Lohnt es sich noch, den elterlichen Hof zu übernehmen? Diese Frage stellen sich die Kinder von Landwirten. Carlo Kortenbruck hat die Antwort schon gefunden. Dennoch plagen auch ihn Sorgen.

Bergkamen

, 05.03.2020, 15:42 Uhr / Lesedauer: 3 min

Er ist 21 Jahre alt, hat eine abgeschlossene Ausbildung und die Perspektive, den elterlichen Betrieb zu übernehmen: Die Zukunft von Carlo Kortenbruck scheint perfekt. Der Haken: Der Betrieb seines Vaters ist kein klassisches Wirtschaftsunternehmen, sondern ein Bauernhof. Und die Frage, ob es sich lohnt, einen Hof zu übernehmen, beantworten junge Leute heute sehr unterschiedlich.

Eine Herzensentscheidung

Carlo Kortenbruck hat sich längst entschieden: Ja! Er will in die Fußstapfen seines Urgroßvaters treten, der den Hof Fischer in Berkamen-Heil einst übernahm. Und in die seines Großvaters und seines Vaters. „Für mich war das klar“, sagt der Jungbauer. Es war eine Herzensentscheidung, aber natürlich stellt sich der 21-Jährige auch die Frage, wie die Zukunft in der Landwirtschaft aussieht.

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Mit dieser Frage hat sich zuletzt auch der Landwirtschaftliche Kreisverband Ruhr-Lippe im Rahmen einer Podiumsdiskussion befasst. Realistisch erscheint, was Eva Piepenbrock vom Magazin „f3 Food, Farm, Future“ beschrieb: Landwirte müssen in Zukunft auch Marketing beherrschen. „Das muss sicher noch gelernt werden“, gab sie zu. Möglicherweise könnten auch Start-up-Unternehmen wichtige Unterstützer werden.

Eva Piepenbrock hat viele Kontakte in die Landwirtschaft. Sie weiß: Bauern müssen in der Zukunft mehr positive Geschichten über ihre Produkte erzählen können.

Eva Piepenbrock hat viele Kontakte in die Landwirtschaft. Sie weiß: Bauern müssen in der Zukunft mehr positive Geschichten über ihre Produkte erzählen können. © WLV/Drees-Hagen

Natürlich wissen Landwirte längst, wie sie ihre Produkte verkaufen. Piepenbrock machte aber deutlich, dass es um mehr gehe: „Landwirte müssen die Fähigkeit entwickeln, gute Geschichten über ihre Produkte zu erzählen.“ Übersetzt heißt das: Bauern müssen an ihrem Image feilen und Marken entwickeln.

Blühstreifen gegen negatives Image

Tatsächlich haben Landwirte oft ein negatives Image. „Wir als Landwirtschaft wehren uns dagegen, für alles verantwortlich gemacht zu werden“, sagt Hans-Heinrich Wortmann, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Ruhr-Lippe, und spielt etwa auf die Themen Klimaschutz, Grundwasserqualität und Tierhaltungsbedingungen an. Auf der anderen Seite haben die Bauern mit den groß angelegten Blühstreifen und dem Insektenschutz im vergangenen Jahr aber auch Sympathien zurückgewonnen.

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Höfe im Kreis

Werne ist Spitzenreiter

Im Jahr 2019 gab es im Kreis Unna insgesant 621 aktive landwirtschaftliche Betriebe. Die Landwirtschaftskammer NRW nennt folgende Zahlen für die einzelnen Städte und Gemeinden:
  • Werne: 128
  • Selm: 99
  • Unna: 95
  • Fröndenberg: 76
  • Bergkamen: 44
  • Schwerte: 43
  • Bönen: 40
  • Lünen: 40
  • Kamen: 36
  • Holzwickede: 20

Dennoch: Bauernhöfe werden nie wieder so, wie sie früher mal waren und wie viele Menschen sie sich auch heute noch romantisch vorstellen. Das weiß auch Carlo Kortenbruck: „Früher gab es auf Bauernhöfen ja fast alles. Heute werden wir alle zu Spezialisten.“ Der Hof Kortenbruck etwa habe früher auch noch Hühner im größeren Stil gehabt – heute sind die wenigen Hennen eher ein Hobby für den jungen Landwirt.

Carlo Kortenbruck am Kuhstall. Die Tiere haben viel Platz. Der alte Stall wird nun genutzt, um dort Mastschweine zu halten. Dabei werden die Vorgaben des „Tierwohl“-Labels umgesetzt.

Carlo Kortenbruck am Kuhstall: Die Tiere haben viel Platz. Der alte Stall wird nun genutzt, um dort Mastschweine zu halten. Dabei werden die Vorgaben des „Tierwohl“-Labels umgesetzt. © Marcel Drawe

Der Schwerpunkt liegt auf der Milchwirtschaft. 110 zu melkende Kühe haben die Kortenbrucks aktuell im Stall. Als sie den bauten und das alte Gebäude frei wurde, fiel die Entscheidung, dort Mastschweine zu halten. 450 sind es, es könnten eigentlich mehr sein. Die Kortenbrucks folgen aber den „Tierwohl“-Vorgaben und halten freiwillig 20 Prozent weniger Tiere.

Gesetze zwingen zu Investitionen

Der neue Stall ist nur ein Beispiel dafür, dass Landwirte regelmäßig investieren. Nicht immer freiwillig. So mussten die Kortenbrucks vor drei Jahren eine neue Silo-Anlage bauen, um die europäische Gesetzgebung umzusetzen.

„Solche Investitionen sind in der Regel auf 20 Jahre angelegt“, sagt Carlos Vater Heinz-Dieter. Es geht in der Regel um große Summen, oft sechsstellige Beträge. „Da spreche ich mich auch jetzt schon mit meinem Sohn ab“, sagt Heinz-Dieter Kortenbruck, der den Hof einst zunächst von seinem Vater pachtete und ihn später ganz übernahm.

Carlo Kortenbruck zeigt die neue Silo-Anlage, die vor drei Jahren errichtet wurde. Er hofft, dass sie möglichst lange den gesetzlichen Vorgaben entspricht.

Carlo Kortenbruck zeigt die neue Silo-Anlage, die vor drei Jahren errichtet wurde. Er hofft, dass sie möglichst lange den gesetzlichen Vorgaben entspricht. © Marcel Drawe

Der neuen Silo-Anlage sieht man nicht an, wie teuer sie war. 30 Meter breit ist sie und 50 Meter lang. „Eigentlich ist das nur Beton und Asphalt“, sagt Carlo Kortenbruck. Er hofft, dass die Anlage längerfristig genutzt werden kann.

Ein Problem für die heimischen Landwirte ist nämlich, dass es immer wieder neue Regelungen gibt. Das aktuellste Beispiel ist die neue Landesdüngeverordnung, die die Landesregierung NRW jüngst verabschiedet hat. Sie ergänzt eine Vorschrift, die erst seit 2017 gilt – und sie macht den Bauern schon jetzt neue gesetzliche Vorgaben.

Carlo Kortenbruck im Melkstand: Diese Aufgabe könnte mittelfristig ein Melkroboter übernehmen.

Carlo Kortenbruck im Melkstand: Diese Aufgabe könnte mittelfristig ein Melkroboter übernehmen. © Marcel Drawe

Eine Investition, die sich Carlo Kortenbruck für die Zukunft durchaus vorstellen kann, ist ein Melkroboter. „Ich bin technisch interessiert und könnte mir das gut vorstellen“, sagt er. Kennengelernt hat er die moderne Technologie schon in seinem ersten Ausbildungsjahr, das er bei der Familie Lategahn auf dem Milchhof Mühlhausen in Unna absolvierte.

Für den Jungbauern stellte sich die Frage, ob er auch in Zukunft auf Kühe setzen will, nicht. „Damit bin ich groß geworden“, sagt er. Was nicht groß geworden ist, ist allerdings der Milchpreis.

Carlo Kortenbruck und sein Vater Heinz-Dieter müssen auch die Zahlen stets im Blick haben. Schließlich ist auch ein Bauernhof ein Wirtschaftsbetrieb, der Erträge abwerfen muss.

Carlo Kortenbruck und sein Vater Heinz-Dieter müssen auch die Zahlen stets im Blick haben. Schließlich ist auch ein Bauernhof ein Wirtschaftsbetrieb, der Erträge abwerfen muss. © Marcel Drawe

Aktuell bekommen Bauern zwischen 30 und 33 Cent pro Liter. „Kostendeckend wären 35 Cent, wirklich verdienen würden wir erst ab 40 Cent“, weiß Heinz-Dieter Kortenbruck. Verantwortlich gemacht für den niedrigen Preis werden vor allem Discounter. Letztlich sind es aber vor allem die Verbraucher, die nicht bereit sind, mehr Geld für landwirtschaftliche Produkte auszugeben.

Verbraucher honorieren Tierwohl kaum

Das bewies zuletzt auch ein Test der Hochschule Osnabrück. Nur 16 Prozent der Einzelhandelskunden waren demnach tatsächlich bereit, einen Tierwohlartikel (in Form verpackter Ware) anstatt konventionell erzeugter Ware zu kaufen. Das Kaufverhalten entscheidet sich deutlich von den Ergebnissen allgemeiner Umfragen.

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