurzarbeit-Anzeigen entgegen. Namen wie Zurbrüggen, wo der Chef des Möbelhauses das Kurzarbeitergeld freiwillig aufstockt, sind unter anderem bekannt geworden. Die Agentur für Arbeit nennt aus datenschutzrechtlichen Gründen keine betroffenen Unternehmen. „Aber es betrifft aktuell viele kleinere Unternehmen, insbesondere des Einzelhandels, des Gastro-Bereichs und auch Teile des Handwerks“, sagt Agentursprecher Brauer.

Eine Zwischenbilanz für den Kreis Unna wird frühestens am 31. März mit dem monatlichen Arbeitsmarktbericht vorliegen. Das Arbeitsamt gibt derzeit mit folgender Begründung nichts Konkretes: Der für den Kreis Unna zuständige „Operative Service“ in Dortmund mit diversen Außenstellen erfasst sämtliche Anzeigen für die Agenturbezirke Dortmund, Hamm, Hagen, Siegen und Iserlohn. Eine Erfassung nach Unterregionen finde bei der Entgegennahme nicht statt.

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