Facebook-Chat und WhatsApp-Nachricht beim Stillen: Plakate sollen Eltern wachrütteln

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Auf dem linken Arm das Baby schaukeln, mit der rechten Hand den WhatsApp-Status der Freundin checken: Immer mehr Eltern tauchen in digitale Welten ab, selbst wenn sie ihr Kind bei sich haben. Die Jugendämter im Kreis Unna reagieren nun.

Kreis Unna

, 12.12.2019, 16:11 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein Fernseher im Kinderzimmer - das war vor 25 Jahren ein Grund, hellhörig zu werden. Erzählte ein Grundschüler in den 1990er-Jahren, er habe einen Fernseher in seinem Zimmer, war das für die Mitschüler ein Grund, neidisch und für die Lehrer ein Anlass, besorgt zu sein. Heute haben teilweise schon Fünfjährige ein Handy, tummeln sich Viertklässler in WhatsApp-Gruppen und spielen Kindergartenkinder auf dem Smartphone der Eltern.

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Die Kinder machen nach, was sie um sich herum sehen - und was ihre Eltern ihnen vorleben. „Das Smartphone ist heute immer dabei. Kinder sehen es von Klein auf bei ihren Eltern“, sagt Monika Thünker, Koordinatorin des Netzwerks Frühe Hilfen beim Kreis Unna, „man sieht immer mehr Eltern, die mit der einen Hand den Kinderwagen schieben und mit der anderen auf ihrem Handy rumtippen.“

Plakate in Smartphone-Display-Optik

Dass auf diese Weise Kinder das Handy als selbstverständlich wahrnehmen und durch die permanente digitale Ablenkung ihrer Eltern auch aus dem Fokus geraten, sehen die Jugendämter im Kreis Unna mit Sorge. In diesen Tagen starten sie daher eine groß angelegte Plakatkampagne. „Heute schon mit Ihrem Kind gesprochen?“ ist sie überschrieben und soll Eltern dafür sensibilisieren, was ihr Medienkonsum mit ihrem Kind macht.

Facebook-Chat und WhatsApp-Nachricht beim Stillen: Plakate sollen Eltern wachrütteln

Mit einer Plakataktion wollen die Jugendämter im Kreis Unna Eltern dafür sensibilisieren, trotz Handy und Co. ihr Kind nicht aus dem Fokus zu verlieren. © Marcel Drawe

Ein Vater, der sein Kleinkind auf dem Schoß hält und gleichzeitig auf seinem Handy spielt ist dabei nur eines der insgesamt vier Motive, die auf den verschiedenen Plakaten zu sehen sind. Sie alle veranschaulichen Situationen, die Eltern und Kinder gemeinsam zeigen, in denen aber das Handy allein die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es sind Situationen, in denen sich wohl jeder wiederfinden dürfte. „Die Nutzung des Smartphones passiert oft unbewusst. Daher wollen wir mit dieser Kampagne auch niemanden rügen oder maßregeln, sondern dazu anregen, innezuhalten und zu realisieren, was man da gerade eigentlich macht“, betont Thünker.

Seit fünf Jahren ist veränderte Kommunikation zu beobachten

Dass es dafür höchste Zeit ist, zeigen die Erfahrungen, die Lehrer und Erzieher im Kreisgebiet seit einigen Jahren machen. „Die digitalen Medien und ihre Nutzung durch die Eltern haben großen Einfluss auf die Kinder. Das merken wir bei der Aufmerksamkeitsspanne und der Kommunikation unserer Schüler“, sagt Britta Bartmann, stellvertretende Schulleiterin der Hellweg-Grundschule in Bönen.

„Kinder brauchen nicht rund um die Uhr Aufmerksamkeit, aber es gibt Zeitpunkte, an denen sie voll im Fokus stehen müssen, zum Beispiel, wenn sie aus der Kita abgeholt werden.“
Nicole Börner, Netzwerkkoordinierende für Frühe Hilfen in Kamen

Sie hat gerade die Diagnose-Gespräche mit den kommenden Schulanfängern geführt - und dabei immer öfter eines gehört: „Da haben schon Fünfjährige ein Handy. Wenn man die Eltern darauf anspricht, sagen sie oft: Das ist mein altes Handy, das hat mein Kind nur zum Spielen.“

Erika Neithart, Leiterin des AWO-Familienzentrums in Fröndenberg, kann ebenfalls ein Lied davon singen, welch‘ großen Raum Smartphones mittlerweile schon im Kindergarten einnehmen. „Da gibt es Eltern, die ihre Kinder abholen, ihnen die Jacke anziehen und dabei die ganze Zeit das Handy am Ohr haben.“ Handys in der Kita zu verbieten, hält Neithart aber nicht für die richtige Lösung.

„Wir nehmen die Plakatkampagne jetzt zum Anlass, mit den Kindern darüber zu sprechen. Das Ziel ist, dass wir darüber die Eltern erreichen. Wenn die Kinder gestärkt sind, sich auch mal dazu zu äußern, dass sie das Handy gerade stört und sie die volle Aufmerksamkeit ihrer Eltern brauchen, dann ist das ein wichtiger Schritt“, findet die Erzieherin.

Die Plakate hängen ab sofort in Kindergärten, Schulen, Beratungsstellen, im Jobcenter und in Arztpraxen aus. Auch in den Elternschulen der Krankenhäuser werden sie zu finden sein - in Zeiten, in denen werdende Eltern das Smartphone mit in den Kreißsaal nehmen, scheint das leider notwendig.