Gerüstet für schulische Krisenfälle

dzSchulpsychologische Beratungsstelle

Seit zehn Jahren gibt es die Schulpsychologische Beratungsstelle für den Kreis Unna. Mehr als 4000 Mal ist sie seitdem beratend tätig geworden. Ihre Dienste sind nicht nur im Krisenfall wertvoll.

Kreis Unna

, 05.10.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es war eine Konsequenz aus den Amokläufen an Schulen in Erfurt (26. April 2002) und in Emsdetten (20. November 2006), dass das Land und der Kreis Unna im Januar 2008 vereinbarten, eine Schulpsychologische Beratungsstelle aufzubauen. Das Ziel war es, ein Unterstützungsangebot für Prävention und Intervention im Krisenfall zu entwickeln. „Damals gehörte der Kreis Unna – neben vielen anderen Kreisen und Städten wie Dortmund oder Bochum – zu den weißen Flecken auf der NRW-Karte der Schulpsychologischen Versorgung“, erklärt Cornelia Heinz von der Bezirksregierung Arnsberg. „Ausschlaggebend waren für uns, wie auch für die Landesregierung, die Vorfälle an den Schulen. Uns ist klar geworden, da müssen wir etwas tun. Dass wir das mittlerweile seit zehn Jahren tun, hat sicher etwas gebracht. Dass es nicht alles verhindern kann, hat man leider erst in diesem Jahr in Lünen gesehen“, sagt Schuldezernent Torsten Göpfert. Am 23. Januar dieses Jahres hat an der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Lünen ein Schüler einen Mitschüler mit einem Messer angegriffen und tödlich verletzt. Göpfert: „Man kann sicherlich nicht alles verhindern, aber eben dazu beizutragen, dass solche Vorfälle möglichst selten vorkommen. Und wenn sie vorkommen, dann können wir den Betroffenen die Hilfe zukommen lassen, die sie verdienen.“

Fünfeinhalb Psychologenstellen

Die Zusammenarbeit mit der Landesregierung habe sowohl beim Aufbau als auch im Krisenfall gut funktioniert, bestätigt Bernd Engelhardt. Von den fünfeinhalb Stellen, die derzeit von fünf Psychologinnen und einem Psychologen bekleidet werden, trägt der Kreis Unna zwei Stellen, dazu kommen die Büroräume, Sachausstattung und eine Verwaltungskraft. Engelhardt ist Vorsitzender des Ausschusses für Bildung und Kultur und betont die Notwendigkeit dieser Investitionen: „Vorfälle wie in Lünen zeigen, wie wichtig die Mittel in diesem Bereich sind. Der Kreis Unna soll dabei gleichmäßig über alle Städte und Gemeinden betreut werden. Das funktioniert gut.“

Gerüstet für schulische Krisenfälle

v.l.: Cornelia Heinz (Bezirksregierung Arnsberg), Bernd Engelhardt (Ausschussvorsitzender Bildung und Kultur), Anja Seeber (Fachbereichsleitung Schule und Bildung), Andreas Hunke (Leiter der Schulpsychologischen Beratungsstelle), Torsten Göpfert (Schuldezernent).

Das sieht man auch vonseiten der Bezirksregierung, Heinz: „Das überdurchschnittliche Engagement des Kreises Unna zeigt, wie ernst man hier das Thema nimmt.“ 90 Prozent aller Schulen im Kreis Unna haben mittlerweile ein Krisenteam aufgebaut. In der Öffentlichkeit wird Schulpsychologische Beratung freilich oft erst zum Thema, wenn es zu einem Krisenfall kommt. Aber besonders jenseits davon zeigt sich, wie vielfältig die Aufgabenbereiche hier sind.

Fortbildung für Lehrkräfte

„Wir bieten umfassende Fortbildungs- und Zertifizierungsmaßnahmen für Lehrkräfte an, um so direkt Ansprechpartner an den Schulen zu haben“, erklärt Andreas Hunke. Der Leiter des Schulpsychologischen Beratungsdienstes kann dabei kreisweit mittlerweile auf 70 Lehrkräfte zählen, die Schülern, Eltern und Kollegen zur Verfügung stehen, wenn es Probleme gibt. Zum einen sei es wichtig, dass das Kollegium, wie Eltern oder auch Mitschüler direkt an der Schule jemanden hätten, der die notwendigen Kompetenzen in diesem Bereich mitbringt. Zum anderen ist dadurch auch der Kontakt zur Beratungsstelle des Kreises gewährleistet. Nach der Fortbildung gibt es regelmäßige Nachfolgetreffen, auf denen sich die Lehrkräfte mit den Psychologen austauschen und Erlebtes besprechen können. „Unsere Arbeitsbereiche umfassen zum Beispiel die schülerbezogene Einzelfallberatung. Dabei steht ein Schüler im Mittelpunkt, wenn etwa Auffälligkeiten bestehen, die mit Mobbing, der schulischen Leistung oder unentschuldigter Abwesenheit vom Unterricht zusammenhängen“, erklärt Andreas Hunke. Allein in diesem Jahr hat es bereits 371 dieser Beratungen gegeben. 35 Kriseninterventionen sind in diesem Jahr bereits verzeichnet worden, dies ist die Bezeichnung dafür, wenn der Schulpsychologische Beratungsdienst etwa in Fällen von extremen Mobbingvorkommnissen oder Suizidalität eingeschaltet wird.

Thema Lernschwierigkeiten

Auch das Thema Lernschwierigkeiten gehört dazu: „Bei den unteren 20 Prozent der Schüler gibt es Probleme, die die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verhindern können. Es gibt ja die Maxime: „Kein Kind zurücklassen!“ und wir helfen den Schulen dabei, diesen Grundsatz umzusetzen“, so Hunke. Grundsätzlich sei es das längerfristige Denken, das in diesem Bereich zähle. Dass dies auch an den Schulen so wahrgenommen wird, zeige sich daran, dass es zu jeder Fortbildung bislang mehr Anmeldungen als freie Plätze gegeben habe. Es gehe darum, Lehrkräfte bei der stetig wachsenden Aufgabenvielfalt im Schulalltag zu begleiten. „Die Ansprüche sind stetig gestiegen, nicht aber die Ausstattung. Lehrkräfte sind viel belasteter als zu der Zeit, als Lehrer nur Wissensvermittler gewesen sind“, so Hunke. Dieses Thema gehört auch zum Fokus der Bezirksregierung. „Wir schauen, wo haben sich Bedarfe verändert? Mit Blick auf den gesamten Bezirk ist auch die Lehrergesundheit ein zentrales Thema“, so Cornelia Heinz. Steigende Belastung erfordere hier auch Unterstützung für die Unterstützer. Die Verzahnung von den Systemen Schule und Jugendhilfe sieht Schuldezernent Göpfert als eines der Kernthemen für die Zukunft, zumal sich in der Entwicklung der Frage „Wer erzieht die Kinder“ Schule und Elternhaus bisweilen gegenseitig die Pflicht zuweisen.

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